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Nanda Bergstein leitet den Bereich Unternehmensverantwortung.

Nachhaltigkeitsstrategie von Tchibo

„Nachhaltigkeit darf kein Luxus sein“

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Tchibo-Managerin Nanda Bergstein spricht im Interview über Nachhaltigkeit, mangelernährte Näherinnen, die Wirkung des Siegels Grüner Knopf und Second-Hand-Mode.

Gerade ist Nanda Bergstein von einer Reise nach Indien zurückgekehrt und steht noch ganz unter dem Eindruck der schlechten Luft in Neu-Delhi. Der Smog habe sie richtig krank gemacht, erzählt die Nachhaltigkeitschefin von Tchibo - und fügt an: „Wir müssen für globale Herausforderungen wie die Luftverschmutzung schnell Lösungen finden.“ Dazu zählt sie auch das Problem der Armutslöhne in den Textilfabriken.

Frau Bergstein, kennen Sie das aus Ihrer eigenen Jugend: diese Sucht, ständig neue, hippe Klamotten zu möglichst billigen Preisen zu kaufen?

Ehrlich gesagt, ich hatte keine ausgeprägte Fast-Fashion-Phase. In unserer Familie haben qualitativ hochwertige Stoffe eine große Rolle gespielt. Meine indische Großmutter war Modedesignerin. Ich bin mit vielen schönen Textilien groß geworden. Erinnern kann ich mich aber noch daran, als ich meine erste Levis-Jeans bekommen habe. Das fand ich unglaublich cool.

Nach Ihrem Bachelorabschluss haben Sie ein Jahr lang für eine NGO in Indien gearbeitet. Mit welchen Erfahrungen sind Sie damals nach Deutschland zurückgekommen?

Wir haben Mädchen aus armen Familien mit speziellen Trainings gestärkt. Es hat mich begeistert zu sehen, welche Wirkung wir damit erzielen konnten, wie selbstbewusst die Teilnehmerinnen wurden.

Nachhaltigkeit bei Tchibo: Sektor mit Glaubwürdigkeitsproblem

Das hat Sie nicht motiviert, längerfristig für eine Entwicklungsorganisation tätig zu werden?

In meinem Masterstudium „Gender, Development und Globalisation“ in London habe ich mich auch intensiv mit den Bedingungen in der Textilwirtschaft beschäftigt. Für mich war dann schnell klar, dass ich in einem Unternehmen der Branche etwas bewegen will.

Der Sektor hat noch immer ein Glaubwürdigkeitsproblem. Laut einer Umfrage halten nur 14 Prozent der Verbraucher die Angaben der Textilfirmen in Sachen Nachhaltigkeit für vertrauenswürdig.

Es gibt offenbar eine grundsätzliche Skepsis der Konsumenten – auch jenen Unternehmen gegenüber, die sich für eine Verbesserung der Zustände einsetzen. Regelmäßige Berichte über kritische Zustände und Skandale bei Zulieferern tragen nicht gerade dazu bei, das Vertrauen zu stärken.

Tchibo hat sich bereits 2006 auf die Fahnen geschrieben, zu 100 Prozent nachhaltig zu wirtschaften. Wie definieren Sie Nachhaltigkeit?

Für uns heißt das: Das Geschäft von Tchibo darf nicht zulasten von Menschen und Umwelt gehen. Aber es geht nicht nur darum, negative Auswirkungen zu verhindern, wir wollen auch einen positiven Beitrag zu den globalen Herausforderungen leisten. Auf diesem Weg sind wir seit 14 Jahren.

Nachhaltigkeit bei Tchibo: Drittgrößter Anbieter von Bio-Baumwoll-Produkten

Wie weit sind Sie denn im Bereich Textilien schon gekommen?

