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Protestzug von Busan in die südkoreanische Hauptstadt Seoul: Im Zentrum vorne die unerschrockene Anführerin Kim Jin-suk.
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Protestzug von Busan in die südkoreanische Hauptstadt Seoul: Im Zentrum vorne die unerschrockene Anführerin Kim Jin-suk.

Kim Jin-suk

Schieflage im Corona-Musterland: Wie eine Frau gegen Ungleichheit in Südkorea kämpft

  • vonFelix Lill
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Die Gewerkschafterin Kim Jin-suk kämpft in Südkorea für die Gleichberechtigung von Frauen – die leiden in dem Land besonders unter der Corona-Pandemie.

  • Kim Jin-suk kämpft in Südkorea gegen die Ungleichberechtigung von Frauen.
  • Zwar gilt der ostasiatische Staat als Musterland in der Corona-Pandemie, trotzdem gibt es zahlreiche Verlierer:innen.
  • Insbesondere Frauen sind von den Auswirkungen betroffen.

Seoul – Als Kim Jin-suk im Februar endlich am Blauen Haus angekommen war, hätte sie sich ein gründliches Gespräch erhofft, oder wenigstens einen Handschlag. Mehr als 30 Tage war sie marschiert, 400 Kilometer aus der südlich gelegenen Industriestadt Busan bis in die Hauptstadt Seoul. Doch als die 61-Jährige dann vor dem Amtssitz des Präsidenten Südkoreas stand, wurde sie nur ignoriert. „Ich bin schon ziemlich skeptisch gegenüber Moon Jae-in geworden“, sagt Kim Jin-suk. „Moon hatte behauptet, er sei der Präsident der Arbeitsplätze. Er ist es wohl doch nicht.“

Der Protestmarsch der Gewerkschafterin sorgte dennoch für viel Aufsehen im ostasiatischen Land. Schließlich ist Kim Jin-suk nicht irgendwer. Sie gehört zu den Ikonen Südkoreas im Kampf um Gleichberechtigung. Wie im legendären Film Forrest Gump schlossen sich der Frau auf ihrem Weg Hunderte an. In der aktuellen Krise wollen sie ihre Würde zurück. „In Korea wird mal wieder alles auf die Arbeiter abgewälzt“, klagt Kim. „Und auf die weiblichen ganz besonders!“

Auch im Corona-Musterland Südkorea gibt es Verlierer:innen der Pandemie

Solche Konflikte dieser Tage aus Südkorea zu vernehmen mag zunächst überraschen. Seit zu Beginn 2020 die Corona-Pandemie ihren globalen Lauf nahm, hat kaum ein Land die Welt so sehr beeindruckt wie dieses. Durch rasches, entschiedenes Handeln – vom Desinfizieren öffentlicher Plätze über strenge Nachverfolgung der Infektionsketten durch Smartphones bis zur schnellen Produktion von Schnelltests – ist Südkorea bis heute relativ gering von der Pandemie betroffen. Das Land zählt nur rund 90.000 Infektionen und 1600 Tote. Selbst die Volkswirtschaft schrumpfte 2020 mit 1,1 Prozent nur leicht.

Doch auch in Südkorea gibt es Verlierer:innen in der Corona-Pandemie. Und diese sind, wie es die Gewerkschaftsführerin Kim sagt, vor allem die ohnehin schon verwundbaren Gruppen. Kims persönlicher Fall weckt dabei Erinnerungen daran, dass dies eigentlich nichts Neues ist. „Ich wurde 1986 als junge Frau beim Industriekonzern Hanjin entlassen, nachdem ich mich gewerkschaftlich engagiert hatte“, sagt sie. Bis heute würden Frauen systematisch benachteiligt und sobald sie unbequem werden, gefeuert.

Corona-Pandemie in Südkorea: Frauen von Jobverlusten betroffen

Tatsächlich ist die Aktivistin nicht die Einzige, die so etwas sagt. „Covid-19 hat Südkoreas Geschlechterungleichheit noch verstärkt“, betitelte Troy Stangarone, Direktor des Korea Economic Institute of America, Ende Februar einen Essay. Denn während Frauen schon vor der Corona-Pandemie rund doppelt so häufig prekär beschäftigt waren und in Einkommensarmut lebten wie Männer, hat sich die Lage nun noch verschärft. Einerseits arbeiten Frauen vermehrt in jenen Branchen, die pandemiebedingt durch Überlastung betroffen sind. So ist kaum ein Viertel der Ärzte weiblich, aber etwa 94 Prozent der weiteren Arbeitskräfte im Gesundheitssektor sind Frauen.

