ANALYSE

Südafrika: Vor dem wirtschaftlichen Kollaps

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Verrottete Staatskonzerne, drohende Rezession: Präsident Cyril Ramaphosa muss die Scherben seines korrupten Vorgängers Jacob Zuma aufkehren. Doch vor den wichtigsten Reformen scheut er zurück.

In diesem Jahr durften die Südafrikaner auch mal eine Adventszeit im Kerzenschein erleben. Die romantische Besinnlichkeit verdankten sie dem staatlichen Stromkonzern Eskom, der den Kapbewohnern in seiner jüngsten Megawattkrise immer wieder die Elektrizität abdrehte. Dieses Mal war das „load shedding“, die Verminderung der dem Stromnetz abgeforderten Last, so heftig wie seit zwölf Jahren nicht: Stadtteile und Landgemeinden wurden mit bis zu zwölfstündigen Blackouts belegt.

Begründet wird die Notwendigkeit des load shedding immer wieder anders. Diesmal soll der starke Regen für nasse Kohle und überflutete Kraftwerke gesorgt haben, selbst von Sabotage war die Rede. Vor einem Jahr wurden noch die Folgen der katastrophalen Regierungsführung Jacob Zumas angeführt. Dessen Regierung schob es auf angeblich unfähige Konstrukteure. Worüber keine der immer neuen Schuldzuweisungen hinwegtäuschen kann: Der seit 25 Jahren regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) hat bei der Sicherung einer der wichtigsten Dienstleistungen für die Bevölkerung völlig versagt. Eskom sitzt auf einem Schuldenberg von 460 Milliarden Rand (über 30 Milliarden Euro).

Doch das Versagen der Regierungspartei erschöpft sich nicht in der Stromversorgung. Kürzlich erklärte die staatliche Fluggesellschaft „South African Airways“ ihre Zahlungsunfähigkeit: Jetzt soll ein Insolvenzverwalter einen letzten Ausweg der einst besten Fluggesellschaft Afrikas aus der Pleite finden. Auch das staatliche Transportunternehmen Transnet wird seit wenigen Tagen von einem externen Verwalter geführt. Wo man auch hinschaut: Inkompetenz, Insuffizienz, Infarkt.

Schon heute drohen die verrotteten Staatskonzerne der Volkswirtschaft den Garaus zu machen. Mehrere Minen mussten während der Stromkrise den Betrieb einstellen. Inzwischen gilt als sicher, das Südafrika zum zweiten Mal in zwei Jahren in die Rezession geraten wird: Mit fast dreißig Prozent ist die Arbeitslosigkeit auf einem historischen Hoch. Dem Schwellenstaat blüht eine weitere Degradierung durch die Rating-Agenturen, die den Abzug internationaler Milliardeninvestitionen nach sich ziehen wird. Bei der erzwungenen Abdankung Zumas vor zwei Jahren hofften die Südafrikaner auf einen Aufschwung. Inzwischen hat sich die „Ramaphoria“ – die Euphorie zu Cyril Ramaphosas Amtsantritt – jedoch als mindestens voreilig herausgestellt.

Der neue Präsident verweist stets auf den Schaden, den sein Vorgänger angerichtet habe. Eine Billion Rand, mehr als 60 Milliarden Euro, soll Zumas korrupte Misswirtschaft das Land gekostet haben. Dieser Aderlass sei in wenigen Jahren nicht wett zu machen. Viele Bürger würden dem Präsidenten gerne glauben – wenn da nicht die Zweifel wären, ob seine Partei, der ANC, überhaupt noch reformierbar ist.

Für einen echten Einschnitt müssten die Köpfe vieler „Comrades“ rollen: Allein, dem gutmütigen Ramaphosa scheint es an Entschlusskraft oder an Macht zu mangeln. Um zu verhindern, dass Südafrika den Internationalen Währungsfond um Hilfe bitten und dafür Souveränität aufgeben muss, müsste Ramaphosa zudem sein matt gewordenes Tafelsilber, die Staatsbetriebe, verscherbeln. Doch vor deren Privatisierung schreckt der einstige Gewerkschaftschef zurück. So wird die Adventszeit auch im Kerzenschein von keiner frohen Kunde begleitet.

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