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Politikwechsel in Südkorea: Seoul setzt weiter auf die Atomkraft

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Von: Felix Lill

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Südkorea macht den Ausstieg rückgängig. Ein Grund sind die hohen Energiepreise. Es geht aber auch um Abschreckung.

Seoul - „Wären wir über die vergangenen fünf Jahre nicht so blöd gewesen und hätten den Atomkraft-Sektor weiter gestärkt, dann hätten wir heute wahrscheinlich keine Konkurrenz.“ Diese Worte stammen nicht von einem wütenden Atomlobbyisten oder einem polemischen Influencer. Sondern von Yoon Suk-yeol, dem Präsidenten Südkoreas. Als er Ende Juni ein Gelände des Kraftwerksbauers Doosan Enerbility besuchte, versicherte Yoon: „Wir haben unsere Richtung beschlossen.“

Südkorea setzt auf die Atomkraft. Damit wird eine Entscheidung von vor fünf Jahren rückgängig gemacht, als der damalige liberale Präsident Moon Jae-in den Ausstieg beschlossen hatte. Er wollte das ostasiatische Land in eine grüne Volkswirtschaft umwandeln, binnen 45 Jahren sollte Südkorea unabhängig von Atomkraft werden. Der Schritt galt als mutig. Rund ein Drittel des südkoreanischen Stroms kam damals aus Atomenergie.

Atomenergie: Seit Beginn des Ukraine-Krieges ist Strom auch in Südkorea spürbar teurer

Der konservative Populist Yoon aber, der im März mit hauchdünnem Vorsprung die Präsidentschaftswahl gewann, hält dies für einen Fehler. Strom aus Atomkraft betrachtet er nicht nur als grün, sondern auch als billig. Seit Beginn des Ukraine-Krieges ist Strom auch in Südkorea spürbar teurer geworden.

Die Reaktorblöcke Shin-Kori-3 und 4 in Südkorea sind erst seit wenigen Jahren am Netz.
Die Kernenergie ist für Südkorea ein wichtigster Wirtschaftsfaktor. Die Reaktorblöcke Shin-Kori-3 und 4 sind erst seit wenigen Jahren am Netz. © Jung Yeon-Je/AFP

Wie in vielen Ländern ist die Kernkraft auch in Südkorea stark ideologisch konnotiert. Die Atomkraft gehört neben Fragen der Geschlechtergleichheit, des Wohnens und zu Nordkorea zu den klaren Trennlinien im Zwei-Parteiensystem: Liberale sind meist gegen Kernenergie, Konservative fast immer dafür.

Südkorea ist erst seit relativ kurzer Zeit eine industrialisierte Nation, die auf ihren Atomkraftsektor stolz ist. Nach dem Ende des Koreakriegs in den 1950er Jahren war die koreanische Halbinsel noch einer der ärmsten Flecken der Erde. Dank kluger Industriepolitik begründete Südkorea dann über drei Jahrzehnte eine einzigartige Wachstumsgeschichte, heute ist das Land Technologieführer in mehreren Sektoren: Von Smartphones über Autos bis zu Batterien und Halbleitern kommen viele hochwertige Produkte aus Südkorea.

Südkorea: Atomkraft als wichtiges Exportgeschäft

Auch die Atomkraft ist seit rund einem Jahrzehnt ein wichtiges Exportgeschäft. Der von 2008 bis 2013 regierende Konservative Lee Myung-bak bezeichnete den Sektor als „unser zukünftiges Brotgeschäft“ und kündigte an, bis 2030 werde man 80 Reaktoren im Ausland gebaut haben. Im Jahr 2009 wurde gleich ein Deal mit den Vereinigten Arabischen Emiraten über vier Reaktoren besiegelt. Verträge in Brasilien und Kenia folgten. Reaktoren aus Südkorea gelten als günstig, pünktlich und hochwertig.

Nun bereitet das Ministerium für Wirtschaft, Industrie und Energie einen Plan für die weitere Stärkung des Exportgeschäfts vor. Als US-Präsident Joe Biden im Mai den Entwurf des „Indo-Pacific Framework“ vorlegte, der die Region im Indopazifik ökonomisch und sicherheitspolitisch an die liberale Welt binden soll, beteiligte sich Südkorea mit Plänen zur Bereitstellung von Nukleartechnik.

Im Juni besuchten südkoreanische Offizielle auch Finnland, um dort für die heimische Technik zu werben. Auch mit Saudi-Arabien laufen Gespräche. Laut dem Atomlobbyverband „World Nuclear Association“ ist Südkorea eines der „prominentesten Länder der Atomenergie“.

Atomtechnik in Südkorea: Es geht auch um Abschreckung gegenüber Nordkorea

Auch der Konflikt mit dem Bruderstaat Nordkorea spielt eine Rolle: Südkorea ist offiziell keine Atommacht, hat durch die Atomtechnik aber bereits entscheidende Schritte auf diesem Weg gemacht. Regelmäßig werden Forderungen laut, Atomwaffen zu bauen, die als Abschreckung gegenüber Nordkorea dienen könnten. Laut Umfragen wären 71 Prozent der Bevölkerung dafür.

Nicht nur deshalb ist die Atomkraft aber auch umstritten. Wer in Südkorea pazifistisch denkt und den Austausch mit Nordkorea sucht, will von ihr meist nichts wissen. Hinzu kommt das Problem des Atommülls: Die Suche nach Endlagern scheiterte bisher immer an der jeweiligen lokalen Bevölkerung.

Dabei drängt die Zeit. Denn je mehr Atomenergie genutzt wird, desto mehr Müll entsteht. Es ist eine Frage, auf die nicht nur Südkoreas Präsident Yoon bisher eine Antwort fehlt, sondern womöglich auch vielen seiner Kunden im Ausland. (Felix Lill)

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