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Bei Stuttgart steht nun die höchste Windkraftanlage der Welt an Land. Die Anlage erreicht eine Nabenhöhe von 178 Metern und eine Gesamthöhe von 246,5 Metern.

Windenergie

Stürmische Zeiten in der Boombranche

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Die Windenergie gilt als Boombranche, fast täglich kommen neue Anlagen hinzu. Auf der anderen Seite sinken die Gewinne und Stellen werden gestrichen. Wie passt das zusammen?

So ein Herbststurm hat auch sein Gutes. In den Abendstunden des 28. Oktober brachten es die hiesigen Windkraftanlagen auf eine Leistung von mehr als 39.000 Megawatt. Damit konnten die modernen Mühlen über mehrere Stunden gut zwei Drittel des deutschen Strombedarfs decken – ein neuer Rekord. Und weitere Bestmarken werden garantiert folgen, wenn der Wind wieder heftig weht. Denn derzeit kommen beinahe täglich neue Anlagen hinzu. Und die produzieren Strom so billig wie niemals zuvor.

Das ist die eine Seite. Die andere: Der Windturbinenherstellers Nordex will mit dem Streichen von bis zu 500 Stellen die Belegschaft um fast zehn Prozent verkleinern. Auch der Konkurrent Senvion plant, Jobs zu kappen, 730 hierzulande. Der global führende Windanlagenhersteller Siemens Gamesa hat in den vergangenen Wochen seine Gewinnprognose gleich zweimal nach unten korrigiert. Mehrere Topmanager – darunter der Finanzchef – wurden gefeuert. 

Die Rolle der Politik

Stürmische Zeiten in einer Boombranche. Wie passt das zusammen? Die Politik spielt hier die Hauptrolle. Bis Ende 2016 wurde in vielen Ländern die erneuerbare Energie über fixe Einspeisevergütungen geregelt. Wer etwa in Deutschland ein Windrad auf einen Hügel stellte, bekam pro Kilowattstunde, die in das Stromnetz eingespeist wurde, je nach Standort zwischen sechs und neun Cent für 20 Jahre. Anfang 2017 wurde hierzulande und anderswo auf Ausschreibungen umgestellt. Unternehmen können sich für Erzeugungskapazitäten bewerben, die günstigsten Bieter dürfen dann bauen. Bei der ersten hiesigen Ausschreibung für Windenergie an Land kamen Gebote mit einem Durchschnittswert von 5,71 Cent zum Zuge. Bei der zweiten Onshore-Ausschreibung im Sommer waren es noch 4,28 Cent. 

Eine Art Turboeffekt hat hierzulande die Vergütungen gedrückt: Privilegien für sogenannte Bürgergesellschaften. Sie haben unter anderem bis zu 54 Monate Zeit für die Umsetzung der Projekte – das sind zwei Jahre mehr als bei konventionellen Vorhaben ohne Bürgerenergie-Privilegien. Das hatte zur Folge, dass bei der ersten und der zweiten Onshore-Auktion jeweils fast nur Bürgergesellschaften den Zuschlag erhielten. Doch hinter den vermeintlichen Initiativen von der Basis stecken große Projektentwickler, die ganz legal Bürgergesellschaften gegründet haben, um sich die Sonderkonditionen zu sichern. Es sei gar nicht anders möglich, erfolgversprechende Angebote abzugeben, sagt der Manager eines Unternehmens, das bei den Ausschreibungen erfolgreich war. 

Vorige Woche endete die Angebotsfrist für die dritte Ausschreibung von Windenergie an Land. Die Ergebnisse werden demnächst bekanntgegeben. Experten erwarten, dass es nochmal deutlich nach unten geht. Es kursieren schon Szenarien eines „perfect storms“ für die Branche. Gemeint ist damit, dass sich mehrere Elemente zu einer äußerst gefährlichen Mischung aufschaukeln könnten. 

