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„Der Thermomix ist ein sehr emotionales Produkt“.

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Thermomix: Mit Altware abgespeist?

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  • Erich Reimann
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Thermomix ist ein Verkaufsschlager. Doch nach einem plötzlichen Modellwechsel waren viele Kunden verärgert. Eine Käuferin ist nun mit ihrer Klage gescheitert.

Auf der Suche nach Technik zum Schnäppchenpreis gibt es ein Zauberwort: Auslaufmodell. Wenn die Kamera, der Computer oder das Auto schon einige Jahre auf dem Markt sind, spielen sie technisch meist nicht mehr ganz weit vorn mit, und das Nachfolgemodell steht schon fertig entwickelt bereit. Dann müssen Sonderpreise den angestaubten Vorgänger attraktiv machen.

Dafür muss der Kunde aber erst mal wissen, dass der Modellwechsel bevorsteht. Vorwerk hat das bei seiner Küchenmaschine Thermomix für sich behalten und Anfang 2019 die Kunden genauso überrascht wie die eigenen Verkäufer: In wenigen Wochen werde das Modell TM5 durch den Nachfolger TM6 ersetzt, teilte das Unternehmen im März mit.

Nun gingen einige Kunden auf die Barrikaden. Sie hatten kurz zuvor das alte Modell zum normalen Preis von rund 1200 Euro gekauft und fühlten sich nun mit Altware abgespeist. Eine kleine Empörungswelle rollte durch das Internet, Vorwerk hätte über den Modellwechsel informieren müssen, meinten einige.

Eine erzürnte Kundin zog vor das Amtsgericht – und nach der Niederlage dort auch vor das Landgericht Wuppertal. Sie forderte die Rückabwicklung ihres Kaufvertrags und berief sich auf falsche Angaben durch das Unternehmen. Doch auch die zweite Instanz hatte einiges Verständnis für dessen Strategie. Vorwerk sei nicht verpflichtet gewesen, den anstehenden Modellwechsel öffentlich anzukündigen, entschieden die Richter. Das Unternehmen habe ein berechtigtes Interesse gehabt, die aktuelle Produktion noch abzusetzen, ohne Hinweise auf den künftigen Produktwechsel zu geben, heißt es in der Begründung des rechtskräftigen Urteils.

Allerdings müssen die Kundenberater die Wahrheit sagen, wenn sie von Kunden ausdrücklich nach einem möglichen Modellwechsel gefragt werden. Das konnten sie aber nicht, denn Vorwerk hatte auch die eigenen Leute nicht informiert – wohl um den Überraschungseffekt für den TM6 zu sichern und die Verkäufer im Kundengespräch nicht zum Lügen zu verleiten.

Angesichts der Empörung kam Vorwerk einigen Kunden entgegen: Wer seinen TM5 maximal zweieinhalb Wochen vor der Ankündigung des Nachfolgers gekauft hatte, konnte ihn gegen einen TM6 tauschen. Auch hier waren nicht alle Fans glücklich: Die neue Maschine könne fast zu viel und sei ein Kochroboter, beklagten manche. Ein Modellwechsel sei eben immer eine heikle Sache, sagt eine Vorwerk-Sprecherin. Eine Übergangsphase sei nie zu vermeiden. „Ganz egal, wann Sie ankündigen – es wird immer Kunden geben, die kurz ‚davor‘ gekauft haben.“

Der Marketing-Experte Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU in Düsseldorf findet, dass Vorwerk bei dem Modellwechsel „nicht gerade brillant“ agiert habe. „Der Thermomix ist ein sehr emotionales Produkt mit einer großen Fangemeinde, und Firmen tun gut daran, solche engagierten Kunden nicht vor den Kopf zu stoßen.“ In seinen Augen wäre es besser gewesen, den Übergang stärker mit Umstiegsprämien oder der Inzahlungnahme von Altgeräten abzufedern. „Kurzfristig verliert man dadurch vielleicht etwas Geld, weil die Nachfrage oder der Preis sinken, aber mittel- und langfristig rechnet sich ein solches Vorgehen.“

So halten es andere Branchen gezwungenermaßen, denn dort wissen die Kunden aus Erfahrung, wann ein Produkt zur Ablösung ansteht. Ein Automodell etwa hat nach fünf Jahren das Beste hinter sich. Auch hier versuchen die Hersteller zwar, die Details der Ablösung möglichst lange für sich zu behalten, aber irgendwann wollen sie auch die Spannung für den Nachfolger anheizen – und machen den Vorgänger damit selbst zum alten Eisen.

Bei Vorwerk jedoch baute man den 2004 erschienenen Thermomix 31 zehn Jahre lang, seinen Nachfolger TM5 nur noch fünf Jahre. Offenbar wollte man dem Abflauen des Booms entgegenwirken, denn die Küchenmaschine ist das wichtigste Vorwerk-Produkt: 2018 steuerte sie 1,1 Milliarden Euro zum Konzernumsatz von 2,8 Milliarden Euro bei. (mit dpa)

Az.: 9 S 179/19

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