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Süße Täuschung

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Von: Joachim Wille

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Weltweit arbeiten rund 5,5 Millionen Menschen im Kakaoanbau. afp
Weltweit arbeiten rund 5,5 Millionen Menschen im Kakaoanbau. afp © afp

Kakaobauern und Kakaobäuerinnen können von ihrer Arbeit kaum leben. Daran ändern auch Nachhaltigkeitslabels nichts, kritisiert das Bündnis Voice Network und fordert „echte Anstrengungen“, um das Existenzminimum der Produzent:innen zu sichern.

Viele Kakao-Produkte wie Schokolade-Tafeln, Schoko-Riegel oder -Kekse, tragen inzwischen Nachhaltigkeitssiegel wie Fair Trade und UTZ/Rainforest. Ziel sind höhere Preise für die Kakaobäuerinnen und -bauern sowie eine ökologische Produktion der Kakaobohnen. Viele Kund:innen orientieren sich daran. Laut einer neuen Untersuchung wird das Armutsproblem in dieser Branche dadurch „in den meisten Fällen“ jedoch nicht gelöst. Notwendig sei, dass die Hersteller von Kakao- und Schokoladeprodukten ihre Produzent:innen auf breiter Front höhere Preise für Kakao bezahlten. Ansonsten würden sich die sozialen und ökologischen Probleme in dem Sektor weiter verschärfen.

Das diesjährige „Kakao-Barometer“, das vom NGO-Zusammenschluss „Voice Network“ herausgegeben wird und die aktuellen Entwicklungen in der Kakao-Branche zusammenfasst, wurde am Mittwoch veröffentlicht. Danach können auch die Familien von Kakaoproduzent:innen, die für zertifizierte Projekte mit Nachhaltigkeits-Label arbeiten, in der Regel ihre Grundbedürfnisse nicht decken. Entsprechend zertifiziert ist nach den Angaben zwischen einem Drittel und der Hälfte der weltweiten Kakaoproduktion. In dem Netzwerk sind mehr als 20 Organisationen zusammengeschlossen, Deutschland ist hier durch die NGOs Südwind, Inkota und Solidaridad vertreten.

Kakao wird überwiegend von Kleinbäuerinnen und -bauern angebaut. Weltweit arbeiten rund 5,5 Millionen Menschen in dem Sektor; sie und ihre Familien sind im Wesentlichen von diesem Rohstoff abhängig. Die größten Kakao-Anbaugebiete sind Ghana und Elfenbeinküste in Afrika sowie Indonesien. Laut dem Report sind die Bauernfamilien weiterhin einer Vielzahl an Problemen ausgesetzt, wie Kinderarbeit, Geschlechterungleichheit, Unterernährung von Kindern, mangelnder Zugang zu Bildung und unzureichende Gesundheits- und Sanitär-Versorgung. Sie verfügten jedoch nicht über die finanziellen Ressourcen, dagegen anzukämpfen.

Aktuell verstärkt eine hohe Inflation den Druck. Voice zitiert einen Bauern von der Kakao-Kooperative „Ecam“ (Elfenbeinküste). Yao Kouame Martia sagt: „Früher konnte ich mit dem Verkauf von Kakaobohnen die notwendigen Ausgaben für meine Familie finanzieren. Das ist jetzt sehr schwierig geworden. Die Preise für die Produkte liegen weit über meinen bisherigen Einnahmen. Ich habe Kinder, um die ich mich kümmern muss, und ich kämpfe jetzt darum, ihre Schulgebühren zu bezahlen.“

Voice kritisiert weiterhin, dass Belastungen für die Bäuerinnen und Bauern, die durch Umwelt- und Klimawandel-Faktoren entstehen, nicht wirksam angegangen würden. „Es gelang bisher weder Politik noch Unternehmen, den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren oder die langfristige Einführung guter landwirtschaftlicher Praktiken zu unterstützen“, so das NGO-Netzwerk. Stattdessen sähen sich die Produzent:innen weiterhin gezwungen, weitere Regenwald abzuholzen, um durch neue Plantagen die Erträge zu steigern.

Laut Voice lösen Strategien, die darauf abzielten, die Kakaoproduktion zu steigern und so die Armut zu bekämpfen, die Probleme langfristig nicht. Die Daten zu den Kakaolieferketten zeigten, dass Entwicklungshilfe-Programme zur Produktivitätserhöhung und Anbau-Diversifizierung langfristig wirkungslos blieben. Stattdessen müssten „echte Anstrengungen unternommen werden“, um das Existenzminimum der Bäuerinnen und Bauern durch höhere Preise zu sichern und ihnen so die finanziellen Möglichkeiten zu eröffnen, die Umwelt zu schützen.

Die Organisation Fairtrade verwies auf Anfrage in einer Stellungnahme auf eigene Untersuchungen, wonach Kakaobauern dank der zertifizierten Produkte mehr verdienten als vorher, räumte aber ein, dass das „insgesamt noch immer zu wenig“ sei. Man habe 2019 den Mindestpreis pro Tonne Bohnen von 2000 auf 2400 US-Dollar und auch die zusätzlich gezahlte Prämie erhöht. Eine Studie habe für 2020/2021 gezeigt, dass Fairtrade-Kakaobäuerinnen und -bauern in der Elfenbeinküste ihr Einkommen binnen vier Jahren um 85 Prozent gesteigert hätten. „Der Anteil derer, die in extremer Armut leben, sank deutlich“, so die Organisation, nämlich von 58 auf 39 Prozent.

Fairtrade zufolge sind Preiserhöhungen notwendig, sie reichten aber allein in der Regel nicht aus, um die Situation von Produzent:innen zu verändern. Viele Familien besäßen zu wenig Land, um allein vom Kakaoanbau gut leben zu können. Daher setze man auf ein Zusammenspiel von Maßnahmen: eine höhere Produktivität, Anbau-Diversifizierung, die Steigerung von Fairtrade-Absätzen sowie Professionalisierung.

Weiter forderte die Organisation „klare Rahmenbedingungen von der Politik“. Da das deutsche Lieferkettengesetz das Thema Preise außen vor lasse, brauche es ein starkes EU-Gesetz, „das existenzsichernde Löhne und Einkommen als Menschenrecht anerkennt und diese für alle verbindlich fordert“.

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