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Bauprojekt

Tesla in Grünheide: Elon Musks Fabrik wird zum Streitobjekt

  • Peter Riesbeck
    VonPeter Riesbeck
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In Grünheide bei Berlin sollen bald die ersten E-Autos vom Band laufen. Doch mehrere Gruppen wehren sich bis zuletzt gegen die Pläne.

Grünheide - Erstmal Geschwindigkeit rausnehmen. „Das alles hier war Wald“, sagt Steffen Schorcht und geht auf der Autobahn kurz etwas runter vom Gas. Der Himmel lastet novemberschwer über der Mark. Hinter der Gegenfahrbahn ragen Kräne in die Höhe und ein graues Betongerippe. Tesla leuchtet es in schwarzer Schrift von einem provisorischen Festzelt. So also sieht Brandenburgs Zukunft aus.

Der E-Autobauer Tesla zieht im brandenburgischen Grünheide vor den Toren Berlins sein neues Werk hoch. Und da beginnt für Schorcht schon das Problem. „Bis heute liegt keine endgültige Baugenehmigung vor“, erzählt der Vertreter der Bürgerinitiative Grünheide. Tesla baut im märkischen Sand allein auf der Grundlage von vorläufigen Zulassungen. „19 sind es bislang“, sagt Schorcht.

Im Oktober gab es in der Tesla-Fabrik einen „Tag der offenen Tür“. Den nutzten auch Kritiker:innen für Protest.

Dennoch schafft Tesla Fakten. Knapp zweihundert Hektar Kiefernwald sind bereits gerodet, hundert weitere könnten folgen. Erste Hallen stehen bereits, Lackiererei und Aluminium-Druckgießerei laufen seit Juni im Probebetrieb. Schon im Dezember sollen die ersten Wagen vom Band laufen. Dabei läuft derzeit noch das Anhörungsverfahren wegen möglicher Umweltbedenken. Ein erster Anlauf vom Sommer wird vorsorglich wiederholt. Die Einladungsfrist war damals zu kurz. Damit alles vor Gericht standhält, hat Brandenburgs rot-grün-schwarze Landesregierung eine zweite Runde einberufen. Die endet am heutigen Montag. Die Debatte über Tesla geht weiter.

Tesla-Fabrik in Grünheide: Sorge vor allem ums Wasser

Dazu muss man nur Steffen Schorcht zuhören. Der nimmt mit seinem Wagen die Autobahnabfahrt Freienbrink und steuert einen Parkplatz am Waldrand an. Eingemummelt in Wollmütze und schwarzem Mantel stapft er durch den tiefen Sand. Schorcht, 61, kurzes Stoppelhaar und schwarze Brille, ist promovierter Elektroingenieur. Aber beim Gang durch den Wald spricht er kundig wie ein Förster. Er erzählt von der seltenen Zauneidechse, die hier siedelt. Und der Schlingnatter, der sie als Nahrung dient. „Die kann achtzig Zentimeter lang werden“, sagt Schorcht und spannt die Arme weit auseinander. Sein Weg führt eine Treppe hoch auf eine Straßenbrücke. Die bietet einen klaren Blick auf das Tesla-Gelände. Über vier Etagen ragt ein Träger-Gerippe in den Himmel. „Das war mal als Lagerhalle ausgewiesen. Dann wurde es plötzlich eine komplette Batteriefabrik“, schimpft Schorcht und klagt: „Die bauen eine Chemiefabrik mitten ins Wasserschutzgebiet.“

Blick zurück: Tesla hatte 2019 bei der Suche nach einem Standort in Europa Angebote von überall auf dem Kontinent erhalten. Für Grünheide sprachen nicht nur deutsche Ingenieurskunst sowie das nahe Berlin als Standortfaktor, sondern vor allem: ein Gelände mit fertigem Bebauungsplan. Nach 2000 hatte BMW seinen Blick auf das Areal im Berliner Speckgürtel geworfen. Der Konzern zog später Leipzig vor. Zurück in Grünheide blieb ein Gelände mit gültiger Genehmigung und einem Problem: zu nah am Wasser gebaut. „Zwölf Brunnen ziehen im nahen Hohenbinde Grundwasser für die Trinkwasserversorgung“, erläutert Schorcht.

So wird Grünheide zum Testfall. Für Befürworter:innen geht’s um den elektromobilen Aufbruch am Industriestandort Deutschland. Für Kritiker:innen um die Vereinbarkeit von Energiewende und Naturschutz. Zuletzt mahnte Grünen-Chefin Annalena Baerbock mehr Tempo bei Infrastrukturbauten an. Umweltverbände sehen sich ausgebremst.

