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Südafrika: Donnerschläge im Meer

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Von: Johannes Dieterich

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Demonstration gegen das Vorhaben von Shell am Strand von Muizenberg in Kapstadt.
Demonstration gegen das Vorhaben von Shell am Strand von Muizenberg in Kapstadt. © AFP

Um Öl- und Gasreserven aufzuspüren, will der Energiekonzern Shell Schallkanonen durch die Gewässer vor der südafrikanischen Küste ziehen. Die Proteste dagegen werden immer lauter.

Am Namen kann es nicht liegen. Man hat sie „Amazon Warrior“ getauft – fast wie die „Rainbow Warrior“ von Greenpeace, die der französische Geheimdienst einst im Hafen von Auckland versenkte. Trotzdem wird die kämpferische Amazone im Hafen von Kapstadt nicht mit Ehren empfangen. Vielmehr stehen am Quai Hunderte von Demonstrantinnen und Demonstranten zu einem „Entgrüßungs“-Zeremoniell bereit, so dass der 130 Meter lange Kutter lieber außerhalb des Hafens vor Anker geht.

Die Empörung der Demonstrierenden hat nichts mit dem Namen, sondern mit dem Auftrag der „Amazon Warrior“ zu tun. Sie soll in den nächsten fünf Monaten Schallkanonen durch die Gewässer vor der südafrikanischen Wild Coast ziehen, die mit ihren 220 Dezibel starken Geräuschimpulsen den Meeresboden beschießen. „Dreidimensionale seismische Erkundung“ heißt die Methode, in deren Rahmen alle zehn Sekunden gewaltige Schallwellen bis zu 40 Kilometer tief in den Meeresboden gefeuert werden: Auf diese Weise können die vom Shell-Konzern beauftragten Betreiber des Kanonenboots feststellen, ob sich irgendwo dort unten Erdöl- oder Erdgasfelder befinden. Geologinnen und Geologen vermuten das schon lange: Der Geräuschdonner soll jetzt Gewissheit schaffen.

„Dass das überhaupt in Erwägung gezogen wird, ist schändlich“, klagt Demonstrant Kas Wilson: „Wir werden das stoppen.“ Am Kap der Guten Hoffnung hat der Plan des holländisch-britischen Mineralölkonzerns eine Welle der Entrüstung ausgelöst: Hunderte von Umweltaktivist:innen versammeln sich fast täglich an den Stränden der Wild Coast, rufen zum Boykott von Shell-Tankstellen auf oder zeigen auf den sozialen Netzwerken Bilder gestrandeter Wale, die der Beschallung in anderen Teilen der Welt zum Opfer gefallen sein sollen.

Wichtiges Urteil am 14. Dezember

Mehrere Organisationen riefen die Gerichte an, um den Beginn der Studie noch zu stoppen. Doch einen ersten Eilantrag wies das Landgericht in Makhanda schon ab: Shell verfüge über alle Genehmigungen, die für die Studie nötig seien, eine Gefährdung des Vorhabens, in das der Konzern bereits viele Millionen Dollar investiert hat, sei unzumutbar. Falls ein zweites Gericht, dessen Urteil am 14. Dezember erwartet wird, zu einem ähnlichen Urteil kommt, kann der Lärm beginnen.

Umweltverbänden wie Greenpeace ist es bislang nicht gelungen, die Richterinnen und Richter von den vermeintlich katastrophalen Folgen des Geräuschbombardements zu überzeugen. Ein „irreparabler Schaden“ für die Tierwelt sei „höchst spekulativ“, befand das Gericht.

Die Methode werde bereits „seit mehr als 50 Jahren“ angewandt, argumentieren die Anwälte von Shell. „Ich kann versichern, dass wir das nicht tun würden, wenn es unsicher wäre“, versprach der südafrikanische Vorsitzende des Konzerns, Hloniphizwe Mtolo. Angesichts des schlechten Rufs, den sich Shell vor allem in Nigeria auf dem Kontinent erworben hat, kein überzeugendes Versprechen.

Angst um die Wale

Führende südafrikanische Meeresbiolog:innen wandten sich direkt an Staatspräsident Cyril Ramaphosa, um in ihrem offenen Brief einen Lärmstopp zu fordern. Es gebe eine „wachsende Anzahl von Beweisen“, dass diese „aufdringliche Methode“ sowohl „unmittelbare wie langfristige und nicht wiedergutzumachende Folgen“ für das Leben zahlreicher Meerestiere habe. Auswirkungen werden vor allem für die prominentesten Bewohner des hiesigen Meeres befürchtet: Die zahllosen Walarten, die die warmen Gewässer des Indischen Ozeans seit Urzeiten als Gebärstation nutzen.

Meeressäugetiere wie Wale und Delfine, die sich mit ihren Artgenossen mittels Schallwellen unterhalten, würden von der Geräuschkulisse besonders belästigt, sagen Fachleute. Aber auch Pinguine, normale Fische wie Steinbrassen und sogar Plankton sollen von den Schallwellen verstört und vertrieben werden, Letzteres könnten dem Beschuss sogar zum Opfer fallen, heißt es.

Dass derartige Erkenntnisse bei der Erteilung der Genehmigung für die seismische Erkundung nicht berücksichtigt wurden, liegt vor allem daran, dass diese bereits sieben Jahre zurückliegt. Damals gab nicht – wie es heute erforderlich wäre – das Umweltministerium grünes Licht, sondern das Ministerium für Bodenschätze, das damals wie heute eine Vorliebe für die Förderungsindustrie hegt. Südafrikas zunehmend bankrotte Regierung hofft schon seit Jahren auf fossile Brennstoffvorkommen im Indischen Ozean: Dass Pretoria nun den Stecker zieht, ist daher eher unwahrscheinlich.

„Jede Ölpest hätte hier katastrophale Folgen“

Für die Umweltverbände könnte der Zeitpunkt der Beschallungskanonade nicht widersinniger sein. Gerade hat sich Südafrikas Regierung in Glasgow zum Rückzug aus der Energiegewinnung durch Kohle verpflichtet – während Shell von einem holländischen Gericht zu einer Halbierung seiner Kohlenstoffbilanz in diesem Jahrzehnt verdonnert wurde.

Die „kurzfristigen Gewinne“ aus der Förderung fossiler Brennstoffe würden von den ökologischen Gefahren bei weitem aufgewogen, meint Judy Mann von der südafrikanischen Vereinigung für meeresbiologische Forschung: Vor allem vor der Wild Coast mit ihren vier Schutzgebieten und einer der unberechenbarsten Meeresströmungen der Welt. Eine Horrorvision für die Meeresbiologin, falls hier tatsächlich Erdöl gefunden wird: „Jede Ölpest hätte hier katastrophale Folgen.“

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