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Tafeln in Deutschland: „Zwei Millionen Menschen mehr“ auf Spenden angewiesen

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Von: Steffen Herrmann

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Lebensmittelsaugabe bei der Frankfurter Tafel e.V. in Frankfurt Seckbach.
Lebensmittelsaugabe bei der Frankfurter Tafel e.V. in Frankfurt Seckbach. © imago/(Symboldbild)

Jochen Brühl, Vorsitzender der deutschen Tafeln, über ausbleibende Lebensmittelspenden, Ehrenamtliche im Dauerstress und wie eine „soziale Zeitenwende“ aussehen sollte.

Rund 960 Tafeln gibt es in Deutschland. Dort sammeln Helferinnen und Helfer Lebensmittel und verteilen sie an armutsbetroffene Menschen. Deren Zahl, erzählt Jochen Brühl, habe innerhalb weniger Monate stark zugenommen. Im Interview spricht der Vorstandsvorsitzende des Dachverbandes über Ehrenamtliche am Limit, ausbleibende Lebensmittelspenden und die Notwendigkeit einer „sozialen Zeitenwende“.

Herr Brühl, es sind die letzten Tage vor Weihnachten. Wie ist die Stimmung bei den Tafeln?

Nach diesem Jahr freuen sich viele Helfende auf eine verdiente Pause. Die Situation ist aktuell so herausfordernd wie noch nie in den fast 30 Jahren seit es die Tafeln gibt. Die Zahl der Kundinnen und Kunden wächst, gleichzeitig haben wir deutlich weniger Lebensmittel zur Verfügung. Das zeigt das Problem: Einerseits reichen die staatlichen Unterstützungsleistungen für Menschen, die von Armut bedroht oder betroffen sind, nicht aus. Andererseits kommen bürgerschaftliche Organisationen wie die Tafel an ihre Grenzen. Wir sind am Limit.

Über 70 Prozent der Tafel bekommen weniger Lebensmittel – ich sage es nochmal – bei immer mehr Kundinnen und Kunden.

Jochen Brühl

Wer ist auf das Angebot der Tafeln derzeit besonders angewiesen?

Geflüchtete aus der Ukraine. Ihre Zahl wird weiter wachsen, das ist aufgrund der Zerstörungen der Infrastruktur in der Ukraine zu erwarten. Außerdem kommen Menschen mit einer zu geringen Rente, Menschen in der Grundsicherung, die aufstocken, Alleinerziehende, kinderreiche Familien. Und Menschen, die es bisher immer knapp geschafft haben, durch die steigenden Preise nun aber nicht mehr wissen, wie sie über den Monat kommen.

Und insgesamt sind es deutlich mehr Menschen als etwa zu Beginn des Jahres?

Seit Anfang des Jahres sind es knapp 50 Prozent mehr, insgesamt um die zwei Millionen.

Die Tafeln arbeiten mit Lebensmittelspenden aus dem Handel. Sie haben aber schon angedeutet, dass die Unternehmen sparsamer bei den Spenden sind.

Der Handel spart nicht nur, sondern hat auch Methoden entwickelt, um seine Bestellverfahren und Lagersysteme zu verbessern. Mit Blick auf Lebensmittelverschwendung ist das natürlich eine gute Nachricht. Für die Tafeln ist es herausfordernd in dieser Krise: Über 70 Prozent der Tafel bekommen weniger Lebensmittel – ich sage es nochmal – bei immer mehr Kundinnen und Kunden. Da sehen wir die Politik in der Verantwortlichkeit, denn es ist nicht unsere Aufgabe, Menschen zu versorgen.

Jochen Brühl ist Vorsitzender des Bundesverband Tafel in Deutschland.
Jochen Brühl ist Vorsitzender des Bundesverband Tafel in Deutschland. © n. neuschl

Wie reagieren die Tafeln auf die Situation?

Kaufen wollen wir Lebensmittel nicht. Wir versuchen stattdessen, die zur Verfügung stehenden Mengen gerecht aufzuteilen. Wir arbeiten immer mehr mit Lebensmittelherstellern zusammen, dort gibt es nach wie vor große Überschüsse. Und wir versuchen, kreativ an Lebensmittel zu kommen. Zum Beispiel mit dem Projekt des umgekehrten Adventskalenders, mit dem Schulen, Kindergärten und andere Organisationen 24 Tage lang haltbare Lebensmittel sammeln. Das soll sensibilisieren: Es gibt Leute, die haben wenig, für die ist die Weihnachtszeit eine ganz schlimme Zeit.

Also gibt es auch kleinere Portionen?

Genau. Wir können nur abgeben, was wir haben.

