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Bald Realität auf deutschen Autobahnen: Lastwagen mit Stromabnehmer.

Verkehr

Teststrecken für E-Lkw kommen

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Auf Autobahnen bei Frankfurt und Lübeck werden bis 2018 Teststrecken errichtet, auf denen elektrische Lkw mittels Oberleitungen mit Strom versorgt werden. Bei optimalem Testverlauf sollen Deutschlands Autobahnen flächendeckend elektrifiziert werden.

Verblüffte Autofahrer könnten spontan auf die Idee kommen, sich statt auf der Autobahn auf einer Straßenbahntrasse zu befinden. „Es wird ein ungewohntes Bild sein“, räumt Nina Wettern ein. Die Verkehrsexpertin des Bundesumweltministeriums redet von elektrischen Lkw, die mittels Oberleitungen mit Strom versorgt werden. Das ist bald keine Utopie mehr. Denn das von Barbara Hendricks (SPD) geführte Ministerium hat jetzt zwei Teststrecken bei Frankfurt und Lübeck für diese Technologie ausgewählt. „Ab Mitte 2018, spätestens Anfang 2019 werden dort Elektrolaster während der Fahrt ihre Batterien aufladen“, sagt Wettern. Bei optimalem Testverlauf würden Deutschlands Autobahnen flächendeckend elektrifiziert.

Vorgestellt wurden beide Teststrecken jetzt vom Ministerium in Berlin. „Ziel des Feldversuchs ist es, den mehr werdenden Güterverkehr klimaverträglich zu gestalten“, erklärt Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth. An der Elektrifizierung des Lkw-Verkehrs führe kein Weg vorbei, sollen ausgerufene Klimaziele erreicht werden. Denn zum einen schwillt der Güterverkehr hierzulande immer mehr an. Zum anderen sagen Studien voraus, dass der Anteil der Schiene daran bis 2050 bestenfalls von heute 18 auf dann 30 Prozent gesteigert werden kann. Selbst wenn man unterstellt, dass dann Lkw-Dieselmotoren weniger Abgas als heute ausstoßen, bliebe unter dem Strich eine Zunahme von Schadstoffen. Voriges Jahr hat der Verkehr in Deutschland immer noch so viele Treibhausgase produziert wie 1990. Deswegen wird nun radikaler gedacht.

Für Autofahrer würden sich außer dem ungewohnten Anblick rund sechs Meter hoher Strommasten, dazwischen gespannter Oberleitungen und darunter fahrender Elektro-Lkw keine Beeinträchtigungen ergeben, meint Wettern. Das von Siemens erfundene System ermögliche das Aufladen der Lkw-Batterie während der Fahrt auf der rechten Fahrbahnseite bei Geschwindigkeiten von bis zu 90 Stundenkilometern. Ins Stocken gerate der Verkehr deswegen also nicht.

Test auf der A5 zwischen Frankfurt und Darmstadt

Die beiden Teststrecken sind jeweils 25 Kilometer lang. Elektrifiziert werden davon jeweils sechs Kilometer in beide Richtungen. Sechs Kilometer laden eine Batterie dann soweit, dass der Lkw auch den Rest der Strecke elektrisch fahren kann.

In Hessen spielt sich das Ganze auf der viel befahrenen A5 zwischen Frankfurt und Darmstadt ab, in Schleswig-Holstein entlang der A1 auf der Lkw-Zulieferstrecke zum Lübecker Hafen. Die Siemens-Technik erlaubt Lkw beim elektrischen Betanken auch normales Überholen. Der Stromabnehmer klappt automatisch ein, sobald der Brummifahrer den Blinker zum Ausscheren betätigt, erklärt Wettern. Auf die Teststrecken würden Autofahrer mit Hinweisschildern vorbereitet. Ein angepasstes oder besonderes Verhalten sei für Pkw-Fahrer damit nicht verbunden.

Zum Einsatz kommen auf beiden Teststrecken jeweils fünf umgerüstete Elektro-Lkw der schwedischen VW-Tochter Scania. Mit ihnen testet Siemens das System bereits auf einer Pilotstrecke nahe der schwedischen Hauptstadt Stockholm. In Hessen sind zudem die TU Darmstadt, die drei Speditionen Hans Adam Schanz, Ludwig Meyer und die Raiffeisen-Warenzentrale sowie ein noch nicht feststehender Energieversorger mit von der Partie.

Die vom Bund finanzierte Elektrifizierung beider Strecken kostet jeweils rund 14 Millionen Euro, die bis 2021 laufende Testphase im Betrieb weitere jeweils drei bis vier Millionen Euro, insgesamt als 35 Millionen Euro. Derzeit kalkulieren Experten mit Elektrifizierungskosten von zwei Millionen Euro je Autobahnkilometer für beide Richtungen. Insgesamt sind 5 000 der hierzulande 13 000 Autobahnkilometer wegen dort starkem Lkw-Aufkommen grundsätzlich für die neue Technologie geeignet. Das Bundesumweltministerium schätzt, dass realistisch rund 1 000 Autobahnkilometer elektrifiziert werden müssten, sollte sich die neue Technik im Test bewähren. Das wären hochgerechnet Gesamtinvestitionen von zwei Milliarden Euro. Startschuss dafür wäre nicht vor 2021.

Setzt sich die neue Technik durch, könnten Lkw künftig mit Verbrennungsmotoren in Pkw-Dimension auskommen, was sie in der Anschaffung billiger mache, erklärt Wettern. Dazu kämen sinkende Spritkosten. Saldiert mit den Zusatzkosten für das Stromabnehmersystem, könnten Lkw dadurch für Spediteure insgesamt günstiger werden als heute.

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