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"Die Sucht nach Extremen gibt es immer"

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Andreas Bartmann (rechts, mit Mit-Gesellschafter Thomas Lipke) liebt das Abenteuer.
Andreas Bartmann (rechts, mit Mit-Gesellschafter Thomas Lipke) liebt das Abenteuer. © Globetrotter

Globetrotter-Chef Andreas Bartmann weiß: Für manches moderne Abenteuer braucht es gar keine Ausrüstung. Im FR-Interview spricht er über die Faszination von Eis und Schnee, Fehler der Outdoor-Branche und hohe Katalog-Kosten.

Globetrotter-Chef Andreas Bartmann weiß: Für manches moderne Abenteuer braucht es gar keine Ausrüstung. Im FR-Interview spricht er über die Faszination von Eis und Schnee, Fehler der Outdoor-Branche und hohe Katalog-Kosten.

Eispickel, Kajaks oder Sonnencreme – in den Filialen von Globetrotter ist so gut wie alles erhältlich, was der wetterfeste Abenteurer auf seinen Touren braucht. Genauso gut kann sich jeder Wanderer mit den richtigen Schuhen und Jacken versorgen. 35.000 Artikel von rund 1000 Marken – darunter Jack Wolfskin, The North Face, Fjällräven, Marmot – hat der mit Hauptsitz in Hamburg und Filialen in sieben deutschen Städten ansässige Ausrüster im Angebot. Globetrotter zählt zu den größten Anbietern Europas in der Branche, die viele Jahre stark wuchs, jetzt aber in Deutschland an Grenzen gestoßen ist.

Herr Bartmann, wie war Ihr Urlaub?

Gut! Im Frühjahr hatten wir eine größere Expedition auf Spitzbergen am Rande des Nordpolarmeeres, wo wir auf den Spuren einer vor 100 Jahren verschollenen Expedition waren. Mit Hundegespannen, fast drei Wochen. In der Stille von Eis und Schnee, das ist unheimlich entspannend.

Alles andere hätte mich jetzt enttäuscht: Ohne Abenteuer geht es nicht bei Outdoor-Spezialisten?

Na ja, ich genieße es auch schon, unsere deutsche Heimat näher kennenzulernen. Jetzt im Sommer war ich mit meiner Frau eine Woche quer durch Deutschland unterwegs, von Friedrichshafen nach Hamburg. Da merkt man, welche schönen Ecken es auch hierzulande gibt.

Können Sie auch einfach am Strand liegen und in den Sonnenuntergang schauen?

Liebend gern! Aber irgendwann kribbelt’s dann wieder, dann muss ich weg in die Ferne. Natürlich macht man mit über 50 Jahren andere Touren als mit 20 oder 30, weil die Kondition doch eine andere geworden ist.

Sie rüsten mit Globetrotter Expeditionen aus, Sie haben für jede Trekking-Tour das passende Equipment. Was ist heutzutage Abenteuer?

Das muss jeder für sich selbst definieren. Die Bedeutung des Begriffs Abenteuer hat sich in den letzten Jahrzehnten ohnehin verändert, weil mittlerweile fast jeder Winkel dieser Erde erforscht ist und man auch fast überall hinkommt – das nötige Geld vorausgesetzt. Die Sucht nach Extremen gibt es zwar immer wieder. Aber ich verbinde den Begriff Abenteuer nun auch damit, wenn man es schafft, sich komplett von der modernen Welt abzunabeln. Also kein Telefon, kein Fernsehen, keine Internet, sondern in sich reinhören. Diese neue Art von Abenteuer kann überall stattfinden.

Für Wanderer wie für Profi-Bergsteiger ist es wichtig, dass die Produkte im entscheidenden Moment funktionieren. Worauf verlassen Sie sich, wenn Sie einem Kunden etwas empfehlen?

Natürlich können wir uns auf die Hersteller verlassen, die gute Ware produzieren. Aber Sie können auch sicher sein, dass unsere Mitarbeiter und Einkäufer den größten Teil des Sortiments schon selbst auf eigenen Touren getestet haben. Das Problem liegt nur darin, dass manche Kunden glauben, mit einem hochwertigen technischen Produkt auch die absolute Sicherheit eingekauft zu haben. Sie sind sich nicht bewusst, dass man Erfahrung sammeln muss. Kletterschuhe allein reichen eben nicht aus, um sich sicher am Berg zu bewegen.

Logisch wäre es, wenn Sie Ihren Mitarbeitern im Jahr drei Wochen Urlaub zu Testzwecken geben.

Schöne Vorstellung! Aber klar: Viele unserer Verkäufer und Berater haben ihr Hobby zum Beruf gemacht und sind in ihrer freien Zeit aktive Outdoorer. Manche nehmen auch mal ein halbes Jahr frei, um sich einen Traum zu erfüllen.

Wenn Sie jemanden einstellen: Sollte er oder sie wenigstens schon mal auf einem 4000er gestanden haben?

Von Nachteil wäre das nicht, aber es ist keine Bedingung. Die Begeisterung für Natur und Natur erleben ist wichtig.

Markenware von North Face oder Jack Wolfskin gehört heute zum Lifestyle. Wie hat sich Ihre Kundschaft in den letzten Jahren verändert?

Die Outdoorbranche hat sich extrem geöffnet. Vielleicht zehn, 15 Prozent der Kunden sind wirklich Profis. Die übergroße Masse sind Leute, die einfach gern in die Natur gehen, ohne Extremleistungen vollbringen zu wollen. Auch die Altersstruktur hat sich geändert: Die Generation der heute 60- bis 70-Jährigen ist viel mobiler als früher. Schwierig für die Branche wird es dann, wenn die Grenzen zwischen Funktionalität und Mode verschwimmen. Da hat die Branche ihren Fokus etwas verloren.

Davon haben Sie aber jahrelang gelebt, denn die Umsätze in der Branche sind doch immer wieder gestiegen.

Stimmt. Vor 30 Jahren wurde man mit Outdoor-Sachen noch belächelt. Die typische Frage war: Kommt der gerade aus dem Wald? Heute kann man mit solchen Sachen auch zur Arbeit gehen. Technologisch sind alle Sachen sagenhaft verbessert worden. Das hat den Genuss von Reisen ganz erheblich gesteigert. Aber die große Innovationswelle hat ein gewisses Ende gefunden.

Geht es nicht immer noch ein wenig leichter, noch besser?

Klar geht das. Es ist ein Unterschied, ob Sie bei einer 20-Kilometer-Bergwanderung zehn Kilo oder 20 Kilo auf dem Rücken tragen. Man kann auch noch leistungsfähigere Solarpanels bauen, die mehr Strom für Taschenlampe, Fotoapparat und Handy liefern. Aber da sind wir wieder an dem einen Punkt: Muss ich wirklich mein virtuelles Büro mit in den Outdoor-Urlaub nehmen, um ständig erreichbar zu sein oder per Twitter der Menschheit kommunikativen Müll mitzuteilen? Ich meine: Nein.

Läuft Ihr Geschäft noch gut?

Es hat sich auf hohem Niveau stabilisiert. Die Branche hat sich lange rühmen können, dass sie jährlich Umsatzsprünge im zweistelligen Prozentbereich schafft. Seit zwei Jahren haben wir eine massive Abkühlung. Im laufenden Jahr werden wir wohl nicht über ein Wachstum von zwei Prozent hinauskommen.

Woran liegt’s?

Das Wachstum war überschätzt worden. Die Industrie hat einfach viel zu viel Ware in den Markt gedrückt. Das hat zu einer massiven Preiserosion und zu Rabattschlachten geführt. Und wir verkaufen hochwertige Produkte, die auch lange halten. Der Impuls zum schnellen Nachkaufen ist damit begrenzt.

Das heißt, der Markt ist erst einmal gesättigt?

Ja. Laut den Prognosen wird die Branche in den kommenden Jahren maximal zwei oder drei Prozent wachsen. Der Markt konsolidiert sich. Es werden sich sowohl auf der Industrie- wie auf der Handelsseite einige Anbieter verabschieden.

Sie mussten sich auch von Ihrer Umsatzprognose verabschieden: Vor zwei Jahren wollten Sie den Umsatz von Globetrotter bis Ende 2012 um 50 Prozent steigern. Das hat nicht ganz geklappt. Zudem haben Sie die Expansion gestoppt. Das sieht nicht nach großem Optimismus aus.

Dass wir unser Ziel verfehlt haben, stimmt leider, obwohl wir in Dresden, München und Frankfurt große Häuser im Premiumbereich eröffnet haben. Aber das fiel in die Abkühlungsphase der gesamten Branche. Und Anteile gewinnt man nur noch durch die Verdrängung anderer Anbieter.

Ihnen macht der gewiss nicht schrumpfende Internethandel zu schaffen, was bei den Preisen kein Wunder ist.