Zur Person

Jochen Brühl , 56, ist Sozialarbeiter, Diakon und Fundraiser. Seit knapp 20 Jahren engagiert sich der Westfale bei den Tafeln, gründete 1999 die örtliche Tafel in Ludwigshafen mit. Seit 2013 führt er den Vorstand des Dachverbandes als Vorsitzender – ein Ehrenamt, für das ihn sein Arbeitgeber stundenweise freistellt. FR

Wie geht es den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern der Tafeln?

Es ist unglaublich, dass es immer noch Menschen gibt, die sich in diesen Zeiten einen Kopf machen für andere. Das gilt für das gesamte Ehrenamt. Dass diese Menschen nicht gefeiert werden, das schockiert mich. Viele der Aktiven sind ja selbst in der Krise und machen sich Sorgen, wie sie durch den Winter kommen. 20 Prozent unserer Helfer:innen sind selbst Kund:innen oder waren es mal. Sie sind müde, bringen aber immer noch die Energie auf, zu helfen. Stellen Sie sich das vor: Kriegstraumatisierte Geflüchtete, die unsere Sprache nicht sprechen, treffen auf Helfende, die seit 2020 im Dauer-Krisenmodus sind. Das ist eine unglaubliche gesellschaftliche Leistung.

Inwiefern trifft die Inflation auch die Tafeln und ihre Partnereinrichtungen selbst?

Die Tafeln spüren den Kostendruck. Viele Einrichtungen heizen mit Gas, verbrauchen viel Energie für die Kühlung und natürlich Kraftstoff für die Fahrzeuge, mit denen wir quasi rund um die Uhr durch die Städte fahren und Lebensmittel einsammeln. Deshalb müssen wir als Dachverband schauen, dass die örtlichen Tafeln durch den Winter kommen.

Sind Standorte in Gefahr?

Das ist regional sehr unterschiedlich. In wirtschaftlich starken Bundesländern gibt es keine Schwierigkeiten, bei den Flächenbundesländern im Osten ist das anders. Wir erleben gerade glücklicherweise eine große Spendenbereitschaft, das ist sehr wichtig für uns.

Viele Menschen sind auf die Tafel angewiesen. Vor allem seit 2000 ist die Zahl der Einrichtungen deutlich gestiegen.
Viele Menschen sind auf die Tafel angewiesen. Vor allem seit 2000 ist die Zahl der Einrichtungen deutlich gestiegen. © FR

Zuletzt haben Sie immer wieder eine „soziale Zeitenwende“ gefordert. Wie sollte die aussehen?

Soziale Ungleichheit gefährdet die Demokratie. Bei Reisen durchs Land erlebe ich immer wieder, dass Armutsbetroffene überhaupt keine Energie mehr haben. Sie haben keine Kraft für Wut, für Ärger oder Protest. Sie sind erschöpft und in aller Regel nicht selbst verantwortlich für ihre Situation. Armutsbetroffene Menschen müssen sich nicht schämen, sondern die Gesellschaft muss sich fragen, wie unser Wohlstand verteilt ist.

Die Erhöhung der Regelsätze des Bürgergeldes reicht also nicht?

Nein. Man hat den Lohnabstand zwischen Bürgergeld und den niedrigen Lohngruppen verglichen, und dann daraus abgeleitet, dass das Bürgergeld nicht bedarfsgerecht steigt, sondern nur so, dass das Lohnabstandsgebot bestehen bleibt. Dann frage ich mich: Sollten wir dann nicht die etwas höheren Einkommen ins Verhältnis setzen? Das heißt doch, dass die niedrigen Lohngruppen offensichtlich zu wenig verdienen. Also: Wir brauchen eine bedarfsgerechte Grundsicherung. Das ist aber nur ein Aspekt.

Was sind die anderen?

Das Problem der Altersarmut wird sich zum Beispiel weiter verschärfen. Deshalb braucht es einen Dialog zwischen Politik und Gesellschaft darüber, wie wir die Ungleichheit angehen und wieviel Solidarität notwendig ist. Wenn wir zum Beispiel über die Lebensarbeitszeit sprechen und darüber, ob Menschen künftig vielleicht länger arbeiten müssen, dann sollten wir auch die Folgen für Ehrenamtsorganisationen in den Blick nehmen. Denn bei uns sind auch viele Rentnerinnen und Rentner aktiv.

Was können unsere Leserinnen und Leser tun, um zu helfen?

Ruft bei der Tafel in Eurer Nähe an. Fragt, was sie braucht: Vielleicht sind das Leute, die Lebensmittel sammeln oder mit der Webseite helfen. Also einfach ins Gespräch kommen. Mit Blick auf Weihnachten gilt das auch für das persönliche Umfeld: Vielleicht lebt nebenan eine einsame Nachbarin, der man helfen kann – zum Beispiel, indem man sie zum Essen einlädt.

Interview: Steffen Herrmann

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