Das Thema ist viel zu komplex, um einfach nur eine Prozentzahl zu nennen. Aber ich kann Ihnen ein paar Beispiele geben: 90 Prozent unserer Baumwolle kommt schon aus nachhaltigem Anbau. Wir sind der drittgrößte Anbieter von Bio-Baumwoll-Produkten weltweit. Bei Viskose liegen wir bei der Umstellung auf nachhaltige Materialien bei 80 Prozent. Auch im Segment Synthetik und Polyester schwenken wir jetzt schrittweise um. Und wir nehmen am Detox-Programm teil, um unsere Produktion komplett zu entgiften. Greenpeace bescheinigt uns, dass wir da ambitioniert unterwegs sind. Aber es gibt natürlich noch eine Menge Probleme, die wir lösen wollen und müssen. Wir sind ehrgeizig.

Eine Studie der Kampagne für Saubere Kleidung zeigt, dass 70 Prozent der Näherinnen in kambodschanischen Textilfabriken mangelernährt sind.

Dass der Lohn oft nicht reicht, um sich gut ernähren zu können, darf uns als Branche nicht ruhen lassen. Tchibo hat über Jahre verschiedene Pilotprojekte gestartet, um da etwas zu erreichen. Wir haben mit den Partnern an der Produktivität gearbeitet, um am Ende über höhere Einkaufspreise auch höhere Löhne zu ermöglichen. Das kann man in einzelnen Projekten machen, aber für alle Fabriken ist das nicht umsetzbar.

Nachhaltigkeit: Konflikte im Betrieb

Was ist daran so schwer?

Wir sind nicht der alleinige Einkäufer in einer Fabrik. Wenn wir mehr bezahlen, aber andere Auftraggeber nicht, ist das im Wettbewerb auf Dauer schwierig. Und es kann in Betrieben auch zu Konflikten führen, wenn die eine Produktionslinie den Tchibo-Zuschlag bekommt und die anderen Näherinnen leer ausgehen. Am Ende des Tages ist ein solches Modell, das vom guten Willen einzelner Firmen abhängt, auch nicht nachhaltig.

Wie soll es dann gehen?

Mit einer Gruppe von über 20 internationalen Textilhändlern wie H&M oder Inditex und der globalen Gewerkschaftskonföderation IndustriALL engagieren wir uns in der Initiative ACT. Mit dem Ziel, in Produktionsländern wie Bangladesch, Myanmar und Kambodscha Tarifverhandlungen zu erreichen. Nur gemeinsam können wir in der Fläche etwas bewirken. Gleichzeitig haben wir uns verpflichtet, in diesen Ländern weiterhin einzukaufen– auch wenn die Löhne dann steigen. Und sie müssen steigen – und zwar deutlich.

Haben Sie damit Erfolg?

In Kambodscha hatten wir die Regierung und die Arbeitgeber schon so weit, dass sie bereit waren, sich auf Tarifverhandlungen einzulassen. Aber dann hieß es, die teilnehmenden Unternehmen repräsentierten nur 50 Prozent der Nachfrage. Und es gibt offenbar auch Konkurrenten, die die kambodschanische Seite vor Tarifverhandlungen gewarnt und mit Abwanderung gedroht haben, wenn die Preise steigen sollten. Es ist ein mühsamer Prozess. Aber der Ansatz ist richtig, es müssen nur genügend Unternehmen mitziehen.

Nanda Bergstein (Tchibo): Verantwortung für die Lieferkette

Auch Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) will seit 2014 mit dem Textilbündnis für bessere Arbeitsbedingungen in den Fabriken sorgen. So richtig viel ist dabei noch nicht herumgekommen.

Es ist beeindruckend, wie Bundesminister Müller seine Agenda für nachhaltigere Textilien durchsetzt. Immerhin hat er erreicht, dass ein Großteil der Branche heute in den Diskurs über soziale und ökologische Verantwortung für die Lieferkette eingetreten ist. Viele haben jetzt wirklich begonnen, sich ihre eigenen Prozesse und die Einkaufspraktiken kritisch anzuschauen. Und es gibt erste Bündnisinitiativen, wo wir vor Ort versuchen, Dinge zu bewegen. Uns reicht das aber nicht aus. Wir wünschen uns mehr gemeinsame Aktivitäten in den Produktionsländern.

Auf Müllers Initiative wurde jetzt das neue staatliche Textilsiegel „Grüner Knopf“ eingeführt. Sie standen dem Projekt von Anfang an kritisch gegenüber.