Andererseits sind weibliche Arbeitskräfte nun im besonderen Ausmaß von Corona-Jobverlusten betroffen. „Frauen machen die Mehrheit der Arbeitskräfte in den Branchen Bildung, Transport, Hotellerie, Gastronomie und Catering aus“, berichtet Stangarone. Ebendort sind erheblich Stellen reduziert worden. Und als wäre das nicht genug: Frauen mit Lebenspartnern erledigen daheim auch noch den Großteil der Hausarbeit. Denn auch dies gilt als Frauensache. Eine typische Erklärung dafür ist, dass Männer, die vom Unternehmen eher gefördert werden, durchschnittlich länger im Büro bleiben müssen.

Auch im internationalen Vergleich fällt die Benachteiligung von Frauen in Südkorea auf. Im Global Gender Gap Report des World Economic Forum, der die Geschlechtergleichstellung in den Bereichen Arbeitsmarkt, Bildung, Politik und Gesundheit vergleicht, belegt das Land Platz 108 von 153. Frauen in Südkorea sind heutzutage gleich gut ausgebildet wie Männer und haben auch den gleichen Zugang zu Gesundheitsleistungen. Besonders ungleich sind die Geschlechter aber in Sachen Repräsentation in der Politik sowie bei der Gleichstellung im wirtschaftlichen Leben. Firmen gehen häufig davon aus, dass eine Frau ohnehin irgendwann schwangerschaftsbedingt aus dem Job ausscheiden werde. So investiert man auch weniger in deren Fortbildungen.

Corona-Ungleichheiten zeigen sich in Südkorea sogar in der Suizidrate

Und in dieser Corona-Pandemie zeigen sich die Ungleichheiten sogar in der Suizidrate. Statistiken belegen zwar bisher, dass sich Männer ungefähr doppelt so häufig das Leben nehmen. Frauen versuchen es dagegen öfter. Und sie scheinen aufzuholen. Im ersten Halbjahr 2020, als die Pandemie für tiefe Einschnitte im Lebensalltag sorgte, schoss die Zahl gelungener Selbsttötungen plötzlich in die Höhe. Bei Frauen insgesamt stieg dieser Wert um sieben Prozent an, im Alter von 20 und 29 Jahren sogar um 40 Prozent. Kim Jin-suk und auch Troy Stangarone sehen wichtige Gründe in der sozioökonomischen Benachteiligung.

Kim Jin-suk , 61, kämpft in Südkorea seit vielen Jahren für die Rechte von Arbeiterinnen.

Es ist eine Schieflage, die eigentlich längst begradigt sein sollte. Seit sich Südkorea in den Nachkriegsjahrzehnten durch schnelles Wirtschaftswachstum von einem Agrarland in eine Industrienation transformiert hat, wird hier auch für Gleichheit gekämpft. Und von Anfang an gehörten Frauen zu den treibenden Kräften. Neben Kim Jin-suk zählt Gewerkschafterin Kim So-yeon zu den Vorbildern, die für den Elektronikkonzern Kiryung arbeitete. Als sie nach der Jahrtausendwende jahrelang Proteste organisierte, um den prekären Angestellten reguläre Jobs zu erstreiten, wurde auch sie gefeuert. Der Fall machte große Schlagzeilen, auch weil er in einen Hungerstreik mündete.

Südkoreas Präsident kann seine Versprechen nicht halten

Als vor vier Jahren der linksliberale Moon Jae-in zum Präsidenten Südkoreas gewählt wurde, versprach er, den hohen Anteil prekärer Jobs nach unten zu treiben. Insgesamt ist heute jede vierte Arbeitsstelle zeitlich befristet – gut doppelt so häufig wie im Durchschnitt der Industrieländer. Hiervon wiederum sind Frauen rund doppelt so häufig betroffen. Doch Moons Versuch, dieses Problem durch öffentlich geförderte Stellen zu beheben, ist nur sehr bedingt gelungen.

„Womöglich will er deshalb nicht mit mir sprechen“, sagt Kim Jin-suk. Daran, dass sich die beiden nicht kennen, liegt es jedenfalls nicht. Als Anwalt vertrat Moon Jae-in einst die Interessen von Gewerkschaftern, die mit Kim eng zusammenarbeiten. (Felix Lill)

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