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Wo tut’s weh? Eine Ärztin kommuniziert mit ihrem Patienten per Webcam. 

Virtuelle Sprechstunde

Telemedizin: Diagnose übers Smartphone

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Die Telemedizin führt seit Jahren ein Schattendasein, weil die Patienten einfach nicht mitspielen wollen. Seit Corona hat sich das aber spürbar geändert – womöglich für immer.

Der Weg zum Arzt ist kurz. Der Patient kann auf dem heimischen Sofa die virtuelle Sprechstunde aufsuchen. Ein Anruf. Auf das Smartphone wird per SMS ein Link geschickt. Mit dem Finger anklicken. Der Mediziner kann nun nicht nur mit dem Hilfesuchenden sprechen, sondern mittels der Handykamera auch die Stelle in Augenschein nehmen, an der es wehtut. Emergency Eye heißt die Lösung der Firma Corevas.

Telemedizin nennt sich die Disziplin, die durch die Corona-Krise plötzlich gefragt ist wie nie. Eine aktuelle repräsentative Umfrage des Digitalverbands Bitkom hat ergeben, dass zwei Drittel der Bundesbürger sich Onlinesprechstunden wünschen, um einer möglichen Ansteckungsgefahr in der Arztpraxis zu entgehen. Vor einem Jahr noch konnten sich nur 30 Prozent vorstellen, Videosprechstunden zu nutzen. Nur fünf Prozent hatten dies damals schon ausprobiert.

In den vergangenen vier Wochen hat das junge Unternehmen Corevas die Emergency-Eye-Software mehr als 400 Nutzergruppen kostenlos zur Verfügung gestellt – darunter Krankenhäusern und Senioreneinrichtungen, aber vor allem niedergelassenen Ärzten. Einer davon ist der Kasseler Allgemeinmediziner Gerd Appel. Er spricht von einem „leistungsfähigen Werkzeug“. Das Risiko einer Ansteckung durch persönlichen Kontakt werde auf null reduziert, die Schwelle zur Kontaktaufnahme mit dem Arzt herabgesetzt. Schwerwiegende gesundheitliche Folgen könnten bei Menschen vermieden werden, die sich nicht trauen, in die Praxis zu kommen. „Wir wenden die Lösung seit mehreren Wochen erfolgreich an. Auch bei älteren Menschen – zum Beispiel mit der Unterstützung von Pflegediensten“, sagte Appel.

Corevas-Gründer Günter Huhle, selbst Mediziner, hat Emergency Eye mit seinem Team eigentlich für Rettungseinsätze entwickelt. Jetzt wird die Software für kontaktlose Diagnostik eingesetzt. Mittlerweile erstatte die Kassenärztliche Vereinigung in Hessen die Nutzung von Emergency Eye als Videosprechstunde, erläutert Huhle. Er fügt hinzu: „Die Zertifizierung, um bundesweit Erstattungen durch Krankenkassen zu erreichen, läuft.“ Der Telekommunikationskonzern Vodafone unterstützt Corevas, stellt Übermittlungstechnik zur Verfügung. Die Videogespräche über alle Netze sind für die Patienten gebührenfrei. „Der Vorteil von diesem Live-Video-Chat liegt in seiner Einfachheit“, erläuterte Vodafone-Deutschland-Chef Hannes Ametsreiter. „Der Arzt benötigt einen PC und der Patient ein Smartphone. Vorkenntnisse oder Apps auf dem Handy braucht der Anrufer nicht. Jeder kann das System nutzen.“

Auch für Ärzte ist die Software derzeit kostenlos, genau wie bei vielen anderen vergleichbaren Lösungen. So bringt auch die Softwarefirma Compu-Group Medical mit Clickdoc eine eigene Lösung für Videosprechstunden unter die Leute. Nach Angaben des Unternehmens sind mittlerweile weltweit mehr als 64 000 Nutzer registriert. Jede Woche würden hierzulande derzeit rund 24 000 ärztliche Onlinekonsultationen abgewickelt. Sie dauerten im Schnitt neun bis zehn Minuten.

Corona hat heftige Marketinganstrengungen ausgelöst in einem Geschäft, das in der IT-Branche seit Jahren als „das nächste große Ding“ betrachtet wird. Marktforscher prognostizierten enorme Wachstumsraten. Immer wieder mit dem Hinweis darauf, dass vor allem Ältere und chronisch Kranke davon profitieren könnten, weil sie sich den Weg zum Arzt ersparen könnten. Doch der erwartete Durchbruch der Telemedizin wollte sich nicht einstellen. Die Patienten spielten nicht mit. Die Angst vor einem Missbrauch persönlicher Daten sorgte für Zurückhaltung. Und viele konnten für sich keine Vorteile bei den digitalen Anwendungen erkennen. Durch Corona hat sich vieles verändert.

Jetzt hat der Bitkom auf seiner Website zweieinhalb Dutzend IT-Anwendungen zusammengestellt, die beim Überwinden der Pandemie helfen sollen – von einer Datenbank für Hotelbetten, die als Krankenzimmer benutzt werden können bis zum „Cyberschutz für Gesundheitseinrichtungen“. Patienten, Ärzte, Pflegende – alle könnten von der Digitalisierung des Gesundheitswesens profitieren, sagte Bitkom-Präsident Achim Berg. Es gelte nun, vorhandene Möglichkeiten auszubauen und in die Fläche zu bringen.

Anleger jedenfalls setzen darauf, dass dies tatsächlich geschieht. Die Aktie der Compu-Group legte in den vergangenen vier Wochen um mehr als ein Drittel zu. Der Börsenwert der Softwarefirma ist fast auf dem Niveau von der Lufthansa. Und für Ametsreiter ist klar: „Die Welt nach Covid-19 wird anders aussehen. Sie wird in vielen Bereichen digitaler sein. Emergency Eye ist ein Musterbeispiel dafür, wie Technologie unseren Alltag verbessern kann.“ In jedem Fall würden sich die Voraussetzungen für Telemedizin verbessern – mit hochwertigeren Kameras in den Smartphones und mit leistungsfähigeren Netzen. Der Vodafone-Chef ist davon überzeugt, dass Telemedizin langfristig viele Standardbehandlungen erleichtern kann.

Das Geschäftsmodell für Emergency Eye kann nach Huhles Worten darauf hinauslaufen, dass Lizenzen nach der Zahl der Patienten des jeweiligen Mediziners berechnet werden: „Das wären dann um die 80 bis 100 Euro pro Arzt im Monat.“ Appel räumt indes ein, dass per Video nicht alles diagnostiziert werden kann. „Ich kann aus der Ferne kein Fieber messen.“ Aber die bewegten Bilder seien sehr hilfreich, um einen Gesamteindruck von einem Patienten zu gewinnen. „Vor allem in ländlichen Gebieten werden solche Lösungen Zukunft haben.“

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