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Theranos-Gründerin vor Gericht

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Von: Sebastian Moll

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Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes beim Glamour Women of the Year Award 2015.
Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes beim Glamour Women of the Year Award 2015. © afp

Elizabeth Holmes war der weibliche Star des Silicon Valley. Ihr Start-up war Milliarden wert. Bis zum Skandal. Jetzt muss sie vor Gericht.

Es ist eine eigenartige Erfahrung sich dieses Video anzuschauen, das gerade einmal vier Jahre alt ist, schmerzhaft und peinlich zugleich. Elizabeth Holmes betritt getragenen Schrittes die Bühne der Veranstaltungsreihe Ted Talks, in einen schwarzen Hosenanzug und ihren charakteristischen schwarzen Rollkragenpulli gewandet. Dann schaut sie erst einmal bedeutsam in die Tiefe des Raums.

Nachdem sie ihre Hände über dem Publikum ausgebreitet hat, als ob sie eine päpstliche Segnung aussprechen möchte, hebt sie in ihrem tiefen Alt an und spricht: „I believe.“ Ich glaube. Es folgt wieder eine lange bedeutungsschwangere Pause, bevor es weitergeht mit ihrem Credo, dass die Lösung aller Probleme des US-Gesundheitswesens mit dem Individuum anfange.

Heute redet Elizabeth Holmes nur noch selten öffentlich, das nächste Mal, dass man von ihr hören wird, wird vermutlich bei ihrem Prozess sein. In der vergangenen Woche ist gegen sie Anklage erhoben worden, sie wird beschuldigt, einen der größten Betrugsskandale in der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte verursacht zu haben. Der Name ihrer Blutanalysefirma Theranos wird in einem Atemzug mit Enron genannt, dem Energiekonzern, der seine Bilanz fälschte und schließlich eine Riesenpleite hinlegte.

Holmes, die Heilbringerin

Das Sendungsbewusstsein ist Holmes erst einmal vergangen. Ihre Pläne, die Welt zu verändern, die sie der selbst gestrickten Legende zufolge bereits im Alter von acht Jahren formuliert hatte, sind auf dem großen Müllhaufen gescheiterter Silicon-Valley-Träume gelandet. Geblieben ist ein enormer Kater, der die gesamte Branche betrifft, vor allem aber auch die Rolle der Frauen in der heißesten Branche der Welt.

Für einen kurzen Moment, zwischen 2014 und 2016, war es Holmes gelungen, die Welt davon zu überzeugen, dass sie die Heilsbringerin ist, als die sie sich ausgegeben hatte. Sie zierte die Titelseiten von „Vanity Fair“ bis „Wired Magazine“, ihr einstudierter vamphafter Auftritt inklusive der rauchigen Marlene-Dietrich-Stimme wurde Kult.

Holmes wurde als erste Frau gefeiert, die sich in die Phalanx der großen Tech-Gründer einzureihen vermochte. Endlich schien es eine Frau geschafft zu haben, es den Jobs und Gates und Zuckerbergs und Bezos’ gleichzutun und kraft ihrer Ideen und ihres Drives eine ganze Branche zu revolutionieren und ein Milliardenvermögen anzuhäufen.

Lehrstück über Narzissmus

Doch dann brach Holmes’ Imperium zusammen wie ein Kartenhaus. Ein einzelner investigativer Reporter stellte die richtigen Fragen und fand drei Zeugen, die seinen Verdacht bestätigten. Holmes Firma Theranos war ein potemkinsches Dorf, hinter der Fassade verbarg sich ein gähnendes Nichts.

Nun schauen sich Amerika und die Technologiebranche betroffen den Scherbenhaufen des Theranos-Skandals an und versuchen zu verstehen, wie so etwas passieren konnte. Die Antwort ist nicht schön, die Holmes-Story ist ein Lehrstück über Hybris und Narzissmus und eine Businesskultur, die genau diese Eigenschaften belohnt.

Elizabeth Holmes kommt aus einer Unternehmerfamilie, ihr Großvater war der Erbe eines Hefe- und Backimperiums und finanzierte in den 20er Jahren unter anderem die Gründung des „New Yorker“ – des erfolgreichsten und beständigsten Gesellschaftsmagazins der USA. Ihr Vater reiste als Angestellter des Außenministeriums in der Welt herum und beriet nebenher amerikanische Firmen, die in Großprojekte und Firmengründungen in China investieren wollten.

Der familiäre Hintergrund hatte zweierlei Auswirkungen auf Holmes. Durch das Vagabundendasein war sie nie in der Lage, feste Bindungen einzugehen, sie sei eine „glückliche Eremitin“ gewesen, sagte sie einmal, ihre liebsten Begleiter waren Bücher. Zugleich wurde im Hause Holmes oft darüber gesprochen, wie wichtig es sei, in seinem Leben etwas Bedeutsames zu schaffen, eine Spur zu hinterlassen. „Mir war früh klar, dass ich etwas Außergewöhnliches leisten wollte“, sagte Holmes einmal.

Und sie verschwendete keine Zeit bei ihrem Vorhaben, Geschichte zu schreiben. Sie war eine Überfliegerin in der Schule, schon mit 16 nahm sie Sommerkurse an der Eliteuni Stanford. Sie wurde schließlich dort mit Ehren und einem Stipendium angenommen und spezialisierte sich auf das chemische Ingenieurswesen, während ihre Kommilitonen sich noch auf dem Campus orientierten und ihren Partykalender organisierten. Mit 18 nahm sie an den Doktorandenseminaren von Channing Robertson teil, einer der Kapazitäten auf dem Gebiet.

Schon zu dieser Zeit wurde Holmes mit dem Effizienzdrang und dem grenzenlosen Glauben an die Machbarkeit infiziert, die das Silicon Valley auszeichnet. Während eines Praktikums am Genom Institut in Stanford entwickelte sie die Idee, Tests und Therapie für den Sars-Virus, der gerade in China ausbrach, zu vereinfachen und von einem einzigen Chip erledigen zu lassen. Es war die Geburtsstunde von Theranos. Holmes ließ sich die Idee patentieren, Labortests, Diagnose und Medikation von einem einzigen Mikroprozessor besorgen zu lassen. Und innerhalb von Monaten wuchs diese Idee zu einem Plan, das gesamte marode amerikanische Gesundheitswesen umzukrempeln.

Entwicklung der Technologie hinkt

Die Idee war attraktiv. Mit ihrer Technologie wollte es Holmes möglich machen, eine Vielzahl von Diagnosen aus einer Nanomenge an Blut zu erstellen. Das würde die Kosten für die ärztliche Grundversorgung in den USA dramatisch senken. Man würde in der örtlichen Drogerie seinen Finger in einen Automaten stecken und bekäme innerhalb von Minuten eine Komplettdiagnose mitsamt Therapieplan. Große Löcher in der medizinischen Unterversorgung des Landes, versprach Holmes, würden so gestopft.

Holmes und ihr Partner, der Software-Ingenieur Sunny Balwani, stellten sich als hervorragende Vermarkter der Idee heraus. Zwischen 2003 und 2015 sammelten sie 700 Millionen Dollar an Venture-Kapital ein, das Unternehmen wurde zwischenzeitlich auf einen Wert von zehn Milliarden Dollar geschätzt.

Nicht so gut funktionierte hingegen die Entwicklung der Technologie. Als der „Wall Street Journal“-Reporter John Carreyrou begann, an der Oberfläche zu kratzen, entdeckte er Schockierendes. Der angebliche Wunderchip, der aus einem Tropfen Blut das gesamte Gesundheitsbild eines Menschen herauslesen können sollte, existierte schlichtweg nicht. Stattdessen verwendeten Holmes und Balwani, die zwischenzeitlich auch romantisch verknüpft waren, fingierte Maschinen anderer Hersteller, um Investoren, Geschäftspartner und Investoren zu düpieren.

Katastrophe für die Frauen

In seinem Buch „Bad Blood“ beschreibt Carreyrou in schillernden Farben die Unternehmenskultur bei Theranos. Da war die sehr junge und sehr von ihrem messianischen Eifer getriebene Elizabeth Holmes einerseits und andererseits ihr älterer Freund Balwani, der ebenso überzeugt von der Idee war, aber technisch völlig unbewandert.

Wie das große Vorbild Steve Jobs versuchten die beiden, das Team dazu anzutreiben, das Unmögliche möglich zu machen. Doch in der Medizintechnik liegen die Dinge nicht so einfach, wie wenn es nur um Software geht. Bei manchen Dingen, wie etwa der Analyse von Nanodosen von Blut, tun sich einfach physikalische Grenzen auf.

Dennoch trieben sie die Angestellten immer weiter an, zumal sie selbst durch das viele Investorengeld sowie abgeschlossene Verträge immer mehr unter Druck gerieten. Zweifler wurden als Defätisten und Häretiker gebrandmarkt. Immer mehr verließen die Firma und öffneten sich schließlich auch Carreyrou gegenüber. Holmes und ihre Anwälte setzten alle Hebel in Bewegung, Carreyrous Berichte im „Wall Street Journal“ zu stoppen. Doch der Verlag blieb standhaft.

So war der Sturz von Holmes auch ein Triumph für den investigativen Journalismus. Für Innovationen in der Gesundheitstechnologie ist er jedoch eine Katastrophe. Im Trümmerfeld des Theranos-Kollapses werden sich Investoren dreimal überlegen, ob sie Geld für vermeintlich revolutionäre Ideen ausgeben sollen.

Den größten Bärendienst hat Holmes jedoch den Frauen in den sogenannten MINT-Berufen getan – den Betätigungsfeldern Mathematik, Ingenieurswesen, Wissenschaft und Technologie. Hier sind Frauen ohnehin dramatisch unterrepräsentiert. Die Vorurteile, dass Frauen für diese Dinge einfach nicht geeignet seien – noch vor wenigen Jahren selbst vom Präsidenten der Harvard University, Larry Summers, vorgetragen – haben durch Holmes neue Nahrung erhalten.

Die Frauen der STEM-Branchen machen sich derweil Vorwürfe, dass sie die Probleme von Holmes nicht früher erkannt und ihr Stimme erhoben haben. „Wir waren blind“, sagt etwa Nicole Fisher, Gründerin einer Beratungsfirma für Gesundheitsinnovation und Technologie in Washington. „Sie hat alle Barrieren gesprengt, die wir gesprengt haben wollten. Es war einfach zu schön.“

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