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Teresa Bücker: „Die Leistungsethik schwappt in die Freizeit über“

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Von: Jan Christoph Freybott

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Wenn sich der Fachkräftemangel zuspitze, könne das die Emanzipation um Jahrzehnte zurückwerfen, warnt die Autorin Teresa Bücker.
Wenn sich der Fachkräftemangel zuspitze, könne das die Emanzipation um Jahrzehnte zurückwerfen, warnt die Autorin Teresa Bücker. © Paula Winkler

Die feministische Autorin Teresa Bücker spricht im Interview über den ungleichen Zeitwohlstand, toxischen Optimierungsdrang und das Homeoffice als emanzipatorischen Albtraum.

Die Antwort auf den Fachkräftemangel könnte so einfach sein: 42 Stunden pro Woche arbeiten. Und am besten bis zum 70. Lebensjahr. Derlei Forderungen geisterten bereits durch die Medien. Möglich, dass sie realistischer werden, je mehr der Druck steigt. Teresa Bücker erwidert: Diese Stellschrauben bremsen nicht nur den Kampf um Gleichberechtigung aus, sondern schaden auch der Wirtschaft. Die feministische Autorin warnt vor einer Care-Krise, die auf uns zurollt; also zu wenig Personal für die Pflege der Alten und die Betreuung der Jüngsten. Sie will Zeitpolitik radikal neu denken und fordert Zeitwohlstand auch für marginalisierte Gruppen. Denn Zeit ist zwar nicht Geld, wie sie in ihrem neuen Buch schreibt - aber genauso ungleich verteilt.

Frau Bücker, Sie legen ein Buch vor, das mehr freie Zeit fordert. Für sich, für die Familie, für politische Arbeit. Warum ist jetzt ein guter Zeitpunkt dafür?

Mir geht es darum, langfristige politische Ansätze zu entwickeln. Deshalb ist der Zeitpunkt trotz Wirtschaftskrise genau richtig. Gerade angesichts des Fachkräftemangels ist es wichtig, dass Arbeit gesund organisiert wird, weil wir wahrscheinlich länger werden arbeiten müssen und es darauf ankommt, Ausfälle aufgrund von Überlastung zu begrenzen. Beim Blick auf die aktuelle Arbeitswelt zeigt sich, dass Arbeit oft krank macht und es viele Menschen gar nicht bis zum regulären Renteneintrittsalter schaffen. Viele sind dann gesundheitlich so verschlissen, dass sie in die Frühverrentung gehen. Deshalb ist es jetzt wichtig, Ansätze für ein gesünderes Arbeiten zu entwickeln. Das würde den demografischen Anforderungen auch eher gerecht als die Forderung nach einer 42-Stunden-Woche. Im Gegenteil könnten sogar kürzere Arbeitszeiten Teil der Lösung sein.

Aber die durchschnittliche Arbeitszeit ist doch bereits gesunken.

Der Arbeitsmarkt in Deutschland ist polarisiert. Auf der einen Seite haben wir etwa 25 Millionen Vollzeitbeschäftigte, die oft überlang arbeiten – manche über 48 Stunden. Auf der anderen Seite haben wir Unterbeschäftigte, die vielleicht nur zehn Stunden die Woche arbeiten und von ihrem Gehalt überhaupt nicht leben können.

Vor allem junge Menschen sind zunehmend bereit, für ein Mehr an Freizeit auf Geld zu verzichten. Wozu braucht es da noch ihre Forderung?

Gerade in der Generation Z, also den Jahrgängen etwa ab 1997, ist die Forderung populär. Allerdings ist es auch problematisch, wenn Menschen das individuell für sich entscheiden. Die Ungerechtigkeit im Arbeitsmarkt nimmt dann zu. Denn die Vier-Tage-Woche kann gut verhandelt werden, wo es von Firmen schon angeboten wird, wo die Einkommen gut sind und die Arbeitsbedingungen stimmen. In weniger gut bezahlten Jobs ist das hingegen oft nicht möglich.

Was resultiert aus dieser Schieflage?

Wir haben dann nicht nur eine Spaltung beim Einkommen, sondern auch beim Zeitwohlstand. Auf der einen Seite sind da Menschen, die sich ihr Mehr an Zeit selber organisieren können. Auf der anderen Seite müssen Menschen weit mehr als vierzig Stunden arbeiten, bleiben zeitarm und werden so noch weiter abgehängt. Das ist die Tendenz, die man gerade beobachten kann. Wenn Politik und Gesellschaft Ungleichheiten abbauen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken wollen, sollten sie hier ansetzen.

