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Die Öffnung der Läden ist nur der erste Schritt. 

Einbußen

Textilbranche vor dem Abgrund

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Die von der Krise gebeutelten Textil- und Modefirmen fordern einen Vorschuss und ein Konjunkturprogramm vom Bund.

Der Appell könnte kaum dringlicher sein: „Wir kämpfen um unsere Existenz, viele stehen am Abgrund. Wir fordern die Bundesregierung auf, endlich unternehmerischen Schwung in ihre Planungen zu bringen“, sagte Ingeborg Neumann, Präsidentin des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie.

Am Mittwoch will Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten der Länder über weitere Lockerungen in der Corona-Krise beraten. Die Textilbranche hat es heftig erwischt. Wegen der weltweit zusammengebrochenen Märkte und des langen Shutdowns seien die Umsätze vor allem bei den Bekleidungsunternehmen um 85 Prozent und mehr eingebrochen, teilt Textil+Mode mit. Es hat bereits einige bekannte hiesige Namen erwischt. Esprit, Hallhuber, Appelrath Cüpper und Karstadt Kaufhof. Sie haben das „Schutzschirmverfahren“ bei den Amtsgerichten beantragt – die mildeste Form des Insolvenzverfahrens. Das ermöglicht vor allem, sich vor Forderungen von Gläubigern zu schützen. So können sich Händler erst einmal von den Mieten für die Filialen entlasten.

Auch bei den Herstellern von Bekleidung und Schuhen sieht es finster aus: Einer Umfrage des Modeverbands German Fashion zufolge haben 83 Prozent der befragten Mitglieder Kurzarbeit angemeldet. Das reduziert die Personalkosten. Dennoch haben drei Viertel der Unternehmen angegeben, nur noch maximal drei Monate durchhalten zu können. Neben schwindender Liquidität, gestörter Lieferketten und Produktionsausfällen machen vor allem Stornierungen von Bestellungen durch Händler im In- und Ausland zu schaffen. Doch auch die Händler hatten zuletzt keine Wahl. Durch die Schließungen ist der Verkauf der Frühjahrskollektionen vielfach fast vollständig ausgefallen.

Auch Hilfsprogramme wie günstige Kredite aus dem Corona-Sonderprogramm der staatlichen Förderbank KfW können nur bedingt helfen. Bei diesen Darlehen müssen die Hausbanken 20 Prozent der Kreditrisiken schultern. Viele Institute trauen den Gebeutelten nicht mehr zu, in den nächsten Monaten wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Unter Branchenkennern heißt es, dass eine Reihe von vornehmlich mittelständischen Firmen am Gang zum Amtsgericht nicht vorbei kommen wird.

Dahinter steckt auch eine tiefe Strukturkrise. Anbieter wie H&M, Primark oder Zara vergrößern ihre Marktanteile, weil sie preiswert sind und schneller auf Trends reagieren können. Zudem verlagert sich immer mehr Umsatz ins Internet. Das wird sich nach Ansicht vieler Experten durch Corona verstärken.

Gleichwohl: Um eine „Insolvenzflut“ zu verhindern, steht die Wiedereröffnung ganz oben auf der Wunschliste des Textil- und Mode-Gesamtverbandes für die Bund-Länder-Beratungen am 6. Mai. Doch das wird nicht reichen. Deshalb ist für Neumann und ihre Mitstreiter/innen im Gesamtverband klar: Um die akute Not der mittelständischen Betriebe zu lindern brauche es „eine schnelle und unbürokratische Direkthilfe in Form eines staatlichen nicht zurückzahlbaren Vorschusses“.

Zudem sei ein Konjunkturprogramm nötig, um den privaten Konsum und die Investitionen der Unternehmen anzukurbeln. Die zentralen Punkte: Eine zeitlich befristete Reduzierung der Umsatzsteuer, nebst weiterer Steuerentlastungen; befristet gültige Konsumgutscheine besonders für Haushalte mit niedrigen Einkommen, Abschaffung des Solidaritätszuschlages. Laut Finanzminister Olaf Scholz (SPD) will die Bundesregierung frühestens Ende Mai über ein Konjunkturprogramm diskutieren.

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