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Teurer Badespaß

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Von: Nina Luttmer

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Rund 2,2 Milliarden Euro investieren Städte und Gemeinden 2022 in den Unterhalt ihrer Bäder.
Rund 2,2 Milliarden Euro investieren Städte und Gemeinden 2022 in den Unterhalt ihrer Bäder. © Hans Blossey/Imago

Investitionsstau, Personalmangel und hohe Energiepreise: Kommunale Schwimmstätten sind immer schwerer zu unterhalten, wie eine Untersuchung der Förderbank KFW zeigt.

Seit Jahren wird in Deutschland über ein großes Schwimmbadsterben geklagt. Doch stimmt das wirklich? Was kostet der Betrieb eines Schwimmbads eigentlich? Und was sind die großen Herausforderungen, vor denen die Bäder stehen? Die FR gibt einen Überblick über verschiedene Themen, mit denen Schwimmbäder konfrontiert sind.

Schwimmbadsterben

Die staatliche Förderbank KFW hat zuletzt ein Research über den Investitionsrückstand in deutschen Schwimmbädern veröffentlicht. Dort bemängelt die KFW die unzureichende Datenlage, da es keine amtliche Statistik zu Zahl, Ausstattung und Zustand der Bäder gebe. „So ist die Entwicklung der Anzahl der Schwimmbäder im Zeitverlauf nicht mit Sicherheit darzustellen. Schätzungsweise wird bei 60 bis 70 Bädern pro Jahr die Schließung diskutiert, letztlich kann ein flächendeckendes ,Schwimmbadsterben‘ aber nicht statistisch belegt werden, zumal vereinzelt auch neue Bäder eröffnet werden“, schreibt die KFW. Das bestätigt Eric Voß von der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen (DGfdB), dem Verband der Schwimmbäder.

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) schätze, dass jedes Jahr 80 Schwimmbäder geschlossen würden. Diese Zahl halte sein Verband für zu hoch gegriffen. „Wir kommen auf etwa 40 Bäder im Jahr, die zumachen. Teilweise werden die aber auch nach Renovierung wieder eröffnet“, sagt er. Teils würden in Städten mehrere alte Bäder geschlossen, dafür aber ein neues mit größerer Wasserfläche neu eröffnet, wie etwa in Kassel. „Das Bädersterben ist unseren Recherchen zufolge nicht so schlimm, wie es oft dargestellt wird“, sagt Voß. Momentan gibt es laut DGfdB in Deutschland 6005 Hallen- und Freibäder.

Personalmangel Wie in vielen anderen Branchen fehlt es auch den Schwimmbädern an Fachkräften. „Die Städte, Gemeinden und Landkreise könnten somit zunehmend vor der Entscheidung stehen, unter anderem durch höhere Vergütung dem Personalmangel zu begegnen, was die Kostendeckung der Bäder erschwert, oder aber Schwimmbäder aufgrund des Personalmangels sogar schließen zu müssen“, heißt es im KFW-Research.

Um Schwimmbäder betreiben zu können, braucht es Fachangestellte für Bäderbetriebe, ein Beruf mit dreijähriger Ausbildung. Sie beaufsichtigen den Badebetrieb, betreuen die Badegäste und überwachen die technischen Anlagen. Wer ein Schwimmbad leiten will, benötigt zudem im Regelfall eine bestandene Meisterprüfung. Laut Bundesverband der deutschen Schwimmmeister fehlen schätzungsweise 2500 bis 3000 Fachkräfte. Diese verdienen gemäß dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes nach der Ausbildung etwa 2900 Euro brutto im Monat, mit Berufserfahrung und entsprechenden Aufgaben geht es dann bis etwa 3500 Euro brutto hoch. Wer einen Meistertitel mitbringt und etwa ein Bad führt, kann bis zu 4300 Euro verdienen. „Es ist aber inzwischen auch viel Verhandlungssache. Es gibt einen Mangel an Fachkräften, unsere Verhandlungsbasis ist also recht gut“, sagt Michael Fisseler-Weinrich vom Landesverband Hessen der deutschen Schwimmmeister.

