Das Logo von Thyssen-Krupp steht vor einem 246 Meter hohen Testturm für Aufzüge.
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Das Logo von Thyssen-Krupp steht vor einem 246 Meter hohen Testturm für Aufzüge.

Industrie

Thyssen-Krupp sucht Partner

  • Thomas Magenheim-Hörmann
    vonThomas Magenheim-Hörmann
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Der Essener Industriekonzern verkauft seine Aufzugssparte. Die große Frage ist: Was passiert mit dem Stahlsegment?

Jetzt ist sie weg. Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat am Freitag den Verkauf seiner Aufzugssparte abgeschlossen. Sie war – wie es immer wieder heißt – die Perle des Ruhrpott-Unternehmens. Durch die Veräußerung an ein Konsortium um die Finanzinvestoren Advent und Cinven werden zwar 17,2 Milliarden Euro in die Kasse der Essener befördert. Zugleich geht Thyssen-Krupp ein Geschäft verlustig, das verlässlich für hohe Gewinne gesorgt und damit den seit Jahren wankenden Riesen immer wieder stabilisiert hat.

Im Geschäftshalbjahr 2019/2020 (Oktober bis März) wurde mit Fahrtreppen und Aufzügen noch ein Gewinn aus der betrieblichen Tätigkeit von 402 Millionen Euro eingefahren, während die meisten anderen Sparten in die roten Zahlen rutschten. Ohne Elevator Technology (mehr als 50 000 Beschäftigte) wird es erst einmal deutlich schlechter, bevor es vielleicht wieder besser wird.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete kürzlich über einen Brief an die Mitarbeiter, demzufolge für das dritte Quartal (April bis Juni) mit einem Milliardenverlust gerechnet werden müsse. Eine schnelle Erholung sei „unwahrscheinlich“. Deshalb werde auch geprüft, welche staatlichen Hilfen in Betracht kämen. Die Geschäftszahlen für den Drei-Monatsabschnitt, der durch Corona geprägt war, werden Mitte August vorgelegt.

Wie geht es nun weiter? Im Zentrum des Interesses steht der Kern des Konzerns, der im 19. Jahrhundert mit dem Stahlkochen groß wurde. Der Druck der Investoren wächst. „Im Stahl muss zeitnah eine Lösung her“, fordert Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Deka Investment, die auch an Thyssen-Krupp beteiligt ist. Allerlei Spekulationen wabern. Selbst einen Komplettverkauf halten Analysten für möglich. Der zweitgrößte Aktionär, der Finanzinvestor Cevian, soll eine Fusion mit der schwedischen SSAB befürworten. Das chinesische Eisen- und Stahlkonglomerat Baoshan Iron & Steel ist im Gespräch, genauso wie die indische Tata Steel. Ein Verschmelzen mit Letzterer ist aber unwahrscheinlich, denn das wurde schon einmal versucht, scheiterte aber am Veto der EU-Kommission.

Und dann kommt auch immer wieder der kleinere hiesige Rivale Salzgitter ins Spiel. Die IG Metall hat die Niedersachsen längst zu ihrem favorisierten Partner erkoren. Die Konsolidierung der hiesigen Stahlindustrie müsse unter der Federführung von Thyssen-Krupp mit Salzgitter angegangen werden, machte kürzlich Jürgen Kerner, Hauptkassierer der Gewerkschaft und Mitglied im Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp klar. Für ihn kommt ein Verkauf ins Ausland nicht in Frage.

Und was hält das umworbene Unternehmen davon? Salzgitter-Chef Heinz Jörg Fuhrmann hat sich in jüngster Zeit in verschiedenen Statements verbal heftig gewunden: Es sei naheliegend, in der aktuellen Krise eine Fusion als Allheilmittel zu betrachten. Dies ist für ihn aber nur dann eine Option, wenn sie auch Salzgitter perspektivische Vorteile bringe. Das sei bislang nicht zu erkennen. Aber vielleicht eines Tages noch. Das hört sich nach einer Verhandlungsposition an, mit der die finanziell erheblich gesündere Salzgitter AG nicht der Juniorpartner, wie von der IG Metall gefordert, sondern der Seniorpartner werden will.

Gespräche zwischen Fuhrmann und Thyssen-Krupp-Chefin Martina Merz hat es jedenfalls bereits gegeben. Die „Stahlstrategie 20-30“ der Essener hält eine Konsolidierung für „vorteilhaft“. Durch Corona vergrößerten sich die Überkapazitäten in Europa. Es gebe gute Chancen, die Transformation zu einer klimaneutralen Stahlerzeugung zu beschleunigen, wenn die Industrie ihre Kräfte bündelt und die Politik die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen schaffe. Wenn von klimaneutral die Rede ist, dann ist damit gemeint, den metallenen Grundstoff nicht mehr mittels Kohlestaub, sondern mit grünem Wasserstoff zu gewinnen.

Doch wozu brauchen die Essener den Grundstoff überhaupt noch? Auch ohne Aufzüge ist der Konzern noch in zahlreichen Geschäftsfeldern aktiv: Von Konservendosen für Nahrungsmittel über Karosserieteile sowie viele andere Komponenten für Autos bis hin zu Schiffen fürs Militär. Um das alles profitabler zu machen, soll der Konzern „kleiner, aber stärker“ werden, so Merz. Eine ganze Reihe von Sparten, für die es „keine nachhaltigen Zukunftsperspektiven“ gibt, sollen verkauft oder dicht gemacht werden. Dazu zählen der Anlagenbau, die Fertigung von Federn und Stabilisatoren für Autos oder die Produktion von Grobblech.

Der Verkauf der Aufzugssparte soll für die Umbauten des Konzerns die finanziellen Spielräume schaffen. Durch die Corona-Krise sind diese aber deutlich enger geworden.

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