Auch die Textilindustrie ist stark betroffen.
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Auch die Textilindustrie ist stark betroffen.

Insolvenzen

Die Stunde der Wahrheit naht

  • Daniel Baumann
    vonDaniel Baumann
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Experten erwarten ab dem Herbst einen Anstieg der Unternehmensinsolvenzen.

Die Promi-Köchin Sarah Wiener hat für ihre Berliner Restaurants gerade Insolvenz angemeldet. Die Sicherheitsvorkehrungen infolge der Corona-Krise haben ihre Betriebe nicht verkraftet. Noch sind solche Beispiele aber die Ausnahme, auch weil die Bundesregierung die Pflicht zur Insolvenzanmeldung bis Ende September ausgesetzt hat.

„Der Schein trügt, und im Herbst schlägt für viele die Stunde der Wahrheit“, sagt deshalb Ron van het Hof, Chef des Kreditversicherers Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er rechnet für die Jahre 2020 und 2021 mit einem Plus von insgesamt zwölf Prozent bei den Insolvenzen im Vergleich zu 2019. Der Löwenanteil dürfte mit acht Prozent auf 2021 entfallen. Für dieses Jahr wird ein Zuwachs um vier Prozent erwartet.

In der amtlichen Insolvenzstatistik für Deutschland zeigen sich bislang noch keine dramatischen Auswirkungen der Corona-Krise. 1465 Fälle meldeten die Amtsgerichte nach Angaben des Statistischen Bundesamtes für den vom Lockdown besonders betroffenen Monat April – und damit 13,3 Prozent weniger als im Vorjahresmonat.

Im weltweiten Vergleich kommt Deutschland der Euler-Hermes-Prognose zufolge allerdings mit einem „blauen Auge davon“. „Gründe dafür sind neben der besseren Ausgangssituation und dem kürzeren, weniger strikten Lockdown vor allem die schnellen und sehr umfangreichen Sofortmaßnahmen der Regierung“, so Van het Hof.

Allerdings nimmt sich das Paket - gemessen an der Dimension der Krise - trotz der schwindelerregenden Milliardensummen vergleichsweise klein aus. „Das Konjunkturpaket der Bundesregierung trägt etwa 1,5 Prozentpunkte zum Bruttoinlandsprodukt bei“, so Konjunkturexperte Claus Michelsen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Er erwartet, dass die Staatsschuldenquote zum Ende der Krise von 60 auf 80 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung steigen wird. Das würde noch Raum für weitere Konjunktur-Stimuli lassen, um deutsche Firmen zu stützen.

Global erwartet Euler Hermes aktuell für 2020 und 2021 einen kumulierten Anstieg der Insolvenzen um insgesamt 35 Prozent. Besonders drastisch könnte die Insolvenzwelle in den USA mit plus 47 Prozent ausfallen. Für die exportorientierte deutsche Wirtschaft sind das Nachrichten, die Grund zur Sorge geben.

Die Prognose von Euler Hermes für die deutschen Unternehmen ist noch vergleichsweise positiv. Konkurrent Coface rechnet mit einem Anstieg der Insolvenzen hierzulande um zwölf Prozent alleine in diesem Jahr. Sollte dies eintreffen, wäre es der stärkste prozentuale Anstieg seit 2002 nach dem Platzen der Internetblase. (mit dpa)

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