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Beschäftigte der schwer angeschlagenen staatlichen Airline SAA protestieren Mitte November in Johannesburg.

Wirtschaftskrise

Südafrika am Abgrund

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Die Misswirtschaft des korrupten Ex-Präsidenten Jacob Zuma hat Milliarden gekostet. Das Land, einst ein Hoffnungsträger, hat sich zum Sorgenkind entwickelt.

Als der neue Parteichef des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), Cyrill Ramaphosa, den kompromittierten Staatspräsidenten Jacob Zuma im Februar 2017 zum Rücktritt zwingt, atmet das Kap der Guten Hoffnung auf. Von „Rama-phoria“ ist die Rede: der Euphorie, dass das von räuberischen Politikern auf den Hund gebrachte Land sich nun schnell wieder erholen würde.

Fast zwei Jahre später entpuppt sich diese Hoffnung als trügerisch. Der Schaden, den die zehnjährige Regierungszeit des korrupten Zuma angerichtet hat, ist offenbar viel größer als ursprünglich angenommen wurde. Bis zu einer Billion Rand (rund 62 Milliarden Euro) habe die Misswirtschaft seines Vorgängers das Land gekostet, gab Ramaphosa im Oktober bekannt: „Viel mehr, als sich das die meisten Menschen jemals ausgemalt hatten.“

Mit den Folgen wird man am Kap der Guten Hoffnung noch Jahrzehnte zu kämpfen haben: Wann sich das Land von dem Schock erholen wird, ist noch längst nicht abzusehen.

Südafrika droht von einer Rezession in die andere zu torkeln: Für dieses Jahr wird höchstens ein Wachstum von 0,1 Prozent erwartet, das ist für ein Schwellenland sehr wenig. Zwei der drei maßgeblichen Rating-Agenturen haben Südafrika bereits in den Ramsch-Status abgestuft: Die dritte, Moody’s, wird aller Voraussicht nach im Frühjahr folgen. Mit fast 30 Prozent hat die Arbeitslosigkeit ein historisches Höchstmaß erreicht.

Und auch sonst sieht es nicht gut aus: Selbst in der Vorweihnachtszeit wird derzeit täglich stundenlang der Strom abgestellt, damit das Netz nicht ganz zusammenbricht. Der staatliche Elektrizitätskonzern Eskom, der einst den billigsten Strom der Welt produzierte, wurde von Zuma&Co dermaßen ausgeplündert, dass er heute mit einer Schuldenlast von 400 Milliarden Rand (rund 25 Milliarden Euro) längst den Bankrott anmelden müsste, würde ihn die ANC-Regierung nicht regelmäßig auf Kosten der Steuerzahler mit Zuwendungen in Milliardenhöhe „retten“.

Dass diese Praxis nicht ewig weitergehen kann, hat in der vergangenen Woche das Beispiel eines weiteren schwer angeschlagenen Staatsunternehmens gezeigt: der Fluggesellschaft „South African Airways“ (SAA). Deren Aufsichtsrat stand jahrelang Dudu Myeni vor: Eine intime Freundin Jacob Zumas, deren einzige Kompetenz ihre Nähe zum Staatspräsidenten war. Ihre letzte positive Bilanz legte die 80-jährige SAA zwei Jahre nach der Regierungsübernahme Zumas 2011 vor: Danach trudelte sie in ständigem Sinkflug dem Konkurs entgegen. In den vergangenen drei Jahren machte die einst größte Fluglinie Afrikas Jahr für Jahr weit über 300 Millionen Euro Schulden.

Sämtliche Versuche scheiterten, den nationalen Stolz wieder auf Kurs zu bringen. Schließlich richteten die Gewerkschaften den fast 10 000 Angestellte beschäftigenden Tiefflieger vollends zu Grunde. Sie riefen Mitte November zur „Mutter aller Streiks“ auf, um die drohende Privatisierung des Unternehmens abzuwenden und eine deutlich über der Inflationsrate liegende Lohnerhöhung durchzusetzen. In vier Tagen Arbeitskampf wurden Hunderte von Flügen gecancelt, Versicherer weigerten sich, noch Flugtickets zu decken, Online-Reiseanbieter nahmen die Linie aus ihrem Programm. Die Bruchlandung war nur noch Stunden entfernt.

In letzter Minute entschied sich die Regierung, das Unternehmen einem freiwilligen Insolvenzverfahren zu unterziehen. Nun soll ein Insolvenzverwalter in den kommenden Monaten einen Rettungsplan vorlegen. Noch einmal mussten Staat und Gläubigerbanken insgesamt 250 Millionen Euro zuschießen, um SAA solange in der Luft zu halten.

Schon heute steht fest, dass mindestens 900 der 10 000 Beschäftigten gehen müssen: Vermutlich wird der Konzern, zu dem noch der Billigflieger Mango, die Catering-Tochter Air Chefs und die Wartungsfirma SAA Technical gehören, in einzelne Teile zerlegt werden. Kaum jemand zweifelt daran, dass das Flugunternehmen nur eine Zukunft haben wird, wenn private Investoren einsteigen: Genau das, was die Gewerkschaften zu vermeiden versuchen.

Gelingt die Rettungsaktion, wird auch der Druck auf den aufgeblähten Stromriesen Eskom mit seinen fast 47 000 Beschäftigten zunehmen. Wirtschaftsanalysten fordern schon lange zumindest eine Teilprivatisierung Eskoms: Eine Forderung, der sich Präsident Ramaphosa bislang noch widersetzt. Schließlich hat er seinen Triumph über Zuma nicht zuletzt den Gewerkschaften zu verdanken: Sie vor den Kopf zu stoßen, meint sich der einstige Chef der Minengewerkschaft nicht leisten zu können.

Unterdessen reißt der Stromkonzern ein jährliches Loch von fast zwei Milliarden Euro in die Staatskasse: Das wird sich der einstige Hoffnungsträger Afrikas nicht mehr lange leisten können.

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