+
Hoffnung auf weniger Staus könnte Wunschtraum bleiben.

Studie

Autonomes Fahren lässt Verkehr anwachsen

  • schließen

Eine Fraunhofer-Studie sieht nur begrenztes Potenzial für den Klimaschutz.

Autonomes Fahren“ lautet das Zauberwort. Die Digitalisierung wird auch den Straßenverkehr völlig umkrempeln, das ist klar. Automanager und Politiker verbinden mit dem selbstfahrenden Auto die Hoffnung, viele Probleme lösen zu können: Künftig schneller, kostengünstiger Transport ohne Parkplatz-Probleme, keine Staus und Unfälle mehr – und vor allem sinkende CO2- Emissionen. Eine neue Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe zeigt nun, dass die positive Klimawirkung relativ gering ausfällt. Der CO2-Ausstoß im Sektor Verkehr würde durch Vernetzung und Automatisierung bis 2050 gegenüber einem Fall ohne diese neuen Technologien nur um 7,6 Prozent sinken. Zudem entsteht die Gefahr, dass sich Verkehr von Bussen und Bahnen durch die Vorteile der Automatisierung, etwa die wegfallende Parkplatzsuche, hin zum Auto verlagert.

Noch ein langer Weg

Bis zum komplett autonomen Fahren für jedermann ist es noch ein langer Weg. Der Vorstandschef der VW-Nutzfahrzeugsparte, Thomas Sedran, verglich die Komplexität der damit verbundenen Probleme jetzt auf dem Genfer Automobilsalon mit einer bemannten Mission zum Planeten Mars. Die Autokonzerne BMW und Daimler haben wegen der großen Herausforderungen und der Kosten jüngst angekündigt, ihre Forschungs- und Entwicklungsarbeiten dazu zusammenzulegen. Auch die ISI-Experten erwarten, dass sich das „fahrerlose“ Fahren besonders bei den Pkw eher zögerlich durchsetzen wird.

Die Wissenschaftler haben den „Markthochlauf“ für die fünf Automatisierungsstufen – vom assistierten über das vollautomatisierte bis zum fahrerlosen Fahren – abgeschätzt, und zwar für acht Fahrzeugtypen: Kompakt-, Mittel- und Oberklasse-Pkw, schwere und leichte Nutzfahrzeuge sowie Stadt-, Reise- und Kleinbusse. Relativ schnell wird es danach bei den schweren Lkw und den Reisebussen gehen. Sie werden bis 2050 zu 90 Prozent beziehungsweise 75 Prozent fahrerlos unterwegs sein. Der Grund: Die Technik für Automatisierung und Vernetzung ist mit bei Markteinführung rund 24 000 Euro pro Fahrzeug zwar teuer, auf der anderen Seite sinken aber die Kosten durch den eingesparten Fahrer, billigere Versicherungen und niedrigeren Spritverbrauch.

Bei den Pkw erwarten die Experten für 2050, dass nur sieben Prozent der gesamten Autoflotte fahrerlos fahren – für sie selbst „überraschend“, wie es beim ISI heißt. In der Oberklasse sind es immerhin 21 Prozent, zudem 57 Prozent „vollautomatisiert“. Käufer dieser teuren Autos stecken die Zusatzkosten für die Automatisierungsfunktionen der Stufe fünf von anfänglich 11 000 und später 5000 Euro eher weg, Käufer von Klein- oder Kompaktwagen nicht. Auch die 5000 Euro lägen „in einem Bereich, den nur wenige zu investieren bereit sind“, kommentiert ISI-Projektleiter Michael Krail.

Interessant für den Klimaschutz ist das autonome Fahren, weil es einen flüssigeren Verkehr mit weniger Bremsen und Beschleunigen sowie eine optimierte Routenwahl ermöglicht. Das ISI schätzt aufgrund von Tests mit schweren Lkw, dass hier etwa eine Spritersparnis von 17 Prozent drin ist. Berechnet auf das gesamte Verkehrssystem ergibt sich, dass die Automatisierung und Vernetzung der Fahrzeuge gegenüber einem Fall ohne diese Neuerungen rund 7,8 Millionen Tonnen CO2 jährlich einsparen würden – besagte 7,6 Prozent der erwarteten Gesamtemissionen. Eingerechnet ist dabei, dass der Anteil von Elektroautos an der Fahrzeugflotte und der Ökostromanteil im Netz zukünftig steigt. Doch wird die gesamte Flotte bis 2050 „bei weitem noch nicht komplett elektrifiziert“ sein, wie Krail der FR sagte.

Bis 2030 – und damit vor der Einführung des komplett fahrerlosen Fahrens – ergibt sich durch die neuen Technologien ein Minderungspotenzial von immerhin bereits 5,2 Millionen Jahrestonnen. Freilich müssen die Emissionen des Verkehrs bis dahin nach den Klimavorgaben der Bundesregierung von derzeit 171 Millionen Tonnen jährlich auf unter 100 Millionen gesenkt werden. Das assistierte und hochautomatisierte Fahren kann hier also nur ein kleinen Teil beitragen.

Vorteile durch „Ridesharing“

Die Fraunhofer-Forscher erwarten generell, dass die Einführung der Automatisierung zu steigenden Fahrleistungen führt. Sie warnen: „Es muss darauf geachtet werden, dass sich der Verkehr durch die Vorteile der Automatisierung nicht vom öffentlichen hin zum Individualverkehr verlagert – denn dann könnten die zusätzlichen Fahrten die positive Wirkung der Einspareffekte überlagern.“ Diesen „Rebound-Effekt“ gelte es zu vermeiden. Allerdings sei auch möglich, mit der Automatisierung stärkere Klimavorteile herauszuholen – nämlich, in dem sie genutzt wird, um ein „Ridesharing“ als moderne Form der Fahrgemeinschaft durchzusetzen. Das fahrerlose Auto holt dabei mehrere Person mit ähnlichen Zielen jeweils zu Hause ab.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare