Unter Quarantäne: rumänische Arbeiter, die für Tönnies Fleisch verarbeiteten.
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Unter Quarantäne: rumänische Arbeiter, die für Tönnies Fleisch verarbeiteten.

Fleischverarbeitung

Ausgebeutet und weggesperrt

  • vonChristoph Höland
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Führen Werkverträge zu moderner Sklaverei? Der Tönnies-Skandal zwingt Unternehmer, Politik und Verbraucher zum Umdenken.

Der gewaltige Corona-Ausbruch bei Marktführer Tönnies wirft ein Schlaglicht auf die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie. Es geht um migrantische Beschäftigte, die für ein paar Euro die Stunde gesundheitliche Risiken in Kauf nehmen. Es geht um Gewerkschaften, die kaum Macht haben. Und es geht um Fleischbarone, deren Vermögen groß genug sind, um Fußballvereine regelrecht zu kaufen. Es stellt sich die Frage, ob eine andere Fleischwirtschaft möglich ist.

Grundsätzlich ist sie das: Auch in Deutschland gibt es bis heute kleine Schlachter und Fleischer, die regional erzeugte Produkte vermarkten, Beschäftigte vergleichsweise fair bezahlen und hohe Arbeitsschutzstandards garantieren. Doch die Zahlen sprechen für sich: Knapp als 60 Prozent Marktanteil vereinen die drei Branchengrößen Tönnies, Westfleisch und Vion auf sich laut dem Bericht zur Marktlage bei Fleisch, den das Bundeslandwirtschaftsministerium jährlich herausgibt. Allein Marktführer Tönnies verarbeitet jedes dritte Schwein in Deutschland.

Die Geschichte von Tönnies beginnt in den 1970er Jahren – was kein Zufall ist. Bis heute zeugen Straßennamen wie „Am Schlachthof“, „Schlachte“ und „Rote Straße“ davon, dass einst in deutschen Innenstädten das Vieh aus der Umgebung zur Schlachtbank geführt wurde. Oft waren es Kommunen, die die Schlachthöfe unterhielten – von wo aus wiederum die Fleischer und Wurstfabrikanten der Stadt beliefert wurden. In den 1970er Jahren stieß das System an seine Grenzen: Die Schlachthöfe waren veraltet, den Kommunen waren Investitionen zu teuer. Die staatlichen Schlachtbetriebe wichen der Privatwirtschaft.

Optimierte Effizienz: halbierte Schweine dicht an dicht.

Bernd Tönnies gründete sein Unternehmen 1971. Der Vater des heutigen Firmenbosses war einst selbst Inhaber einer kleinen Metzgerei – doch das neue Unternehmen war von Anfang als Fleischfabrik gedacht. „Dem jungen Unternehmen gelingt es, die Arbeitsteiligkeit anderer Industrien auf die Fleischbranche zu adaptieren“, rühmt sich die Tönnies-Gruppe bis heute. Im Klartext: Anstelle der Handwerker, die das einzelne Tier von der Schlachtung bis zur Zerlegung verarbeiten, schaffte Tönnies viele separate Abteilungen, die auf einzelne Arbeitsschritte spezialisiert sind. Das setzt bei den einzelnen Beschäftigten weit weniger Know-how voraus, was wiederum niedrigere Löhne ermöglicht.

Kombiniert mit hohen Stückzahlen ergab sich ein System, dass große Mengen Fleisch in die ganze Bundesrepublik liefern konnte – zu niedrigeren Preisen bei steigender Kaufkraft. Musste ein Industriearbeiter für ein Kilo Rindfleisch 1970 durchschnittlich 72 Minuten arbeiten, waren es 2005 nur noch 24, hat der Göttinger Agrarökonom Achim Spiller errechnet. Zwischen 1950 und 1970 verdoppelte sich der Schweinefleischkonsum, bei Rindfleisch sah es ähnlich aus. Geflügel verachtfachte sich ausweislich von Zahlen des Landwirtschaftsministeriums sogar.

Die Fleischfabriken befriedigten diese Nachfrage – mit dem „Tönnies-System“, wie es Gewerkschafter Matthias Brümmer nennt. Er meint das nicht wohlwollend. Seit Jahrzehnten ringt er bei der ostfriesischen Gewerkschaft NGG darum, dass sich die Arbeitsbedingungen bei Tönnies & Co. verbessern. Es ist ein zäher Kampf: Stellenweise seien nur zehn bis 20 Prozent der Arbeiter eines Betriebs direkt angestellt, der Rest hat Werkverträge bei Subunternehmern. Diese bekommen etwa ein Fließband in einem der Werke zur Verfügung gestellt, müssen dann ein gewisses Soll an verarbeitetem Fleisch gewährleisten. Die schwer zu automatisierenden Arbeitsschritte erledigen dann meist osteuropäische Arbeiter, denen der zeitweise Einsatz in Deutschland ein vergleichsweise hohes Einkommen garantiert: Laut Eurostat liegt der Mindestlohn in Deutschland bei etwa 1500 Euro, in Rumänien sind es knapp 500 Euro. Weil die Arbeitsschritte im Tönnies-System so kleinteilig sind, brauchen sie keine nennenswerte Ausbildung – für geringqualifizierte Arbeiter aus dem Osten sind Deutschlands Schlachthöfe eine Chance.

