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Demonstration gegen den Braunkohletagebau Garzweiler im Juni 2019.
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Demonstration gegen den Braunkohletagebau Garzweiler im Juni 2019.

Kohle

Tagebau Garzweiler: Am Rande des Abgrunds

  • VonBarbara Schnell
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Einige Dörfer im rheinischen Braunkohlerevier sollen erhalten bleiben. Der Konzern RWE hat die Region trotzdem tief geprägt.

Garzweiler – Viele Menschen in den Garzweiler-Dörfern können ihn noch gar nicht glauben, den einen Satz im Koalitionsvertrag der Ampel-Parteien: „Die im dritten Umsiedlungsabschnitt betroffenen Dörfer im Rheinischen Revier wollen wir erhalten.“ Jahrelang war das Leben der Menschen in Keyenberg, Kuckum, Westrich und Berverath geprägt von dem Bewusstsein, wenn nicht gar der Gewissheit, dass ihre Orte irgendwann in den 2020er Jahren von der Braunkohlegrube verschluckt werden würden – und jetzt das, irgendwie erwartet, aber irgendwie auch schwer zu fassen.

An das Gefühl, im Recht zu sein, werden sie sich erst gewöhnen müssen, denn das Klima, in dem sich 2018 etwa das Bündnis „Alle Dörfer bleiben“ gründete, war nicht nur dominiert von der näher rückenden Präsenz der Grube, sondern auch von der allgegenwärtigen gesellschaftlichen Präsenz des Kohlekonzerns RWE. „Counter Insurgency Tactics“, also Taktiken zur Aufstandsbekämpfung, nennt Polit-Ökologin Andrea Brock die erprobten Methoden, mit denen der Konzern über Jahrzehnte den gesellschaftlichen Konsens für den Braunkohleabbau schaffen konnte.

RWE & Co: Mit der Brotdose zu gesellschaftlicher Akzeptanz

Für die 35-jährige Rheinländerin, die an der University of Sussex lehrt und zu deren Fachgebieten die Delegitimierung von Widerstand gegen Minenbetreiber zählt, haben im Rheinischen Braunkohlerevier neben den „harten“ Taktiken der Widerstandsbekämpfung mit Polizei-Unterstützung vor allem die „weichen“ Methoden der Widerstandsprävention beispielhaft Früchte getragen. „Sich Akzeptanz in der Bevölkerung zu verschaffen, ist billiger und einfach als ‚Krieg‘ zu führen“, so Brock, die selbst in der Tagebauregion um Hürth aufgewachsen ist.

„Mir war das lange gar nicht bewusst, wie sehr sogar die ganze Landschaft mit all ihren Baggerlöchern genau wie die Politik von RWE geprägt ist“, erzählt Brock und berichtet von Kindern, die zur Schultüte eine RWE-Brotdose bekommen, von üppig gesponserten Vereinen und von Nischen-Forscher:innen, denen RWE eine Bühne zur Präsentation ihrer Biodiversitätsstudien bietet – die sie praktischerweise auf rekultivierten Tagebauflächen durchführen können.

Gute Miene böses Spiel: Energiekonzerne wie RWE spielen Anwohner gegeneinander aus

Und es geht weiter: Die Tagebaue würden bei Führungen zum touristischen Spektakel, sagt Brock. „Lokalpolitiker werden in den sogenannten RWE-Beirat berufen und für wenig Zeitaufwand üppig entlohnt. Kommunen besitzen Aktienpakete, die finanzielle Abhängigkeiten erzeugen“, beschreibt Andrea Brock die Verflechtungen, die den Konzern in allen Lebensbereichen zum selbstverständlich akzeptierten Mitspieler machen – bis in die Landespolitik: Laut Berichten von Abgeordnetenwatch stand Gregor Golland, Fraktions-Vize der NRW-CDU, der erst Ende 2020 eine eigene Beraterfirma gründete, jahrelang mit einem hohen fünfstelligen Betrag auf der RWE-Gehaltsliste.

„Dazu kommt eine gekonnt beschönigende, auch von den Medien übernommene Sprache, die mit Bildern wie dem ‚wandernden Tagebau‘ und den ‚weichenden Dörfern‘ suggeriert, die Zerstörung sei nur temporär“, so Andrea Brock. Der Konzern gebe sich als guter Nachbar, der während der Umsiedlungsverhandlungen gezielt einzelnen Anwohner:innen Angebote mache, über die sie nicht reden dürften, und die Mitglieder der Gemeinschaft gegeneinander ausspiele.

Einige Dörfer müssen weiter zittern: „Über Lützerath werden die Gerichte entscheiden“

Während die Menschen nun ihren Frieden mit dem Erhalt der Dörfer machen können oder müssen, wurden ausgerechnet am ersten Adventswochenende die drei katholischen Kirchen in ihren Orten entwidmet. Diese gehören bereits seit 2019 dem Konzern, der jedoch momentan keinerlei Druck ausübt, die Gebäude zu übernehmen. Diesmal ist es Gemeindepfarrer Werner Rombach, der darauf drängt, sein neues Domizil im Umsiedler-Neubaugebiet in Betrieb zu nehmen. „Die Kirche geht dahin, wo die Menschen sind“, so sein Credo. Die Glocken der Keyenberger Kirche hat Rombach Anfang September bereits abtransportieren lassen.

Konkret hat RWE mit diesen Eingriffen in das Dorfleben nichts zu tun – doch auch das Vakuum, in dem sie geschehen konnten, ist eine Folge der Allgegenwart des Konzerns im gesellschaftlichen und politischen Leben der Region.

Für einige andere Dörfer geht das Zittern aber weiter: „Über Lützerath werden die Gerichte entscheiden“, heißt es im Koalitionsvertrag. Manheim am Hambacher Wald wird nicht erwähnt. (Barbara Schnell)

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