Das Internet hat eine große Preis-Transparenz geschaffen. Dem Käufer ist es nicht zu verübeln, wenn er sich daran orientiert. Wobei viele Kunden ja gerade die Beratung im Laden suchen, um sich optimal auszustatten. Das gibt es im Internet nur bedingt. Über den Versandhandel machen wir selbst aber auch gut ein Drittel unseres Geschäfts.

Sie haben aber einen Vorteil: Im Gegensatz zum Internet können Sie beispielsweise in Berlin den Kunden mit einer Jacke seiner Wahl zur direkten Erfahrung in die Test-Kühlkammer stellen.

Hier erlebt der Kunde, dass seine Jacke nicht nur gut aussieht, sondern auch funktional alle Anforderungen erfüllt. Der stationäre Outdoor-Handel muss sich an die eigene Nase fassen, dass er nicht mehr solche Erlebniskompetenz geschaffen hat.

Kannibalisieren Sie als Händler und die Hersteller von Markenware sich gegenseitig, wenn diese eigene Stores eröffnen?

Das ist keine erfreuliche Entwicklung. Dieses Gegeneinander ist für den nicht wachsenden Markt von Nachteil. Jeder muss sich darauf besinnen, was er im Kerngeschäft besser kann: Die Industrie kann entwickeln und herstellen, die Händler können gut verkaufen. Jedes Outlet, egal von wem, schneidet vom Gesamtkuchen wieder eine Scheibe ab. Zum Glück hat sich die Entwicklung etwas beruhigt. Denn oft genug war es so, dass man auf der einen Seite Umsätze generiert hat, die man auf der anderen Seite wieder verloren hat.

Deswegen hat Globetrotter auch im Geschäftsjahr 2011/12 zum ersten Mal seit 1998/99 einen Verlust – von über einer Million Euro – erlitten?

Wir hatten unter anderem hohe Aufwendungen für die Umstellung im IT-Bereich und in der Logistik. Die Kosten bewegten sich im Millionenbereich, und die haben das Ergebnis beeinträchtigt.

Das wird jetzt anders?

Wir werden für das letzte abgeschlossene Geschäftsjahr noch einmal einen ähnlich hohen Verlust ausweisen. Aber im laufenden Geschäftsjahr hoffen wir die Verlustzone zu verlassen.

Beteiligen Sie die Mitarbeiter am Ergebnis?

Am Verlust natürlich nicht, am Gewinn schon. Die Mitarbeiter erhalten zehn Prozent des Unternehmensgewinns. Es ist dann natürlich nicht schön, wenn wir in den roten Zahlen landen.

Globetrotter hatte im letzten Geschäftsbericht explizit davon gesprochen, dass die Kosten gesenkt werden müssen. Wo wird das geschehen, was bedeutet das für die Mitarbeiter?

Für die Mitarbeiter im Verkauf nichts, wir werden keine Stellen streichen und auch nicht die Bezahlung verändern. Wir müssen jedoch einige Geschäftsprozesse überdenken und optimieren, dies bedeutet Veränderungen in Arbeitsabläufen und Tätigkeiten. Die Papierkosten sind hoch, das macht uns bei den Katalogen zu schaffen. Da wird einfach Geld vernichtet, weil die Kunden die Kataloge, die früher eine viel größere Rolle gespielt haben, nicht mehr annehmen. Es nützt nichts, wenn so ein dickes Ding monatelang auf Schreibtischen herumliegt und dann doch nicht gebraucht wird. Da werden wir Werbemittel in andere, modernere Formen umschichten, die den Kunden schneller und kompakter erreichen. Der Katalog in seiner jetzigen Form ist ein Auslaufmodell.

Zum Schluss muss ich natürlich Ihre Kompetenz in Überlebensdingen prüfen. Ganz einfache Frage für einen Outdoor-Experten: Wie zündet man im Regenwald ein Feuer an?

Für den Regenwald weiß ich das nicht. Ich habe aber immer einen Magnesiumstein dabei, mit dem man Funken für das Feuer schlagen kann.

Ich kann Ihnen helfen. Man nimmt zwei abgestorbene Bambusröhren, kerbt eine ein und reibt beide ausdauernd aneinander.

Haben Sie das schon einmal probiert?

Nein. Aber auf Ihrer Website findet sich ein Video „Jungle Survival“: Da wird die Bambussäge vorgeführt. Scheint sehr schweißtreibend zu sein, aber es klappt.

Danke für den Tipp.

Das Gespräch führte Matthias Loke.

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