Warum kommt der Zeitwohlstand nicht in der Breite der Gesellschaft an?

Die Gewerkschaften haben sich in den 80er Jahren zum Ziel gesetzt, die Arbeitszeit sukzessive auf dreißig Stunden zu drücken – ganz in der Tradition ihrer Arbeitskämpfe. Dann gab es in Deutschland eine Zeit, in der die Wachstumsraten beim Gewinn der Unternehmen nicht an die Beschäftigten weitergegeben wurden. Da hätte es Spielraum für eine zeitliche Entlastung gegeben – auf die Gewerkschaften und Belegschaften aber hätten pochen müssen. Warum das nicht passiert ist, ist eine gute Frage. Ich denke, dass vierzig Stunden in etwa das Maß sind, mit dem man das Leben etwa in Familien noch halbwegs organisiert bekommt.

Von welchem Familienmodell gehen wir hier aus?

Die häufigste Erwerbskonstellation in westdeutschen Familien ist heute das modernisierte Ernährermodell; das heißt, der Mann arbeitet Vollzeit, die Frau in Teilzeit, und sie kann die Arbeit zuhause rund um Kinder und Haus noch abfangen. So gab es keinen Druck, die Vierzig-Stunden-Woche infrage zu stellen. Einfach, weil es machbar war. Der Druck kommt in dem Moment, in dem die Konstellation der doppelten Vollzeit wächst. Das tut sie zum einen, weil mehr Frauen das Selbstverständnis haben, Vollzeit arbeiten und Karriere machen zu wollen. Das ist auch das familien- oder gleichstellungspolitische Leitbild der Politik. Zum anderen gibt es natürlich die wirtschaftliche Notwendigkeit, mehr zu arbeiten, um die steigenden Lebenshaltungskosten zu decken.

Beim Thema Arbeitszeit üben Sie Kritik an den Gewerkschaften. Was läuft Ihnen zufolge falsch?

Zur Person

Teresa Bücker , 38, arbeitet als freie Journalistin, Moderatorin und Beraterin. Zu ihren Schwerpunkten Feminismus, Arbeit und Gesellschaft ist sie regelmäßig als Expertin in Talkrunden eingeladen. Bis 2019 arbeitete Bücker als Chefredakteurin für das feministische Magazins Edition F. Ihr neues Buch „Alle_Zeit“ ist im Oktober im Ullstein Verlag erschienen. jcf

Was in der Diskussion sehr wenig auftaucht, ist die sinkende Tarifbindung. Dabei wäre es ein wichtiges politisches Ziel, sie zu stärken. Die Grünen haben den Punkt in einem Papier zur feministischen Arbeitspolitik aufgenommen, an dem man auch vieles kritisieren kann. Aber immerhin gab es die Forderung, die Tarifbindung gerade in Frauenberufen zu stärken. Meiner Meinung nach würde es der Rolle der Gewerkschaften gut tun, wenn sie die Gesellschaft ein bisschen breiter in den Blick nehmen würden. Dazu zählt es, Sorgeverantwortung stärker mitzudenken. Denn sie hat großen Einfluss darauf, wie Erwerbsarbeit überhaupt organisiert werden kann. Auch Zeit für demokratisches und zivilgesellschaftliches Engagement muss mitgedacht werden. Und es gibt auch schon Gewerkschaften, die das tun.

Viele, gerade Besserverdienende, empfinden das Arbeiten im Homeoffice als Freiheit. Sie sprechen dagegen von einem „emanzipatorischen Albtraum“. Warum?

Dazu gibt es Daten vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI). Viele Beschäftigte erleben das Homeoffice und flexible Arbeit als positiv, als einen Gewinn von Autonomie. Man sieht aber, dass bestimmte Belastungsfaktoren, die die Gesundheit beeinflussen können, im Homeoffice ausgeprägter sind. Die Beschäftigten machen zum einen mehr Überstunden als Menschen mit festen Arbeitsorten. Sie verzichten eher auf Pausen, was die Arbeitsintensität steigert und die Arbeit belastender machen kann. Schließlich fällt ihnen das Abschalten nach Dienstschluss schwerer, was das Risiko für psychische Erkrankungen hochsetzt.

Und aus feministischer Perspektive?

Man hat gesehen, dass Frauen im Homeoffice noch mehr Hausarbeit und Kinderbetreuung erledigen. Männer neigen hingegen dazu, mehr zu arbeiten und sich aus der Sorgearbeit zurückzuziehen. Das heißt, die Aufteilung der Sorgearbeit in den Familien gerät durch das Homeoffice in Schieflage. Verantwortlich ist vermutlich die geschlechtsspezifische Sozialisierung, nach der sich Frauen in der Tendenz stärker verantwortlich fühlen für die Hausarbeit.

In Ihrem Buch bemängeln Sie, dass wir uns zu stark über Arbeit und Konsum definieren. Selbst ins Theater gehen viele nicht aus Genuss, sondern um sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen, schreiben Sie. Warum verschwimmt die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit?

Ich würde das zum einen auf soziale Medien zurückführen. Gerade unter jüngeren Menschen spielt es eine große Rolle, sich dort darzustellen. Die Leistungsethik und der Anspruch, viel beschäftigt zu sein, schwappen so in die Freizeit über. Man kann das in Zeitschriften sehen, die sich mit Arbeit und Karriere beschäftigen, und tatsächlich so etwas schreiben wie: ‚Diese Hobbys wirken sich gut auf deine Karriere aus‘. Der Ethos der Selbstoptimierung ist so stark, dass er bis in die Freizeit hineinreicht. Ich finde es schon bemerkenswert, wie wir uns dem unterordnen. Denn eigentlich geht es uns ja ganz viel um Selbstbestimmung, um Freiheit.

Wer sind die Verlierer:innen in diesem Selbstbild?

Mit der Verknüpfung von Wert und Produktivsein haben Menschen in unserer Gesellschaft keinen gleichwertigen Platz, die das aus verschiedensten Gründen nicht können, etwa weil sie chronisch krank sind oder eine Behinderung haben. Auch ältere Menschen sowie Kinder und Jugendliche schließt das aus. Eine Politik, die Gerechtigkeit und Menschenwürde im Fokus hat, müsste sich diesem Bild versperren. Allerdings haben wir gerade in der Debatte ums Bürgergeld genau das Gegenteil erlebt; da wurde ein schädliches Stereotyp von Erwerbslosigkeit, Faulheit und Nutzlosigkeit konstruiert. Und aus meiner Sicht gab es in der politischen Debatte zu wenig Gegenwehr dagegen.

Aktuell dominieren andere Krisen die Nachrichtenlage. Wie stehen die Chancen für eine Zeitpolitik, die alle Menschen mitnimmt?

Aktuell stehen sie schlecht, befürchte ich. Denn unsere politischen Debatten sind in der Regel kurzfristig orientiert. Dabei wären langfristige Lösungen wichtig. Das gilt für die Klimakrise, aber das ist auch wichtig für den Fachkräftemangel und die Organisation von Wirtschaft und Arbeit insgesamt. Deswegen werbe ich dafür, Zeitpolitik als eigenes Politikfeld zu etablieren. Eine Krise, die in der politischen Debatte komplett ausgespart wird, ist die Care-Krise, die uns aus meiner Sicht in den kommenden Jahren und Jahrzehnten massiv treffen wird. Denn die Boomer-Generation geht in Rente und wird irgendwann pflegebedürftig. Und wir haben einfach nicht die Pflegekräfte, um das aufzufangen. Wir steuern also auf eine Situation zu, wo ganz viel Sorgearbeit privat geleistet werden muss, weil die professionellen Strukturen dafür nicht da sind und so schnell nicht ausgebaut werden können. Wir werden viele Eltern haben, die keinen Betreuungsplatz für ihr einjähriges Kind finden. Wir werden Menschen haben, die sich um ihre Eltern kümmern müssen und aus dem Job scheiden, obwohl sie vielleicht erst 55 sind. Als Resultat wird es zu einem weiteren Fachkräftemangel kommen, der auch die Gleichberechtigung wieder zurückwirft.

Eine Art Brandbeschleuniger?

Ja, denn sowohl bei der Kinderbetreuung als auch bei der Angehörigenpflege werden wahrscheinlich eher die Frauen aus den Jobs aussteigen. Die Ampel hat in ihren Koalitionsvertrag geschrieben, dass sie innerhalb der nächsten zehn Jahre Gleichberechtigung erreichen möchte. Es fehlen aber die Maßnahmen. Wenn die Regierung keine Antworten auf die Care-Krise findet, sind wir in zehn Jahren in Sachen Gleichberechtigung eher wieder um zwanzig Jahre zurückgeworfen. Auf dieses Problem würde ich mir von der Familien-, aber auch von der Arbeits- und Wirtschaftspolitik Antworten wünschen. Denn Gleichberechtigung steht im Grundgesetz und ist keine Luxusfrage, die – nur weil wir in einer Wirtschaftskrise sind – über Bord geworfen werden kann.

Interview: Jan Christoph Freybott

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