Voß meint, es sei dringend geboten, das Berufsbild des Schwimmmeisters anzupassen und attraktiver zu gestalten. „Da ist seit 25 Jahren nichts geschehen“, sagt er. Das Image müsse verbessert werden, zudem seien die Durchfallquoten bei der Abschlussprüfung sehr hoch, was seiner Meinung nach auch an nicht angemessenen Anforderungen liegt. Auch bei der Höhe und Art der Entlohnung müsse nachgebessert werden. Die Schwimmmeister:innen müssten viel Wochenend- und Ferienarbeit leisten. „Für viele junge Menschen ist planbare Freizeit aber inzwischen wichtiger als das Geld“, sagt Voß. Zwar sind auch die Fachkräfte ausgebildete Rettungsschwimmer:innen. In den Schwimmbädern werden aber auch viele reine Rettungsschwimmer:innen beschäftigt, die nur eine kürzere Ausbildung absolviert haben und mit etwa 2700 Euro brutto im Monat in den Beruf einsteigen. Auch an reinen Rettungsschwimmer:innen mangelt es.

FÖRDERUNG

Kommunen können sich bis Ende September um Bundeszuschüsse für die klimagerechte Sanierung ihrer Schwimmbäder bewerben. Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) startete am Donnerstag die neue Förderrunde des Programms „Sanierung kommunaler Einrichtungen in den Bereichen Sport, Jugend und Kultur“: Insgesamt 476 Millionen Euro stünden für Sportstätten, Schwimmbäder sowie Jugend- und Kultureinrichtungen bereit.

Bauministerin Geywitz erklärte: „Wir müssen Schwimmbäder sanieren, statt sie zu schließen. Wenn Städte und Gemeinden marode Turnhallen oder ein Jugendzentrum schließen müssen, fehlt den Menschen ein wichtiger Ort der Begegnung, des Austauschs und schlicht der Gesundheitsförderung.“ Gefördert werden den Angaben zufolge Sanierungsmaßnahmen, durch die der Treibhausgasausstoß wesentlich gemindert wird. epd

Kosten des Betriebs

Die Mehrheit der Schwimmbäder sind Zuschussbetriebe für die Kommunen. Laut DGfdB wurde 2019 – dem letzten Jahr vor Corona mit einem regulären Betrieb – jeder Schwimmbadbesuch mit durchschnittlich vier Euro staatlich bezuschusst. Der Verband weist aber zum Vergleich auch darauf hin, dass in einer mittleren Großstadt ein Theaterbesuch mit durchschnittlich 122,94 Euro bezuschusst werde. Im Mittel über alle Badkategorien – also Freibäder, Freizeitbäder, Sportbäder – hinweg lag der Zuschuss im Jahr 2019 bei 357 000 Euro. Bei diesem Berechnungsverfahren werden die jeweils höchsten und niedrigsten fünf Prozent der Anzahl der Werte nicht einbezogen, um Verzerrungen zu vermeiden. Der Median hingegen lag bei 603 598 Euro. Das heißt, 50 Prozent dieser Bäder hatten einen Zuschuss, der höher ist als dieser Betrag. Diese unterschiedlichen Werte zwischen Median und Mittelwert erklären sich dadurch, dass insbesondere einige Freizeitbäder und Thermen sehr gute Ergebnisse einfahren.

Die KFW stellt fest, dass die Zahl der Bäder im Verhältnis zur Bevölkerung nach Bundesländern erheblich schwankt. In den dicht besiedelten Stadtstaaten kommen weniger als fünf Schwimmbäder auf 100 000 Einwohner:innen. In Hamburg etwa 2,9 und in Berlin 2,4. Im dünner besiedelten Thüringen dagegen seien es 11,7, in Baden-Württemberg 10,2. In Städten entfallen also mehr potenzielle Nutzer:innen auf ein Bad. „Für die Gäste mag es dann etwas enger werden, dafür lässt sich die Infrastruktur kosteneffizienter betreiben“, so die KFW. Im Mittel verzeichnete im Jahr 2019 jedes Schwimmbad 135 595 Besuche.