Ich bin in der Tat skeptisch, dass der Grüne Knopf allein schnell genug zu einer Verbesserung der sozialen und ökologischen Standards bei den Lieferanten führt. Er ist ja als Metasiegel über schon bestehende Siegel hinweg konzipiert.

Warum nutzt Tchibo dennoch dieses staatliche Siegel für nachhaltige Kleidung?

Zwei Dinge haben uns dazu bewogen. Erstens ist der Grüne Knopf mit einer Unternehmensprüfung verbunden. Es reicht also nicht aus, ein Siegel von Gots oder der Fair Wear Foundation zu haben, um sich den Grünen Knopf anheften zu können. Die Unternehmen müssen auch ein Managementsystem für Nachhaltigkeit nachweisen. Diese Kombination aus Siegel und Due-Diligence-Check ist sinnvoll.

Und der zweite Grund?

Wir suchen immer nach Möglichkeiten, unser Nachhaltigkeits-Engagement noch besser zu kommunizieren. Nachhaltigkeit erfordert auch eine Bewegung hin zu nachhaltigem Konsum im Mainstream. Die meisten Konsumenten wollen im Laden verständlicherweise nicht mit der ganzen Komplexität des Themas belastet werden, sondern mit einem guten Gefühl einkaufen. Der Grüne Knopf mit staatlicher Garantie ist vielleicht ein einfaches Signal, das als Kaufanreiz für nachhaltigere Produkte wirkt.

Tchibo spricht sich mit anderen Firmen für Lieferkettengesetz aus

Tchibo gehört zu einer Gruppe von 42 Firmen, die sich für ein Lieferkettengesetz aussprechen. Auf das freiwillige Engagement der Wirtschaft ist kein Verlass?

Mit Einzelinitiativen kommen wir jedenfalls nicht weiter bei der Lösung der drängenden globalen Fragen. Wir müssen da schnell vorankommen. Denn es geht um Menschenrechte, um anständige Arbeit, um gerechte Löhne und damit am Ende um die Bekämpfung von Armut. Das erreichen wir nur mit einer Regulierung, die alle in die Pflicht nimmt und faire Wettbewerbsbedingungen schafft. Wir brauchen gesetzliche Mindeststandards, die keiner mehr unterschreiten darf. Ich hoffe, ein solches Gesetz kommt und wird kein Papiertiger. Es wäre zu wenig, wenn die Erfüllung der menschenrechtlichen Sorgfalt nur daran geprüft würde, ob ein Unternehmen Waren aus zertifizierten Fabriken bezieht.

Wie fällt bei Tchibo eigentlich die Entscheidung für oder gegen einen Zulieferer?

Neue Fabriken werden von Tchibo selbst auditiert. Wir verlassen uns aber nicht allein auf Siegel-Zertifikate, die nicht immer halten können, was sie versprechen.

Bekommt ein Prüfer bei seinem Besuch wirklich das komplette Bild?

Unsere Kontrolle wird für ein Zweiwochenfenster angekündigt. Wenn eine Fabrik nicht gut gemanagt wird, ist es fast unmöglich, einen guten Zustand so lange aufrechtzuerhalten. Da kriegen wir schon einen ersten realistischen Eindruck. Wir nutzen Auditierungen als Eintrittsbarriere, um die Einhaltung von Mindeststandards zu prüfen, zum Beispiel um die Frage zu beantworten: Ist diese Fabrik eigentlich sicher? Aber man kann dabei nicht herausfinden, ob es Diskriminierung, sexuelle Belästigung im Betrieb oder Probleme mit der Gewerkschaftsfreiheit gibt.

Und wenn ein Zulieferer diese erste Hürde genommen hat?

Dann gehen wir mit ihm in unser Qualifizierungsprogramm WE. Das steht für „Worldwide Enhancement of Social Quality“ und zielt darauf ab, Transparenz über die Menschenrechtsbedingungen im Betrieb herzustellen. Und dabei werden dann die kritischen Themen in Mediationsprozessen mit der Unternehmensführung und den Beschäftigten bearbeitet. Wir gehen immer von einem Entwicklungsansatz aus. Ich bin grundsätzlich skeptisch, wenn ich von vornherein ein Audit mit dem Ergebnis, es sei schon alles in Ordnung, auf den Tisch bekomme.

