1. Startseite
  2. Wirtschaft

Testlauf für Energiewende 3.0

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Joachim Wille

Kommentare

Bei den Freiflächen-Solaranlagen gibt es eine Sondersituation.
Bei den Freiflächen-Solaranlagen gibt es eine Sondersituation. © rtr

Sigmar Gabriels „Energiewende 2.0“ ist seit dem Sommer in Kraft. Die Folgen für den Ausbau der Öko-Energien sind dramatisch. EEG-Projekte werden künftig ausgeschrieben. Kritiker sagen: „Das dient nur Stromindustrie“.

Sigmar Gabriels „Energiewende 2.0“ ist seit dem Sommer in Kraft. Die Folgen für den Ausbau der Öko-Energien sind dramatisch. Der Neubau von Biogas-Anlagen tendiert inzwischen gegen Null, beim Solarstrom dürfte er in diesem Jahr nur 1800 Megawatt (MW) erreichen und damit den geplanten Korridor von 2400 bis 2600 Megawatt deutlich verfehlen. Die Windenergie allerdings boomt, weil viele Projekte wegen der Unsicherheit der EEG-Novellierung vorgezogen wurden. 2014 werden hier voraussichtlich 3900 MW hinzu kommen, während es in früheren Jahren meist um die 2500 waren. Doch nun startet die Bundesregierung bereits einen Testlauf für die „Energiewende 3.0“. Kritiker des Projekts wie Greenpeace befürchten, dass der geplante „Systemwechsel“ der Ökostromförderung das Ende der Energiewende in Bürgerhand bedeuten kann.

Bisher werden Sonne-, Wind- und Biomasse-Anlagen durch feste Einspeisevergütungen gefördert, die 20 Jahre lang gezahlt werden. Investoren können sie auf dieser Basis finanzieren und dafür auch relativ leicht Kredite bei Banken bekommen. Doch ab 2017 soll dieses System fast komplett durch „Ausschreibungen“ von Erneuerbare-Energie-Projekten ersetzt werden, bei denen der günstigste Anbieter des Ökostroms den Zuschlag bekommt. Der Test dafür startet jetzt: Das Bundeskabinett will nächste Woche erstmals Regeln für die Ausschreibung von großen Solar-Kraftwerken auf Freiflächen ab Januar 2015 beschließen.

Ausgeschrieben werden künftig Solarparks bis 25 MW Spitzenleistung. Der gesamte Zubau soll rund 600 MW betragen, über das neue Modell könnte also rund ein Viertel des geplanten Korridors „gefüllt“ werden. Zuletzt waren die EEG-Tarife für diese Großanlagen so stark gekürzt worden, dass der ihr Neubau zum Erliegen kam. Nun können sich Bewerber bis zu einem Stichtag mit dem voraussichtlich von ihnen benötigten Zuschlag auf den Börsenstrompreis – der sogenannten Marktprämie – bewerben.

Das Bundeswirtschaftsministerium hofft, mit dem neuen Modell die Kosten des Solarstroms weiter senken zu können. Kritiker glauben nicht, dass das funktioniert. „Genau das Gegenteil wird eintreten“, warnt Marcel Keiffenheim von Greenpeace Energy. Die Anlagen würden sogar teurer, unter anderem, weil das Ausschreibungsverfahren zusätzlichen Arbeitsaufwand erfordere. Außerdem müssten Investoren die Kosten von Projekten, bei den sie nicht zum Zuge kommen, auf die anderen umlegen. „Bei einem Windpark können sich solche Planungskosten schnell auf sechsstellige Summen belaufen. Eine Bürgergenossenschaft kann solch ein Risiko nicht tragen“, sagt Keiffenheim. In die gleiche Kerbe haut auch der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE): „Ausschreibungen dienen nur dazu, die deutschen Stromkonzerne zurück ins Spiel zu bringen.“

Die Kritiker verweisen auf die Erfahrungen mit Ausschreibungen in einer Reihe anderen Länder wie Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich oder Brasilien. Sie waren meist negativ. Ganz ablehnen will der Branchenverband BEE die anlaufenden Pilot-Ausschreibung aber nun doch nicht. Bei den Freiflächen-Solaranlagen gebe es nämlich eine „Sondersituation“, sagt ein Sprecher. Zuletzt seien solche Kraftwerke ja überhaupt nicht mehr gebaut worden. „Und wenn die Alternative der Tod ist, ist ein Versuch mit einer Ausschreibung immer noch besser“.

Auch interessant

Kommentare