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Lkw-Stau auf der A 4: Der Ferntransport ist nach Ansicht von Verkehrsexperte Holzapfel viel zu billig.

Mobilität

„Subventionen sind der falsche Weg“

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Mobilitätsforscher Helmut Holzapfel über die Forderung nach Anreizen für den Autokauf und Prioritäten beim Neustart nach der Corona-Krise.

Wird die Corona-Krise unser Mobilitätsverhalten dauerhaft verändern? Wie sollten jetzt die Weichen für einen nachhaltigeren Verkehr gestellt werden? Die Debatte darüber ist voll entbrannt. Pkw-Bauer bringen eine Kaufprämie ins Spiel, Automobil-Experte Ferdinand Dudenhöffer fordert, die Mehrwertsteuer auf den Fahrzeugkauf auszusetzen. Sind das die richtigen Signale? Ein Gespräch mit dem Mobilitätsforscher Helmut Holzapfel.

Herr Professor Holzapfel, Sie haben einen ökologischen Umbau des Verkehrssystems gefordert. Ist das denn der richtige Zeitpunkt, wo doch die Autoindustrie und die Fluggesellschaften wegen der Corona-Krise ums Überleben kämpfen?

Gerade jetzt muss darüber nachgedacht werden, wie es weitergehen soll und was die richtigen Maßnahmen sind, die zur Stützung der Unternehmen unternommen werden. Diese erfolgen auf Kosten von uns allen als Steuerzahler und sollten dann auch in unser aller Interesse liegen. Für die Lufthansa zum Beispiel ist eine Staatsbeteiligung im Gespräch, eine solche Beteiligung ist nur sinnvoll, wenn ökologische Ziele eingebaut werden, die den weltweiten Klimazielen entsprechen.

Das würde aber die Kosten erhöhen – ist das nun das richtige Signal?

Helmut Holzapfel.

Zu niedrige Preise für den Lufttransport, aber auch die Lastkraftwagen sind gerade eine Ursache der jetzigen Probleme. Wir haben uns etwa bei der Versorgung mit Medikamenten oder Klinikbedarf in unverantwortliche Abhängigkeiten begeben. Das liegt an den viel zu billigen Preisen für den subventionierten Ferntransport. Die Abhängigkeiten wachsen auch bei Lebensmitteln. Wir brauchen tatsächlich eine Erhöhung der Maut, um die Folgekosten der Lastkraftwagen den Verursachern korrekt in Rechnung zu stellen. Eine Organisation der Lkw-Betreiber mit dem schönen Namen Elvis fordert nun sogar die Abschaffung der Lkw-Maut. Das wäre das völlig falsche Signal.

Zur Person

Helmut Holzapfel leitet das „Zentrum für Mobilitätskultur“ in Kassel. Der Bauingenieur, Stadtplaner und Verkehrswissenschaftler war bis zum Jahr 2015 Professor am Institut für Verkehrswesen der Universität Kassel. Er ist Mitglied im Beirat für Integrität und Unternehmensverantwortung des Autokonzerns Daimler und berät Gewerkschaften sowie Umweltverbände. 

Aber was wird mit der Automobilindustrie? Ihr Kollege Ferdinand Dudenhöffer hat da ja das Aussetzen der Mehrwertsteuer oder eine negative Mehrwertsteuer vorgeschlagen, um den Absatz wieder anzukurbeln.

Auch beim Automobil ist Subventionierung der falsche Weg. Es ist jetzt doch der Zeitpunkt, genau den Aufbau einer zukunftsfähigen Mobilität voranzutreiben. Damit werden auch die Arbeitsplätze sicherer. Die richtige Strategie wäre es, ökologisch verträgliche Fahrzeuge zu fördern, aber nur, wenn das Geld aus höheren Abgaben bei umweltschädlichen Modellen finanziert wird – also ein Bonus-Malus System. Das würde den Umstieg fördern, und Otto Normalverbraucher würde mit seinen Steuern nicht das Dienstwagenprivileg für große Limousinen mitfinanzieren. Jegliche Schadenfreude von angeblichen Ökologen über die aktuellen Problemen der Autohersteller ist allerdings fehl am Platz. Es kommt vielmehr darauf an, auch hier die richtigen Entscheidungen für eine erfolgreiche Zukunft zu treffen, das setzt allerdings fundamentale Änderungen voraus. Ich diskutiere diese Ideen als unabhängiger Berater auch direkt mit Autoindustrie und Gewerkschaften.

Wo sollten die verkehrspolitischen Schwerpunkte beim Neustart nach der Krise gesetzt werden?

Es spitzt sich genau dort die Krise zu, wo wir alle wirklich eine gute Infrastruktur brauchen, in unserem direkten Umfeld: bei den Läden, Geschäften, Restaurants und der Kultureinrichtungen in unseren Quartieren. Wir brauchen daher sofort nach der akuten Corona-Krise ein Städtebauprogramm, das Geschäfte und Kultureinrichtungen zur wohnortnahen Versorgung fördert, übergangsweise etwa auch durch Mietzuschüsse. Und es ist jetzt, wo viel Fahrrad gefahren wird, an der Zeit, versuchsweise freie Autospuren dem Radverkehr zur Verfügung zu stellen und andere Maßnahmen zur Förderung des Fuß- und Radverkehrs zu entwickeln. Teils geschieht das auch schon. Das stärkt die Infrastruktur in der Nähe wieder. Eine Zukunft mit weniger Nahversorgung, mit noch mehr Abhängigkeit von Lieferdiensten, Lkw-Verkehr und globaler Logistik wäre nicht nur ökologisch fatal, sondern würde uns bei der nächsten Krise heftig um die Ohren fliegen. Ähnlich argumentiert sogar eine Denkfabrik der Bundeswehr namens GIDS. Ich halte Nahversorgung aber nicht aus militärischen Gründen für wichtig, sondern für die Menschen bei uns und den Alltag.

Und der öffentliche Verkehr?

Der ist ebenfalls Teil der Nahversorgung, die aktuell gefährdet ist. Die Defizite, die auflaufen, sind riesig, die Kommunen werden sie nicht schultern können. Hier muss die Politik schnell handeln.

Sind Sie als Mobilitätsforscher denn ein Gegner des globalen Austauschs?

Der globale Austausch hat uns enormen Fortschritt gebracht. Ich halte es aber für zweifelhaft, dass wir zum Beispiel im Winter weiter Erdbeeren subventioniert aus Afrika in unsere Supermärkte bringen lassen sollten. Wir werden zukünftig eher mehr globales Denken und Ideenaustausch brauchen als noch mehr Warentransport. Wir müssen sonst befürchten dass sich durch die weltweite Mobilität das nächste Virus, das Experten schon vorhersagen, noch effektiver verbreiten wird.

Interview: Joachim Wille

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