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Die Neue und der Alte bei Thyssenkrupp: Martina Merz und Guido Kerkhoff. 

Industrieriese

Künftig steht eine Frau an der Spitze von Thyssenkrupp

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Martina Merz wird als erste Frau Chefin eines deutschen Industrieriesen. Sie soll den Stahlkonzern aus der Krise führen.

Es ist fast ein Witz: Wäre Thyssenkrupp, dieser legendäre deutsche Industriekonzern, zum Wochenanfang nicht gerade aus der ersten deutschen Börsenliga verbannt worden, hätte der Deutsche Aktienindex (Dax) jetzt sein erstes Unternehmen mit einer Frau an der Spitze. Denn der Essener Stahlkonzern wird künftig von der Managerin Martina Merz geführt. Die 56-Jährige, die bisher den Aufsichtsrat geleitet hat, übernimmt übergangsweise und – so der Plan – für höchstens zwölf Monate den Vorstandsvorsitz.

Damit scheint sich mal wieder der Satz zu bewahrheiten: „Think crisis, think woman.“ Gemeint ist damit, dass Frauen bei der Besetzung von Spitzenposten häufig dann zum Zuge kommen, wenn eine Organisation schon tief im Schlamassel steckt. Das kann man von Thyssenkrupp durchaus so behaupten. Der Hersteller von U-Booten, Fahrstühlen und Stahl versucht seit Jahren wieder in die Spur zu kommen. Zuletzt durfte sich Vorstandschef Guido Kerkhoff an dieser Aufgabe versuchen, der jetzt nach nur einem Jahr im Amt schon wieder gehen soll.

Thyssenkrupp: Börsenwert schrumpft, Abstieg in den M-Dax

Kerkhoff plante, Thyssenkrupp „neu und profitabler“ aufzustellen. Im Mai hatte er die Streichung von 6000 Stellen angekündigt, die attraktive Aufzugsparte soll verkauft werden. Auch weitere Bereiche, etwa die Automobilzulieferung, stellte er auf den Prüfstand. Die Fusion der Stahlsparte mit der des Konkurrenten Tata scheiterte am Einspruch der Kartellwächter. Bei 42,8 Milliarden Euro Umsatz blieben im vergangenen Jahr 60 Millionen Euro als Gewinn übrig. Der Börsenwert schrumpfte. Die Folge: Abstieg in den M-Dax.

Unter Merz soll der Sanierungskurs zwar beibehalten werden, an die Managerin dürfte aber die Erwartung gerichtet sein, dass sie schnellere und bessere Ergebnisse liefert. Die Diplomingenieurin hat beim Autozulieferer Bosch Karriere gemacht. Mit 43 Jahren war sie dort eine von weniger als einer Handvoll Frauen im obersten Führungskreis, dem damals etwa 250 Direktoren angehörten.

Martina Merz erwartet eine Riesenaufgabe bei Thyssenkrupp

Zu führen und Verantwortung zu übernehmen, habe sie sich nie gescheut, erzählte Merz 2007 der „Stuttgarter Zeitung“ für ein langes Porträt über sie. Zu Schulzeiten in Trussingen war sie Klassen- und Schulsprecherin. Mit 25 Jahren übernahm sie bei Bosch die Leitung einer Gruppe in der Elektronikfertigung – alle ihre Mitarbeiter waren älter als sie selbst. In dem Gespräch zeigte sie sich als taffe Managerin. „Schwache Führungskräfte scheuen sich, kritische Themen anzusprechen“, sagte sie. Viel abgucken könne man sich als Chef von jungen Müttern: „kompromisslos und zugleich von großer Zuneigung erfüllt“.

Nun erwartet Merz eine Riesenaufgabe. Sie wird einen Konzern mit mehr als 160 000 Menschen führen. Das sind für sie völlig neue Dimensionen. Zuletzt war sie vor allem als Aufsichtsrätin tätig: bei Thyssenkrupp, aber unter anderem auch bei Volvo und der Lufthansa. Zur Debatte über Frauen in Führungspositionen hat sie übrigens einmal gesagt: „Der Geschlechtsunterschied spielt letztlich keine große Rolle.“

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