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In der Südtiroler Region Vinschgau sind auch Regionen außerhalb der Obstanbaugebiete stark mit Pestiziden belastet.

Pflanzenschutzmittel in Südtirol

Gift im Urlaubsparadies

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Pflanzenschutzmittel belasten die Luft in Südtirol. Jetzt sollen auch in Deutschland Messungen erfolgen.

Südtirol ist ein Urlauberparadies – und Europas größtes Anbaugebiet für Obst. Besonders die Südtiroler Äpfel sind berühmt. Idared, Pink Lady, Fuji, Braeburn, Elstar, Golden Delicious und viele weitere Sorten wachsen hier. Jedes Jahr werden in der norditalienischen Region rund 950 000 Tonnen davon geerntet. Das sind zehn Prozent der EU-Apfelernte. Und 30 Prozent der Exporte gehen nach Deutschland.

Doch damit die Äpfel so knackig und makellos in die Supermärkte kommen können, setzen die meisten der mehr als 7000 Südtiroler Obstbauern große Mengen Pestizide ein – und die verbreiten sich offenbar über die Luft viel weiter in die Umgebung der Obstplantagen als bisher angenommen. Die Resultate einer jetzt vorgelegen Untersuchung des Umweltinstituts München weisen nach dessen Meinung auf Schwachstellen im EU-Zulassungsverfahren für Pestizide hin.

Auswertung: Pestizide breiten sich unkontrolliert aus

Das Institut hat voriges Jahr in der Südtiroler Region Vinschgau in einer Messkampagne untersucht, welche Pestizide sich wann und wo in der Luft befinden. Laut seiner Auswertung breiten sich die Stoffe unkontrolliert aus, wodurch die Luft auch außerhalb der Anbaugebiete stark belastet sei. „Sechs Wirkstoffe haben wir noch auf über 1600 Höhenmetern in einem Seitental gefunden, mehrere Kilometer von den nächsten Obstplantagen entfernt“, berichtete Karl Bär, Referent für Agrarpolitik bei dem unabhängigen Institut. Die Apfelplantagen liegen mit 200 bis 1000 Höhenmetern deutlich tiefer.

Das Institut weist darauf hin, dass es diese großräumige Ausbreitung laut den Zulassungsberichten der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde (Efsa) gar nicht geben dürfte. Die Efsa habe für vier der sechs Pestizide angegeben, dass sie nur in vernachlässigbaren Mengen in die Luft übergingen und sich dort schnell zersetzten, erläuterte Bär. „Diese Bewertung kann offensichtlich nicht stimmen.“ Unter den Wirkstoffen waren Stoffe wie das Antipilzmittel Captan und das Insektizid Thiacloprid, die das Institut als „in hohem Maße gesundheitsgefährdend“ einschätzt. Die Efsa steht derzeit zunehmend unter Druck. Vorige Woche hat das Europäische Gericht (EuG) sie in einem Urteil verpflichtet, bisher unter Verschluss gehaltene Studien über das Krebsrisiko des Herbizids Glyphosat zu veröffentlichen.

Anwohner und Urlaubsgäste sind Belastungen ausgesetzt

Insgesamt untersucht das Institut 29 Pestizide, die in den Plantagen eingesetzt werden. Die Kampagne lief an vier Standorten mit speziellen „Passivsammlern“ von Mitte Februar bis Ende August, die Proben wurden alle drei Wochen ausgewertet. Dabei zeigte sich laut Bär, dass die Anwohner sowie Urlaubsgäste „in der direkten Umgebung der Plantagen nachweisbar Belastungen ausgesetzt sind“. Ein Messpunkt befand sich im Zentrum der Ortschaft Mals, deren Bürger 2014 in einem Referendum als erste Gemeinde europaweit mit Mehrheit für ein Pestizidverbot stimmten; dort darf nach einem Gerichtsurteil aber vorläufig weiter gespritzt werden. In Mals seien zwölf verschiedene Wirkstoffe nachgewiesen worden, und zwar „in einem gut geschützten Garten mitten im Ort“.

Aber auch biologisch wirtschaftende Bauern müssen offenbar damit rechnen, dass ihre Bäume mit eingenebelt werden. Zwei der Messstandorte befanden sich laut Institut bei Bio-Betrieben. Dort wurden 20 der 29 untersuchten Wirkstoffe in der Luft gemessen. „Unsere Ergebnisse zeigen, wie schwer die Bedingungen für Bio-Betriebe im Umfeld der intensiv bewirtschafteten konventionellen Apfelplantagen sind“, kommentierte Bär. Der Experte kritisierte, das EU-Zulassungssystem lege unrealistische Annahmen über die Verbreitung der Stoffe zugrunde, zudem ignoriere es die Dauerbelastung sowie den sogenannten Cocktaileffekt. Dabei geht es darum, dass eine Kombination verschiedener Substanzen gefährlicher sein kann als der jeweilige Einzelwirkstoff. Die Regeln, die beim Spritzen beachtet werden müssen, verhinderten nicht, dass sich die Mittel in der Luft verbreiten. „Der einzige Weg, um konsequent zu verhindern, dass unsere Gesundheit und die Umwelt weiter belastet werden, wäre, keine gefährlichen Pestizide mehr einzusetzen“, sagte Bär.

Das Münchner Institut vermutet, dass sich die Luftbelastung durch Pestizide auch in der Umgebung deutscher Anbaugebieten nachweisen lässt. Es plant für dieses Jahr an rund 200 Orten hierzulande Messungen

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