Unterbietungswettkämpfe in der Windbranche erwartet

Ein maßgeblicher Faktor: Der Ausbau der Windenergie ist inzwischen stark rationiert. Nächstes Jahr werden nur 2800 Megawatt neu ausgeschrieben. Zum Vergleich: In der jüngeren Vergangenheit gingen 4000 bis 5000 Megawatt jedes Jahr neu ans Netz, was der Leistung von mehr als vier Atomkraftwerken entspricht. 

Weitere Unterbietungswettkämpfe werden erwartet. So haben etwa die Analysten der Commerzbank Ende voriger Woche ihre Umsatz- und Gewinnerwartungen für Nordex vor allem wegen der erwarteten Turbulenzen in Deutschland deutlich nach unten geschraubt. Bei Wettbewerbern wird ähnliches erwartet. Denn bei vielen Unternehmen drohen nun erhebliche Lücken beim Auftragseingang, was vor allem kleinen Firmen und Mittelständlern das Leben schwer machen dürfte. 

Hauptgrund ist für den Bundesverband Winderengie (BWE) „die fehlerhafte Regelung der Bürgerenergie“. Da die als Bürgergesellschaften getarnten Unternehmen bis zu viereinhalb Jahre Zeit haben, die Projekte umzusetzen, werden sie sich vermutlich in den nächsten zwei Jahren erstmal überhaupt nicht rühren, um neue Windräder zu bestellen. Sie setzen mit aller Wahrscheinlichkeit auf die nächste Generation von deutlich leistungsfähigeren Onshore-Anlagen, die derzeit noch gar nicht auf den Markt sind. Das Grundprinzip lautet immer größere Turbinen und immer höhere Türme, um die Stromausbeute pro Anlage zu erhöhen. 

Wind-Branche stehen harte Jahre bevor

Experten erwarten denn auch, dass 2018 ein schweres, 2019 ein noch schwereres Jahr für die Branche wird. Wie viele Jobs tatsächlich gefährdet sind, wagt niemand derzeit genau zu sagen. Hermann Albers, BWE-Präsident, warnt allerdings: „Insgesamt stehen 143 000 Arbeitsplätze auf der Kippe.“ Deshalb brauche es zuerst eine „schnelle Reparatur der Fehler des Ausschreibungssystems“. Gemeint ist schlicht, die Privilegien für die Bürgerenergie zu streichen. Zudem fordert der BWE, dass die neue Bundesregierung die Ausbauziele für Erneuerbaren deutlich nach oben setzt. 

Indes, selbst wenn die Forderungen des Verbandes erfüllt werden, der Preisdruck wird langfristig bestehen bleiben. Andreas Reuter vom Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik geht etwa davon aus, dass an guten Standorten die Untergrenze bei drei Cent pro Kilowattstunde liegt. Um damit noch lukrativ Strom zu erzeugen, müssen dicke Bretter gebohrt werden: „Produktionskosten müssen ebenso sinken wie Investitions- und Finanzierungskosten. Effizienz und Erlöse müssen gesteigert werden“, sagt Norbert Schwieters, Energieexperte bei von der Unternehmensberatung PwC. 

Für seinen Kollegen Andreas Funke steht fest, dass zu leistungsfähigeren Turbinen ein generelles Umdenken kommen muss: „Das Prinzip business as usual gilt für die Windbranche nicht mehr.“ Turbinenhersteller müssten künftig schon vor der Abgabe der Angebote für Ausschreibungen mit den Projektinitiatoren zusammenarbeiten, um sich Aufträge zu sichern. Auch eine weitere Internationalisierung der Geschäfte sei wichtig, um Risiken zu minimieren, die sich durch hiesige Rahmenbedingungen ergeben. Andreas von Bobart, Deutschlandchef der Windsparte von General Electric, jedenfalls hat gerade in einem Interview mit dem Fachblatt „Neue Energie“ betont, er sei mit dem Betriebsrat bereits in Gesprächen über Kostenreduzierung. Details nennt er keine, er geht aber davon aus, dass es in der Branche „eine weitere Konsolidierung“ geben werde. 

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