Nanda Bergstein leitet seit 2018 den Bereich Unternehmensverantwortung von Tchibo. Die 40-Jährige hat in Dresden Internationale Beziehungen und in London „Gender, Development und Globalisation“ studiert. Anschließend arbeitete sie bei der Hamburger Nachhaltigkeitsberatung Systain. 2007 begann sie bei Tchibo in der Unternehmensverantwortung.

Tchibo verkauft nicht nur Kaffee, sondern ist auch ein führender Textilhändler. Im Non-Food-Bereich erwirtschaften die Hamburger rund 60 Prozent ihrer Erlöse. Tchibo ist im Bündnis für nachhaltige Textilien der Bundesregierung engagiert und Mitglied der Initiative ACT für existenzsichernde Löhne. Um mehr Transparenz in der Lieferkette zu schaffen, veröffentlicht Tchibo alle seine Produzenten. (tos)

Wie viel Nachhaltigkeit kann sich Tchibo eigentlich leisten? Es wird in der Branche ja auch immer mit den Kosten argumentiert.

Es gehört zu einem guten Nachhaltigkeitsmanagement, auch kostenbewusst zu agieren. Wir bieten Produkte für breite Bevölkerungsschichten an. Und Nachhaltigkeit darf kein Luxus sein. Deshalb diskutieren wir die Themen also immer unter sozialer, ökologischer und ökonomischer Perspektive. Allerdings haben wir bei Tchibo auch die Rückendeckung der Eigentümerfamilie und der Geschäftsführung, Entscheidungen im Zweifelsfall für Nachhaltigkeit zu treffen, weil wir als Unternehmen soziale und ökologische Missstände nicht tolerieren wollen. Langfristig ist das auch immer die bessere wirtschaftliche Strategie.

Woher kommt dieser starke Nachhaltigkeitsgedanke bei Tchibo?

Dieses Grundmotiv, dass man als Unternehmen fair wirtschaftet, diese hanseatische Kaufmannsehre, war bei Tchibo schon immer fest verankert. Der Fokus lag in früheren Jahren vor allem auf den Mitarbeitern. Ein großer Einschnitt waren dann die Jahre 2005/2006, als es eine Kampagne gegen Tchibo wegen Arbeitsrechtsverletzungen bei Zulieferern in Bangladesch gab. In Fabriken, die wir eigentlich auditiert hatten. Die internationale Kampagne für Saubere Kleidung hat uns damals den Spiegel vorgehalten. Das war für uns Anlass, den Bereich Unternehmensverantwortung zu gründen.

Nachhaltigkeit: Tchibo vermietet Kinderkleidung

Tchibo vermietet seit 2018 auch Kinderkleidung. Will Tchibo ein Sharing-Konzern werden?

Wir wollen ein gesundes und nachhaltiges Unternehmen sein. Produkte zu vermieten heißt Textilien länger zu nutzen und Ressourcen zu schonen. Wir kommen damit dem Ziel eines geschlossenen Produktkreislaufs einen Schritt näher. Das ist ein anderes Business-Modell, heißt aber nicht, dass es weniger profitabel sein muss.

Wie sind die ersten Erfahrungen mit Tchibo Share?

Die Kunden, die den Service nutzen, sind total begeistert. Aber wir sehen auch, dass wir noch stärker das Vertrauen wecken müssen, den Service auszuprobieren. Wir erweitern das Sortiment kontinuierlich. Meine Hoffnung ist, dass das für uns eines Tages zu einem etablierten Geschäftsfeld wird.

Tragen Sie selbst Kleidung aus zweiter Hand?

Ja, natürlich, aber nicht ausschließlich. Es gibt in Hamburg tolle Second-Hand-Läden, in denen ich hochwertige, modische Sachen bekomme.

Interview: Tobias Schwab

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