+
Die deutsche Firma Solidan verkleidete die Träger der jüngsten Bosporus-Brücke.

Textilbranche

Der Stoff für den Bau

  • schließen

Brücken, Stadien, Flugzeuge: Technische Textilien von deutschen Firmen sind in vielen Bereichen unverzichtbar.

Wer Konzerte im Stadion im Frankfurter Stadtwald besucht, hat es vielleicht schon erlebt: Wie ein riesiger Schirm kann das Dach geschlossen werden. Als größtes Cabrio der Welt bezeichnet die Arena die 9000 Quadratmeter große und mit Halteseilen und Stahlträger zusammen rund 2500 Tonnen schwere Konstruktion spaßeshalber. Nüchterner betrachtet ist es laut Webseite der Commerzbank-Arena das größte Stahl-Seil-Membran-Innendach der Welt. Es besteht aus einer Membranhaut, die im Inneren des zentralen Videowürfels verstaut ist und binnen 15 Minuten an Stahlseilen aufgezogen werden kann.

Wer schon mal bei kräftigem Wind versucht hat, seinen Baumarkt-Pavillon gegen das Wegfliegen zu sicher kann sich leicht vorstellen, welche Kräfte auf die Dachhaut einwirken. Mit normalem Stoff hat das nichts zu tun und doch sind die bei solchen Konstruktionen verwendeten Gewebe Beispiele für Hightech-Textilien. Denn technische Textilien sind ein Bereich der Textilproduktion, der im Gegensatz etwa zur Herstellung von Oberbekleidung noch gute Chancen am Standort Deutschland hat. Und der in Zukunft wohl immer öfter im alltäglichen Leben vorkommen wird. Die am 14. Mai startenden Messen Techtextil und Texprocess in Frankfurt präsentieren Beispiele für die Rolle, die technische Textilien im Alltag spielen.

Bei den Besuchern von Messen für die Textilbranche wird man nicht in erster Linie an Bauingenieure denken. Tatsächlich aber „steigt der Anteil der Fachbesucher aus Bauwirtschaft und Architektur von Messe zu Messe ständig“, sagt Michael Jänecke, der bei der Messe Frankfurt die Bereiche „Technical Textiles & Textile Processing“ verantwortet. Der Einsatz textiler Stoffe auf dem Bau ermöglicht manche Projekte überhaupt erst. Ein Beispiel ist die Bosporus-Brücke bei Istanbul. Deren rund 320 Meter hohen Brückenpfeiler konnten nicht mit klassischen Stahlbeton-Fassadenplatten verkleidet werden, die waren zu schwer. Die Lösung kam von der Firma Solidian aus Baden-Württemberg in Form von 3200 Quadratmetern Platten, die mit Matten aus Glasfaser und Carbon statt mit Stahl bewehrt wurden.

Aber bei technischen Textilien geht es auch um klassischere Anwendungen, Stoffe für Kleidung und Sitzbezüge etwa. Und um klassische Marken wie etwa Trevira. Das Unternehmen mit Sitz im hessischen Hattersheim und Produktionswerken in Brandenburg und Bayern gehörte bis 2000 zum Frankfurter Hoechst-Konzern. Früher wurde die Marke Trevira für Sportkleidung oder bügelfreie Hosen sogar in Radio und TV beworben. Heute ist die Marke kaum noch in der Öffentlichkeit präsent – aber wir sitzen oft genug auf Autositzen oder in Zügen der Deutschen Bahn, die mit flammhemmenden Fasern von Trevira hergestellt wurden. Die rund 1100 Beschäftigten stellen rund 81 000 Tonnen Fasern und Garne im Jahr her und erwirtschaften einen Jahresumsatz von 229 Millionen Euro. Trevira gehört heute zu einem thailändischen Konzern und gilt als Marktführer für schwer entflammbare Stoffe.

Ebenfalls bei Konsumenten verbreitet aber kaum bekannt sind Produkte von Freudenberg Performance Materials aus Weinheim an der südlichen Bergstraße. Das Unternehmen mit 3600 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz 2018 von mehr als 920 Millionen Euro gehört zur Freudenberg-Gruppe mit fast 50 000 Beschäftigten und 9,3 Milliarden Euro Jahresumsatz. Ein Produkt des Bereichs Performance Materials ist beispielsweise die Comfortemp-Thermoisolierung, die in Outdoor-Jacken von Our Planet oder Pyua steckt und dort die Daunen ersetzt. Der Vliesstoff soll die Vorzüge herkömmlicher Daunenfüllungen und klassischer Wattierungen bei 80 Prozent höherer Wärmeisolierung vereinen. Er besteht aus recycelten Polyesterfasern und kann deshalb, anders als Daunen, Feuchtigkeit besser vertragen. Und als Wattierung kann das Isoliermaterial in der Jacke nicht verrutschen.

Technische Textilien

Technische Textilien sind ein weitgefasstes Segment. Vliese, Gewebe, Gestricke und Garne aus verschiedenen Materialien finden in vielen Bereichen Anwendung: von Matten in der Landwirtschaft über Armierungen und Gewebe auf dem Bau bis hin zu Verpackungen und Materialien für den Flugzeug- und Autobau.

Deutschland ist bei technischen Textilien ist laut Branchenverband IVGT Weltmarktführer. Die Messe Frankfurt gibt den hiesigen Branchenumsatz für 2017 mit rund 13 Milliarden Euro an.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare