Verschwunden: der ehemalige Wirecard-Manager Jan Marsalek
+
Verschwunden: der ehemalige Wirecard-Manager Jan Marsalek.

Wirecard

Suche nach dem Phantom

  • Thomas Magenheim-Hörmann
    vonThomas Magenheim-Hörmann
    schließen

Jan Marsalek gilt als Schlüsselfigur des Wirecard-Skandals. Seine Flucht auf die Philippinen war offenbar ebenso vorgetäuscht wie die 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten.

Der Mann, den alle suchen, ist verschwunden. Vor knapp zwei Wochen soll der von Wirecard gefeuerte Ex-Manager Jan Marsalek in die Philippinen eingereist und kurz danach Richtung China weitergeflogen sein, sagen Unterlagen der dortigen Einreisebehörde. Aber die sind gefälscht. Das teilte der philippinische Justizminister Menardo Guevarra am Wochenende mit.

„Die Einwanderungsbeamten, die diese falschen Einträge erstellt haben, wurden freigestellt und müssen nun mit verwaltungsrechtlichen Strafen rechnen“, erklärte er und konnte nicht völlig ausschließen, dass der 40-jährige Manager sich vielleicht doch im Land aufhält. Es gebe viele Hintertüren auf einem Inselstaat wie den Philippinen.

Der Österreicher hat seine Spuren gut verwischt. Lange sind die philippinischen Behörden auch davon ausgegangen, dass er auch in Zeiten von Corona als Ehemann einer philippinischen Staatsbürgerin ins Land einreisen durfte. Aber Marsalek ist ledig. Seine langjährige Freundin lebt in München, in dessen Vorort Aschheim er mehr als ein Jahrzehnt lang die operativen Geschäfte des Zahlungsdienstleisters Wirecard geführt hat.

In dieser Funktion war der vor zwei Wochen fristlos gefeuerte Ex-Vorstand vor allem auch für den Aufbau eines Netzwerks aus Partner- und Tochterfirmen zuständig, die das Unternehmen auf dem Papier zu einem angeblichen Weltkonzern gemacht haben. Nun zeigt sich: Das Asiengeschäft, das in den Bilanzen in manchen Jahren für ein Drittel aller Umsätze und die Hälfte aller Gewinne steht, könnte in großen Teilen erfunden sein. Für dieses Fake-Geschäft vorgehaltene Treuhandgelder über gut 1,9 Milliarden Euro haben wohl nie existiert. Münchner Staatsanwälte, die an der Aufklärung eines der wohl größten Wirtschaftsdelikte der deutschen Geschichte arbeiten, hätten viele Fragen an Marsalek. Gesprochen haben sie schon einmal mit ihm, das war Anfang 2019. Damals galt Wirecard vielen noch als Opfer und nicht als Täter. Kurz zuvor hatte die britische Zeitung „Financial Times“ (FT) den ersten einer Reihe von Enthüllungsberichten des Reporters Dan McCrum über Scheinumsätze und gefälschte Wirecard-Bilanzen veröffentlicht, was den Aktienkurs in den Keller befördert hatte. Die Aschheimer hatten alle Vorwürfe dementiert, von einer Verschwörung krimineller Spekulanten inklusive McCrum gesprochen und Anzeige erstattet. Gegenüber Staatsanwälten soll Marsalek sich damals auch als Zuständiger für „Feindaufklärung“ vorgestellt haben.

Über Kontakte in die Londoner Finanzszene will er von einer Verschwörung gegen Wirecard erfahren haben. Von der Richtigkeit überzeugt hat der öffentlichkeitsscheue Manager lange auch die deutsche Finanzaufsicht Bafin, die dann ebenfalls Strafanzeige gegen die „FT“, McCrum und Spekulanten gestellt hat. Die Erkenntnis, dass Wirecard selbst der Bösewicht ist, dämmerte den allermeisten erst jetzt.

2019 sorgten unter Ermittlern dagegen Tonaufnehmen für Aufsehen, die Abreden zu einem Angriff auf Wirecard und deren Aktien belegen sollten. Besorgt haben sollen diese Privatdetektive, die angeblich vom Ex-Chef des libyschen Geheimdienstes beauftragt worden sind. Der Libyer hat seine Überwachungsaktivitäten damit erklärt, dass er vom Kursverfall betroffener Wirecard-Aktionär, aber kein Mittelsmann sei und nur aufklären wollte. Marsalek und Wirecard beschworen, ihn niemals beauftragt zu haben. Gleichwohl haben dessen vermeintliche Ermittlungserkenntnisse ideal zu der von Wirecard in Anspruch genommenen Opferrolle gepasst.

Es hat schon 2019 nicht jeder geglaubt, dass es zwischen Wirecard und dem Libyer keine Verbindung gibt. Spätestens seit dieser Zeit werden Marsalek ausgezeichnete Kontakte zu Geheimdienstkreisen nachgesagt. Die könnten helfen, wenn man weltweit gesucht wird und untertauchen muss. Nach Lage der Dinge könnte er in der Karibik oder auf einer österreichischen Berghütte sitzen. Die Ermittler stehen vor einer echten Herausforderung.

Kommentare