Tesla baut Fabrik in Grünheide: „Sieht es für dich etwa aus wie eine Wüste?“

Vor allem eines macht ihnen zu schaffen: ein kleiner Passus im Genehmigungsrecht. Bundesimmissionsschutzgesetz lautet der sperrige Name für die entsprechende Regelung. Dort hat sich unter Paragraf 8a eine Neuerung eingeschlichen, die auch Tesla in Grünheide nutzt. Mit dem Bau kann vorab begonnen werden, wenn die Firma zusagt, das Gelände zurückzubauen – sollte die Genehmigung ausbleiben.

Von „Salamitaktik“ spricht Schorcht. Er ist nicht allein mit seiner Sorge ums Wasser. Der zuständige Wasserverband Strausberg-Erkner schlug als Erster Alarm und warnte vor Trinkwassermangel in der Gegend. Tesla kontert, es brauche 2,2 Kubikmeter Wasser, um ein Auto zu bauen. Weit unter dem Durchschnitt von drei Kubikmetern Wasser. Macht bei geplanten 500 000 Neuwagen jährlich und weiterem Bedarf dennoch 1,4 Millionen Kubikmeter, rechnen Kritiker:innen vor.

Für den Tiefpunkt der Debatte sorgte Tesla-Chef Elon Musk. Gemeinsam mit CDU-Chef Armin Laschet besuchte Musk im August das Werk in Grünheide und reagierte auf eine Frage nach dem Wasser nur mit einem hämischen Lacher. „Sieht es für dich etwa aus wie eine Wüste? Das ist lächerlich. Es regnet so viel“, juxte Musk. Dass er ein TV-Team, das den Auftritt rügte, via Twitter mit einem „Schande über euch“ belegte, machte es nicht besser. Tesla hält nicht viel von Presse.

Elon Musk und Tesla: US-Unternehmen trifft auf deutsche Gesetze

Tesla ist an der Börse heute drei Mal so viel Wert wie die deutschen Traditionskonzerne VW, BMW und Daimler zusammen. Musks Vorgehen ist einfach. Er knackt klassische Geschäftsmodelle. Bislang war das Geld im Autobau vorne mit dem Motorblock zu verdienen. Künftig schlummert die Kohle in der Batterie. Auch deshalb setzt Musk auf eine eigene Akkufertigung in Grünheide. Mitten im Trinkwasserschutzgebiet.

So laufen in Grünheide viele Verwerfungslinien zusammen. Ein kalifornischer Unternehmer trifft auf deutsche Verwaltung. US-Unternehmenskultur auf deutsches Tarifrecht. Umweltschutz auf Industriepolitik. Und Technokraten auf echte Menschen.

Kurze Chronik der Tesla-Fabrik

November 2019: Tesla-Chef Elon Musk kündigt den Bau einer Gigafactory in Grünheide an. Eine Baugenehmigung lag vor, weil BMW das Gelände bereits im Jahr 2000 für eine Fabrik prüfte.

Februar 2020: Erste Rodungen werden zeitweilig durch ein Gericht gestoppt. Der Bau beruht nun auf vorläufigen Genehmigungen.

Juni 2021: Die Tesla-Testproduktion läuft an. In Grünheide soll das Tesla-Model Y vom Band laufen, ein vollelektrischer Mittelklassewagen für einen Listenpreis ab 59 965 Euro. Künftig sollen etwa 12 000 Mitarbeiter in Grünheide bis zu 500 000 Elektroautos im Jahr bauen. Dabei will Tesla möglichst viele Teile vor Ort produzieren, um von Zulieferern unabhängig zu sein.

22. November 2021: Die Anhörung der Umweltverbände endet. Sie ist Voraussetzung für die letzte Entscheidung zur Genehmigung der Fabrik.

Dezember 2021: Die ersten Wagen sollen vom Band rollen. Knapp eineinhalb Jahre nach dem ursprünglich anvisierten Termin. Aber nur zwei Jahre nach Bekanntgabe der Investition. FR/dpa

Für die Umweltverbände beruht Teslas Image auf einem Missverständnis. Der Elektroantrieb ist umweltfreundlich. Nicht aber unbedingt die Herstellung der Wagen. Zuletzt kam es in Grünheide zu heftigem Regen. Dreißig Liter pro Quadratmeter ließen die Pegel im Werk steigen. THW und Freiwillige Feuerwehr mussten die Lage bereinigen. „Es besteht die Gefahr, dass Chemikalien ins Grundwasser gelangen“, warnt Schorcht. Erste Daten einer Luftmessstation ergeben: erhöhte Werte an Stickoxiden, Ammoniak und leicht flüchtigen Kohlewasserstoffen.

„Es gibt bis heute keine eigene Website, die Anwohnern erklärt, was hier entstehen soll und die einen Dialog ermöglicht. Weder von Tesla noch von den Behörden“, wundert sich Schorcht. Wie er fühlen sich viele nicht mitgenommen.

