+
Wenn die Sucht das Leben bestimmt.

Schmerzmittel

Suchtfaktor heruntergespielt: Johnson & Johnson muss zahlen

  • schließen

US-Pharmariese Johnson & Johnson soll mehr als eine halbe Milliarde Schadensersatz zahlen.

Weil das Unternehmen die Gefahren von süchtig machenden Schmerzmitteln systematisch heruntergespielt habe, soll der US-Pharmakonzern Johnson & Johnson 572 Millionen Dollar Schadensersatz zahlen. Das Urteil eines Bezirksgerichts in Oklahoma könnte weitreichende Konsequenzen mit weiteren, milliardenschweren Strafen nach sich ziehen.

Richter Thad Balkman sagte in seiner Urteilsbegründung, Johnson & Johnson (J&J) habe die Risiken der Schmerzmittel mit Vorsatz heruntergespielt und die Vorteile der verschreibungspflichtigen Medikamente übertrieben positiv dargestellt, und zwar zum Zwecke der Profitsteigerung. Das Marketing des weltgrößten Pharmakonzerns sei unwahr und trügerisch gewesen. Der Vertrieb habe mit fragwürdigen Studien die Effizienz der Opioide hervor gekehrt und die Risiken verharmlost.

Es geht um den wohl größten Skandal in der Geschichte der Pharmaindustrie. Seit den 1990er Jahren wurden die Schmerzmittel mit Opioiden in großem Stil in den USA eingesetzt. Sie sind preiswert in der Herstellung und hochwirksam – und machen die Patienten innerhalb kürzester Zeit stark abhängig. Vielen Patienten wurden die Mittel ungefragt verabreicht – zum Beispiel nach relativ harmlosen Eingriffen wie Knieoperationen. Betroffene erhielten die Medikamente in der Regel nur über einen begrenzten Zeitraum auf Rezept. Sie stiegen deshalb zu Tausenden auf illegales Heroin um. Die Folge war eine landesweite Drogenepidemie. In den USA ist die Zahl der Drogentote seit 1999 massiv gestiegen.

Im Jahr 2018 starben fast 68 600 Menschen an einer Überdosis. Bei zwei Drittel davon waren Opioide die Ursache. Die US-Gesundheitsbehörde HHS meldete im vorigen Jahr sogar, dass die durchschnittliche Lebenserwartung im Land sinke. Robert Redfield, Chef der US-Seuchenbehörde, betonte seinerzeit, es würden zu viele Amerikaner in jungen Jahren sterben, allzu oft habe das vermeidbare Ursachen. Laut HHS ist mit einem Ende der Opioid-Krise, die sich über 20 Jahre aufgebaut habe, nicht zu rechnen.

Produkte

Johnson & Johnson gilt als ältester Hersteller von Medizinprodukten für Ärzte. Daneben gehört eine große Konsumgütersparte zu dem Konzern – unter anderem mit den Marken Listerine (Mundspülungen) und OB (Tampons), mit Cremes wie Bebe und Neutrogena oder Schmerztabletten der Marke Dolormin. 

Derzeit laufen Tausende Gerichtsverfahren gegen die Hersteller und Vertreiber der Schmerzmittel. Neben J&J geht es vor allem um Purdue Pharma, aber auch um die israelische Teva. Mit beiden Firmen wurden in Oklahoma bereits außergerichtliche Vergleiche geschlossen. In dem Verfahren gegen J&J hatte der Generalstaatsanwalt des Bundesstaates, Mike Hunter, 17 Milliarden Dollar gefordert. Damit sollte die Bekämpfung der Opioid-Krise inklusive Reha-Maßnahmen und Aufklärungskampagnen für 30 Jahre finanziert werden. Die 572 Millionen Dollar (515 Millionen Euro) würden etwa ein Jahr lang für solche Maßnahmen reichen. Branchenkenner hatten mit einer deutlich höheren Strafe gerechnet. Aus diesem Grund ging es mit dem Aktienkurs von J&J gestern kräftig nach oben. Der Pharmakonzern, dessen Produkte auch in jedem deutschen Supermarkt zu finden sind, kündigte dennoch an, in Berufung zu gehen. Vor allem weil eine fehlerhafte Auslegung rechtlicher Bestimmungen vorliege, so ein Sprecher.

Richter Balkman hat nämlich die Schadensersatzzahlung damit begründet, dass die J&J mit seinen Praktiken die öffentliche Ordnung in Oklahoma gestört habe. Das kann weitreichende Folgen haben, die weit über den Bundesstaat hinaus gehen. Nun gebe es grünes Licht für eine große Zahl eingereichter Klagen, die sich auf die Störung der öffentlichen Ordnung berufen, sagte Thomas Cooke, Rechtsprofessor von der Georgetown Universität in Washington, dem Finanzdienst Bloomberg. Es geht um mehr als 2000 Verfahren, die bei einem Bundesgericht in Cleveland zusammengefasst wurden. Ferner verlangen 45 Bundesstaaten und mehr als 2000 US-Kommunen von den Opioid-Dealern Schadensersatz für entstandene Aufwendungen im Kampf gegen die Drogensucht.

Die Berufung auf die öffentliche Ordnung stärkt die Position der Kläger erheblich. Denn ansonsten müssten diese jedem einzelnen Arzt nachweisen, dass er zu viel und zu hoch dosierte Schmerzmittel verschrieben hatte. Balkmans Auslegung bedeutet, dass das Marketing der Firmen als Ganzes trügerisch war und Menschen in die Abhängigkeit trieb.

Analysten vermuten, dass die Opioid-Klagen die Unternehmen insgesamt mehr als 100 Milliarden Dollar kosten könnten. „Wir befinden uns auf rechtlich unbekanntem Terrain“, sagte Patrick Trucchio vom Investmenthaus Berenberg Capital Markets zu Bloomberg. Es komme jetzt darauf an, wie die Berufungsverfahren ausgehen. Man müsse nach wie vor mit großen Zahlen kalkulieren.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare