Die Baustelle von Stuttgart 21. An diesem Montag findet hier die 500. Protestkundgebung statt.
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Die Baustelle von Stuttgart 21. An diesem Montag findet hier die 500. Protestkundgebung statt.

Stuttgart 21

Die Wunde von Stuttgart

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Es sollte der Bahnhof des 21. Jahrhunderts werden: Vor zehn Jahren war Baubeginn von Stuttgart 21. Heute erweist sich das angebliche Wunderwerk als teure Fehlplanung. 

  • Gegner von Stuttgart 21 protestieren noch immer
  • Das Bahnprojekt wird immer teurer
  • Zudem droht der Bahnhof, eine Fehlplanung zu werden

Es ist ein rekordverdächtiges „Jubiläum“: In Stuttgart treffen sich die Gegnerinnen und Gegner des neuen Tiefbahnhofs zu ihrer 500. Montagsdemonstration - fast auf den Tag genau zehn Jahre nach dem 2. Februar 2010, an dem der Bau des Projekts „Stuttgart 21“ begann.

Jubelstimmung wird sicher nicht aufkommen, wenn sich die erwarteten 3000 Demonstrantinnen und Demonstranten auch an diesem Montagabend unweit der riesigen Baugrube versammeln. Zu weit ist der Bau fortgeschritten, zu gering sind die Chancen, bei Bahn und Politik doch noch Gehör zu finden mit der Forderung nach einem „Umstieg 21“.

Gerade hat Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) verkündet, der Konflikt um den Tiefbahnhof sei bereits seit der Volksabstimmung über das Projekt vor mehr als acht Jahren „befriedet“. Ende November 2011 hatte sich eine Mehrheit von fast 60 Prozent gegen einen Ausstieg des Landes aus der Finanzierung ausgesprochen. Zuvor hatte bereits der Stadtrat ein Bürgerbegehren gegen „Stuttgart 21“ abgelehnt.

Stuttgart 21: Bundesrechungshof rechnet mit elf Milliarden Euro Kosten

Allerdings verweist die Protestbewegung bis heute darauf, dass die Wahlberechtigten seinerzeit über die Risiken „massiv getäuscht“ worden seien. Tatsächlich sind die Kosten von „Stuttgart 21“inzwischen stetig gestiegen: selbst nach offizieller Schätzung von ursprünglich 4,2 auf jetzt 8,2 Milliarden Euro. Viele Experten gehen inzwischen von einem zweistelligen Milliardenbetrag aus, der Bundesrechungshof rechnet mit ungefähr elf Milliarden.

Das ist keineswegs das einzige Argument der Protestbewegung gegen „Stuttgart 21“. Schon seit längerem verweist sie auf aus ihrer Sicht mangelhaften Brandschutz (ein Thema, das auch beim Pannenprojekt Großflughafen Berlin eine zentrale Rolle spielt), auf das starke Gefälle im künftigen Bahnhof sowie auf die geringe Kapazität des Untergrund-Bauwerks mit seinen acht Gleisen – der bestehende Kopfbahnhof, der abgerissen werden soll, hat 16 Gleise.

Auch im Aufruf zur 500. Demonstration an diesem Montag wird darauf hingewiesen, dass der von Bundesregierung und Bahn geplante „Deutschlandtakt“, der Deutschlands wichtigste Städte einmal im 30-Minuten-Rhythmus inklusive Umsteigemöglichkeiten verbinden soll, entgegen den Vorhersagen der Bauherren von „Stuttgart 21“ mit acht Gleisen nicht durchführbar sein werde.

Stuttgart 21: acht Gleise werden nicht reichen

Stuttgart 21 - Projekt und Protest

Die Planungen für den Tiefbahnhof sind inzwischen über 25 Jahre alt. 1995 hatten Bahn, Bund, Stadt und Land einen Rahmenvertrag geschlossen, der Kosten von 2,6 Milliarden Euro vorsah. Zum offiziellen Baubeginn ging die Bahn von 4,5 Milliarden aus. Aktuell ist von 8,2 Milliarden Euro Gesamtkosten die Rede. Der Bundesrechnungshof rechnete 2016 in einem Gutachten sogar mit bis zu elf Milliarden Euro.
Seit 2009versammeln sich die Kritiker zur wöchentlichen Montagsdemonstration, ein Informationszelt der Protestierer ist seit 3485 Tagen mit Ehrenamtlichen besetzt. Am 30. September 2010 kam es bei der Räumung des Schlossgartens zu schweren Verletzungen unter den Demonstranten. Der Polizeieinsatz wurde fünf Jahre später vom Verwaltungsgericht Stuttgart für rechtswidrig erklärt. (afp)

Schon während eines Schlichtungsverfahrens im Jahr 2011 zwischen Politik, Bahn und Gegnern hatten Kritiker von „Stuttgart 21“ gewarnt, dass acht Gleise das Zugaufkommen nicht bewältigen könnten. Im Juni sagte auch Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), es werde sicher Engpässe geben. Weitergebaut wird trotzdem.

Die Gegner haben inzwischen ein weiteres Argument: die Klimaschädlichkeit des Projekts. Ein Gutachten im Auftrag der Protestbewegung hat ergeben, dass allein für das Baumaterial 1,7 Millionen Tonnen Kohlendioxid freigesetzt würden. Das sei „etwa so viel, wie ganz Stuttgart in einem Jahr verheizt“, heißt es im Aufruf zur 500. Montagsdemo. Damit widersprechen die Kritiker der Behauptung der Deutschen Bahn, der Neubau werde zur CO2-Einsparung beitragen.

Der lange Atem der Protestbewegung ist allerdings nicht allein mit der Ablehnung des Projekts zu erklären, zu dem auch die Neubaustrecke Ulm – Wendlingen mit zahlreichen Tunneln gehört. Die Beteiligten haben vielmehr seit dem Baubeginn vor zehn Jahren zunehmend versucht, für realisierbare Alternativen zu werben – obwohl der Baufortschritt inzwischen Tatsachen geschaffen hat, von der Beschädigung des Schlossgartens bis hin zu der betonierten Grube, die man wohl kam zurückbauen könnte.

Das Motto „Umstieg 21“ steht für ein Konzept, das die Bürgerbewegung mit Expertinnen und Experten für Planung, Technik, Städtebau und Architektur entwickelt hat. Es sieht unter anderem den Erhalt des Kopfbahnhofs und die Umwidmung der fertigen Tiefbauten in Flächen für Auto- und Fahrradparkplätze, einen Busbahnhof sowie andere alternative Nutzungen vor.

Unter anderem „ließen sich mit einem schnellen Baustopp und dem Alternativkonzept Umstieg 21 noch satte 800 000 Tonnen CO2 allein für Baumaterial einsparen“, heißt es in dem Aufruf der Bahnhofsgegner. Dagegen erwarten sie, dass „die S 21-Klimabilanz durch die langen Tunnelstrecken und durch die ungünstige Streckenführung noch desaströser“ wird. „Dadurch verdoppelt sich etwa der Energiebedarf und damit die CO2-Emissionen für eine Bahnfahrt von Stuttgart nach Ulm und zurück.“

Geht Stuttgart 21 nur schrittweise ans Netz?

Allerdings könnte auch für den Umstieg die Zeit irgendwann abgelaufen sein. Inzwischen sind nach Angaben der Bahn von den rund 59 Kilometer langen Tunnelröhren für die Neubaustrecken knapp 50 Kilometer vorgetrieben. Etwa 70 Prozent der Bahnsteigflächen für den künftigen Hauptbahnhof sind bereits in zehn Metern Tiefe betoniert.

Nach den aktuellen Plänen soll der Bahnhof 2025 in Dienst gestellt werden. Bis dahin sind aber noch nicht alle Strecken und umliegenden Bahnhöfe bereit, so dass die Bahn davon ausgeht, dass „Stuttgart 21“ nur schrittweise ans Netz geht. Ursprünglich sollten die Arbeiten bereits im Jahr 2021 beendet sein. (mit afp)

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