Zukunftsfragen

Teure Energie, Klimawandel, knappe kommunale Kassen, Fachkräftemangel – Schwimmbäder stehen vor vielen Herausforderungen. Die KFW befand in ihrem Research positiv, dass der kommunale Investitionsrückstand bei Sportstätten und Schwimmbädern im Jahr 2021 auf 8,5 Milliarden Euro gesunken sei. Zum Vergleich: 2019 waren es noch 10,3 Milliarden Euro. Rund fünf Prozent aller kommunalen Investitionen seien in den vergangenen Jahren durchschnittlich auf Sportstätten und Schwimmbäder entfallen, im Jahr 2021 seien das knapp zwei Milliarden Euro gewesen, und für 2022 planten die Kommunen sogar mit über zwei Milliarden Euro. Im Jahr 2017 waren es nur 1,2 Milliarden Euro, die die Kommunen in diese Sportangebote investierten.

Teilweise sind diese Investitionen allerdings auch nur wegen deutlich teurerer Baupreise gestiegen, so die KFW. Zudem erwarteten derzeit wegen der angespannten Finanzlage 34 Prozent der Kommunen steigende Investitionsrückstände in diesem Bereich, 35 Prozent unveränderte und nur 30 Prozent sinkende.

Außerdem machen die stark steigenden Energiepreise den Schwimmbädern zu schaffen. Gegenüber der KFW gaben 30 Prozent der Kommunen an, die Preise für energieintensive Leistungen wie Schwimmbäder erhöhen zu müssen, zehn Prozent gehen davon aus, Leistungen einschränken zu müssen. Momentan liegen die durchschnittlichen Preise für eine Tageskarte laut DGfdB im Freibad bei durchschnittlich 3,32 Euro für Erwachsene und 1,85 für Kinder, im Hallenbad bei 3,93 Euro und 2,40 Euro und in Freizeitbädern bei 12,76 und 8,84 Euro. Möglich ist auch, dass die Schwimmbäder im Herbst schließen müssen, sollte es als Folge des Konflikts mit Russland zu erheblichem Gasmangel kommen.

Der Chef der Bundesnetzagentur Klaus Müller hatte vor einigen Wochen erklärt, dass Schwimmbäder als Erstes dran wären: „Wenn es zur Notlage kommt, ist es einleuchtend, zunächst im Freizeitbereich einzugreifen, bevor wir Industriebetriebe reduzieren oder abschalten, an denen ja viele Arbeitsplätze und auch wichtige Produkte hängen“, sagte er. Es könnte allerdings auch schon schneller gehen. Mitte Juli sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, Helmut Dedy, die Städte versuchten jetzt schon alles zu tun, um ihren Gasverbrauch zu senken. Ansetzen könne man im Sport- und Kulturbereich – etwa indem man einen Teil der Freibäder schließe oder die Öffnungszeiten ändere, so Dedy. Was allerdings auch – wie schon in der Corona-Pandemie – erneut hieße: Viele Kinder werden nicht schwimmen lernen. Laut DLRG hat die Zahl der unsicheren Schwimmer:innen in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.

Die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen hat ihren Mitgliedern in einem Bericht zur Energiekrise im April bereits empfohlen, Notfallpläne für Einschränkungen im Badebetrieb oder Schließungen zu erstellen. Zudem gibt es die Anregung, Energie zu sparen, indem die Wassertemperatur gedrosselt wird. Das machen auch bereits einige Bäder. So könne eine Reduktion um zwei Grad Celsius gegenüber der üblichen Wassertemperatur von 26 bis 28 Grad den Gesamtenergieverbrauch eines Bads um bis zu 25 Prozent senken, so der Verband.

Ein großes Zukunftsthema für die Schwimmbäder ist zudem der Klimawandel. Die DGfdB beschäftigt sich nach eigenen Angaben intensiv damit, wie die Hallenbäder klimaneutral werden können – etwa durch Photovoltaikanlagen auf den Dächern und die Ausstattung mit Wärmepumpen. Dies wird jedoch hohe Investitionen erfordern. Der Verband hat zudem ausgerechnet, wie viel CO2 je Badbesuch derzeit freigesetzt wird. Um das der Öffentlichkeit zu veranschaulichen, zeigt der Verband, wie vielen mit dem Auto gefahrenen Kilometern dieser Ausstoß in etwa entspricht: Im Jahr 2019 waren das durchschnittlich je Schwimmbadbesuch 46,86 Kilometer.

Ohne geht’s ihn nicht: Schwimmmeister beim Unterricht.
Ohne geht’s ihn nicht: Schwimmmeister beim Unterricht. © picture-alliance/ ZB

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