Die Politik sieht die Möglichkeiten. „In einer Zeit, in der es nicht wenige gibt, die den Industriestandort Deutschland mit einem Fragezeichen versehen, zeigt das Projekt Tesla auch: Wir können hier neue Technologien aufbauen und zukunftsfähige Arbeitsplätze schaffen. Und das ist auch entscheidend für das Gelingen der Energiewende“, sagt Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD).

Elon Musk baut Fabrik in Brandenburg: „Tesla ist eine Riesenchance“

Der Mann kennt sich aus in der Materie. Steinbach, 65, ist Chemieingenieur. Ehe er vor drei Jahren in die Politik wechselte, war er Präsident der TU Berlin und der Universität in Cottbus. „Tesla ist eine Riesenchance für Brandenburg – auch mit Blick auf die gesamte Elektromobilität – und die wollen wir nutzen“, so Steinbach.

Längst geht es nicht nur um die rund 12.000 Jobs bei Tesla in Grünheide. Der pfälzische Chemiegigant BASF stellt im nahen Schwarzheide künftig die Ausgangsmaterialen für E-Batterien her. Der Akkuproduzent Rock Tech investiert im nahen Guben 470 Millionen Euro in ein neues Werk. Die Mark wird zur Powerbank.

Fraglich ist nur, ob das Wasser für den neuindustriellen Aufbruch reicht. Für die erste Ausbaustufe „ist ausreichend Wasser vorhanden“, beteuert Steinbach. Für den möglichen weiteren Ausbau des Werks, das habe man „dem Investor immer gesagt, muss Wasser aus weiterer Entfernung herangeholt werden.“

Im August besuchten Tesla-Chef Elon Musk (l.) und der CDU-Vorsitzende Armin Laschet gemeinsam die Fabrik in Grünheide.

Schorcht sieht das kritischer. Sein Weg führt an Kiefern vorbei, gelb leuchtet dazwischen das Herbstlaub der wenigen Eichen. „Die Kiefer wird hier erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts angebaut“, erklärt der Mann von der Bürgerinitiative und unternimmt eine kleine Exkursion in die Brandenburger Umweltgeschichte. Die anspruchslose Kiefer wuchs nicht immer auf dem kargen Sandboden der Mark. Ursprünglich standen hier überwiegend Buchen. Die aber fielen vor zwei Jahrhunderten dem Bauhunger Berlins zum Opfer. Der Wind trug die feine Krume ab. „Erst dann kam auf dem ausgetrockneten Boden die Kiefer zum Zug“, sagt Schorch.

Tesla in Brandenburg: Debatte um Elon Musk in Grünheide

Nun fürchtet er durch Teslas Wasserhunger eine neue Trockenwelle. Brandenburg ist schon jetzt eine der trockensten Regionen Deutschlands. „Wir sprechen über Klimawandel und verringerte Niederschläge“, warnt Schorcht und fügt mahnend hinzu: „Wir liegen hier mitten im Berliner Urstromtal. Hier geht es mittelbar auch um die Wasserversorgung eines Großteils von Berlin.“

Am heutigen Montag (22.11.2021) endet die Zeit der Online-Anhörungen der Kritiker:innen. Mehr als 800 Einwände hatten Umweltschützer:innen und Anwohner:innen gegen das Werk erhoben. Tesla hofft nun, noch im Dezember erste Autos aus Grünheide zu liefern. Naturschützer:innen hoffen auf strenge Umweltstandards.

Was lässt sich also mitnehmen aus der Debatte um Tesla und Grünheide? Umweltverbände wollen die Fabrik nicht unbedingt verhindern, aber so umweltverträglich wie möglich machen. Und sie fordern Änderungen am Planungsrecht. Das klingt nicht so weit entfernt von den Aussagen von Brandenburgs Wirtschaftsminister Steinbach. „Wenn das Projekt abgeschlossen ist, wollen wir eine Bestandsaufnahme machen und schauen: Was hat gut funktioniert und an welchen Stellen muss man eventuell nachbessern und gegebenenfalls auch an der einen oder anderen Stelle die Verfahren modernisieren“, verspricht er.

Und Steffen Schorcht, von der Bürgerinitiative? „Meine Kritik bezieht sich auf den Standort, nicht auf Elektromobilität. Aber eine Fabrik mit dieser Art der Produktion und diesem Volumen lässt sich mitten im Wasserschutzgebiet nicht machen“, stellt er klar.

Rechtlich wäre ein Rückbau möglich. Aber wer übernähme die Verantwortung? Schorchts Minimalforderung: „Keine weiteren Ausbaustufen, Dezentralisierung der Produktion. Und die Batterieproduktion darf hier nicht hin.“ Noch wartet Tesla auf eine endgültige Genehmigung. (Peter Riesbeck)

Rubriklistenbild: © Adam Berry / afp

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