Doch die Arbeit hierzulande bringt Tücken mit sich: Der Mindestlohn stehe oft genug nur auf dem Papier, sagt Brümmer. Auch gebe es immer wieder Subunternehmer, die Beschäftigte ganz um den Lohn prellen. Die Subunternehmer stellen außerdem die oft prekären Gemeinschaftsunterkünfte für die Beschäftigten, die zu zehnt in kleinen Wohnungen hausen. Und auch in den Betrieben sieht es laut Szabolcs Sepsi übel aus: Mitarbeiter würden angeschrieen und beschimpft, die Geschwindigkeit am Band sei sehr hoch, sagte der Mitarbeiter der Beratungsstelle Faire Mobilität des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) jüngst im Gespräch mit dem heute journal. Neu sind all die Probleme nicht, die Gewerkschaften fordern seit Jahren weitgehend vergeblich Verbesserungen.

Verstöße gegen Arbeitsrecht

Der Zoll hat bei bundesweiten Kontrollen in der Fleischindustrie während der vergangenen vier Wochen erhebliche Verstöße gegen das Arbeitsrecht aufgedeckt. In mehr als 600 Fällen prüfe die Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls derzeit, ob Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten vorliegen, sagte der Leiter der Behörde, Tino Igelmann, der „Welt“ vom Freitag. Bislang habe die Behörde dabei 21 Strafverfahren und 15 Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet. (afp)

Die Beratungsstelle ist eines der Konzepte, mit denen die Gewerkschaften gegensteuern wollen, weil klassische Gewerkschaftsarbeit in der Fleischindustrie oft versagt. Einerseits weil Sprachbarrieren und die kurze Aufenthaltsdauer der osteuropäischen Beschäftigten gewerkschaftliche Organisierung bremsen. Und anderseits weil die Subunternehmerstrukturen das deutsche System aus Tarifverträgen und betrieblicher Interessenvertretung aushebeln. Denn sowohl Tarifverträge als auch Betriebsräte müssten theoretisch für jeden einzelnen Subunternehmer erkämpft werden. „Wenn uns das gelingt, sind die Subunternehmer, bei denen die Leute angestellt sind, meist ruckzuck wieder vom Markt verschwunden“, sagt Brümmer. Die Aufgaben im Schlachthof würden dann von einem neuen Subunternehmer übernommen – für die Gewerkschaft beginnt der Kampf von vorn.

Doch wie könnte sich das System ändern? Bundesarbeitsminister Hubertus Heil hat bereits angekündigt, „durchgreifen“ zu wollen. Der Sozialdemokrat plant, Werkverträge und Leiharbeit in der Fleischindustrie zu verbieten, gleichzeitig sollen höhere Bußgelder zur Einhaltung von Arbeitsschutzvorschriften beitragen. Die NGG begrüßt das ausdrücklich, bleibt aber skeptisch. Als zuletzt mehrere große Fleischkonzerne ankündigten, freiwillig auf Werkverträge zu verzichten, sprach der stellvertretende NGG-Vorsitzende prompt von „Nebelkerzen“, die gesetzliche Regelungen verhindern sollen – auf diese ist die NGG als zuständige Gewerkschaft angewiesen, schließlich würde das Verbot von Werkverträgen eine deutlich bessere gewerkschaftliche Organisierung ermöglichen.

In Dänemark zeigt sich, dass das wirken kann: Dort ist der Organisationsgrad relativ hoch, die in fast allen Betrieben gezahlten Tariflöhne liegen bei etwa 25 Euro pro Stunde. Die Mitarbeiter sind meist selbst Dänen, Gemeinschaftsunterkünfte für ausländische Beschäftigte gibt es nicht.

Für die Probleme in der Fleischindustrie könnte es aber noch eine andere Lösung geben – und zwar deren Abschaffung. Die brachte jüngst Carl-Josef Laumann, Sozialminister in NRW, ins Gespräch. „Dieses System ist schlecht und hat mit einer humanen Arbeitswelt nichts zu tun“, sagte der Christdemokrat jüngst. Er will stattdessen das Handwerk stärken – und bezeichnete die Entwicklung seit den 1970er Jahren als Fehler.

Bei handwerklichen Schlacht- und Fleischereibetrieben kommt das gut an. Gänzlich vom Markt verdrängt wurden sie in den vergangenen 40 Jahren nicht, 10 000 bis 11 000 Betriebe gibt es in Deutschland noch. „Wir arbeiten regional, sind meist Familienunternehmer mit zehn bis 20 Mitarbeitern, die fest angestellt sind“, sagt Martin Fuchs, Sprecher des Deutschen Fleischerverbands, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Von heute auf morgen könnten wir das nicht auffangen“, sagt er über die Idee, Fleisch wieder verstärkt handwerklich zu verarbeiten. „Man müsste jetzt Prozesse in Gang setzen, um langfristig Änderungen zu bewirken.“

Ein Anfang könnte es aus seiner Sicht sein, die Wettbewerbsnachteile für handwerkliche Fleischer zu beseitigen. Etwa bei der Fleischbeschau durch behördliche Mitarbeiter, was sowohl in der Industrie als auch im Handwerk obligatorisch ist. „Regelmäßig ist es so, dass die Gebühren pro Tier für einen Handwerksbetrieb um ein Vielfaches höher liegen als in der Industrie“, ärgert sich Fuchs. Ähnlich sehe es bei der EEG-Umlage aus, von der die Industriebetriebe der Fleischwirtschaft oft befreit seien, handwerkliche Betriebe aber nicht. Doch letztendlich ist Fuchs überzeugt, dass die handwerkliche Arbeitsweise unter dem Strich mit höheren Kosten einhergeht.

Deshalb gilt sowohl für ein Szenario mit einer Fleischindustrie nach dänischem Vorbild als auch für eine Renaissance des Handwerks eines: Kunden müssten sich auf höhere Fleischpreise einstellen.

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