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PS-starke Hochzeitskutsche: Im November verkauften sich SUV und Geländewagen in Europa so gut wie nie zuvor. Wolfram Steinberg

Geländewagen

SUV-Boom ohne Ende

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Mit dem Jahreswechsel kommen strengere CO2-Grenzwerte. Aus Furcht vor hohen Strafen werfen die Autobauer ihre SUV auf den Markt – mit Erfolg.

Der europäische Automarkt bekommt in diesem Jahr noch knapp die Kurve. Im November ist der Absatz um rund fünf Prozent auf 1,2 Millionen Autos in der EU gewachsen, insgesamt liege er nun für 2019 auf Vorjahresniveau, berichtet der Branchenverband Acea – danach hatte es in der ersten Jahreshälfte noch nicht ausgesehen.

Unter den deutschen Herstellern glänzte der Volkswagen-Konzern mit einem Anstieg um 13,4 Prozent auf gut 301 000 neu zugelassene Fahrzeuge im November. Bei BMW lag das Absatz-Plus bei 0,3 Prozent, während Daimler einen Zuwachs von 7,2 Prozent schaffte. Die Zahlen von Opel und Vauxhall sackten hingegen um mehr als ein Fünftel ab.

Während allerdings überall der Elektroboom heraufbeschworen wird, zeigen die aktuellen Zahlen noch das Gegenteil: Es ist der SUV-Boom, der die Nachfrage antreibt. Die Hersteller heizten sie noch einmal besonders an, sagt Peter Fuß, Autoexperte bei der Unternehmensberatung EY.

Im November verkauften sich Geländewagen und SUV in Europa besser als je zuvor, in Deutschland ist es derzeit rund ein Drittel mehr als vor einem Jahr. Das Wachstum bei reinen Elektroautos schwächt sich dagegen ab. So bleiben die Emissionen hoch: Neuwagen in Deutschland stoßen derzeit rund 155 Gramm CO2 pro Kilometer aus. Das liegt weit über den Grenzwerten, die vom nächsten Jahr an gelten.

Innovationen

Mercedes-Benzist einer Studie des Branchenexperten Stefan Bratzel zufolge mit knapp 180 Neuheiten in Serienmodellen seit 2016 mit Abstand „die innovationsstärkste Premiummarke“ der Welt. Danach folgten Audi und BMW und, wieder mit deutlichem Abstand, der US-Elektroautohersteller Tesla und der zum chinesischen Geely-Konzern gehörende schwedische Hersteller Volvo, teilte Bratzels CAM-Institut am Dienstag in Bergisch Gladbach mit. (dpa)

„Die Unternehmen haben eine starke Motivation, Fahrzeuge mit hohem CO2-Ausstoß noch im laufenden Jahr in den Markt zu drücken“, sagt Fuß. Dementsprechend vermutet er, die Hersteller versuchten, noch möglichst viele PS-starke Autos mit Verbrennungsmotor in diesem Jahr zu verkaufen. Denn schon bald werden die SUV-Modelle weniger lukrativ sein: Vom Jahreswechsel an müssen die Autobauer in der EU strenge CO2-Grenzwerte für ihre Fahrzeugflotten einhalten. Im Schnitt dürfen es dann für alle Autos 95 Gramm sein, der genaue Wert für die einzelnen Hersteller variiert aber. Ende des Jahres wird die EU-Kommission dann die verkauften Autos zusammenzählen, den Wert für jede Marke errechnen – und für jedes Gramm zu viel Strafe kassieren. Dabei können dreistellige Millionenbeträge oder gar Milliarden zusammenkommen.

So heizten die Hersteller die ohnehin starke SUV-Nachfrage in den vergangenen Wochen 2019 noch etwas an, meint Autoexperte Fuß. Es spreche viel dafür, dass der aktuelle Boom „zu einem erheblichen Teil auf verkaufsfördernde Maßnahmen der Autobranche zurückzuführen ist“. Zudem werden immer mehr neue Modelle in dieser Klasse platziert, weil die Kunden hier zahlungswilliger sind.

Im November fiel nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamts jeder dritte Neuwagen in Deutschland in die Kategorie SUV oder Geländewagen. Gut 100 000 verkaufte Autos bedeuten einen Zuwachs um ein Drittel gegenüber dem Vorjahresmonat.

Gleichzeitig kommen die reinen E-Autos nicht recht voran. In Deutschland etwa wurden im November nur neun Prozent mehr zugelassen als ein Jahr zuvor, in Frankreich waren es sogar zehn Prozent weniger. Auch das erklärt Fuß zum Teil mit den neuen Grenzwerten: Im nächsten Jahr seien E-Autos für die CO2-Bilanz der Hersteller viel wertvoller als jetzt – sie bringen dann Bonuspunkte, um Strafzahlungen zu mindern. So sei es durchaus gewollt, deren Zulassung ins nächste Jahr zu schieben. „Was wir beim Thema Elektromobilität zurzeit sehen, ist die Ruhe vor dem Sturm“, sagt Fuß. In der zweiten Hälfte 2020 kämen die neuen Modelle auf die Straßen, und die Hersteller stünden wegen der neuen Abgasvorschriften unter großem Druck, sie zu verkaufen. „Den richtigen E-Boom werden wir ab Sommer 2020 sehen.“

Eine weitere Folge der unübersichtlichen Lage: Vor allem die gewerblichen Kunden decken sich bei den Verkaufsaktionen zum Jahresende ein, Privatkunden dagegen zögern. Offenbar warteten viele ab, wie es mit den E-Autos weitergeht, sagt Fuß. Er rechnet im ersten Halbjahr 2020 deshalb mit sinkenden Absatzzahlen. Eine Belebung werde es erst im zweiten Halbjahr geben – „wenn überhaupt“.

Damit setzt sich die Berg-und-Tal-Fahrt des europäischen Automarkts fort. 2018 brachte die Umstellung auf den neuen Abgastest WLTP den Markt durcheinander. 2019 wurden die Dellen des Vorjahres ausgeglichen, und nun warten die neuen Elektroautos als große Unbekannte.

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