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Stromversorgung

Strompreis klettert auf Rekordhoch

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Elektrizität ist in Deutschland so teuer wie nie. Viele Grundversorger haben wieder ihre Preise erhöht. Und: Es könnte noch teurer werden.

Sie langen wieder zu. Die Strompreise hierzulande sind auf einen neuen Höchstwert geklettert. Nach Berechnungen des Verbraucherportals Verivox müssen Verbraucher aktuell im Schnitt 29,42 Cent pro Kilowattstunde zahlen. Weitere Erhöhungen dürften im Laufe des Jahres folgen.

Zwei Drittel der mehr als 800 Stadtwerke und Versorgungsunternehmen haben in den ersten drei Monaten die Tarife um rund fünf Prozent im Mittel erhöht. Das bedeutet für einen Drei-Personen-Haushalt mit Normalverbrauch (4000 Kilowattstunden) eine zusätzliche finanzielle Belastung von 60 Euro pro Jahr. Gerade einmal 24 Versorger hätten die Preise leicht gesenkt – um ein Prozent im Schnitt. Laut Verivox haben für April und Mai weitere 62 Unternehmen bereits Aufschläge von ebenfalls um die fünf Prozent angekündigt. Nur zwei Anbieter wollen die elektrische Energie geringfügig billiger machen.

Für Valerian Vogel, Energieexperte bei Verivox, besteht kein Zweifel: „Der Anstieg wird sich auch in den nächsten Monaten verfestigen.“ Viele Versorger würden einen deutlich höheren Kostendruck bei der Beschaffung des Stroms als Grund für die Verteuerungen angeben. Allerdings machen die Aufwendungen für Einkauf und Vertrieb der elektrischen Energie nur etwa ein Fünftel des Gesamtpreises aus. Allein etwa ein Viertel entfällt auf die Gebühren für die Nutzung der Netze. Mehr als die Hälfte machen Steuern und Abgaben aus. Dieser Posten ist in den vergangenen Jahren immer größer geworden.

Und genau hier läuft aus Sicht von Verbraucherschützern einiges schief. Seit dem Jahr 2000 hätten sich in Deutschland die Strompreise für private Haushalte mehr als verdoppelt, sagte Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV). Im EU-Vergleich sei Deutschland mit den 29 Cent pro Kilowattstunde ganz oben mit dabei. Für die aktuellen Aufschläge seien zwar auch die erhöhten Großhandelspreise verantwortlich. „Nach wie vor sorgen allerdings hauptsächlich die hohen Netzentgelte, die EEG-Umlage sowie verschiedene Abgaben und Steuern für die zu hohen Strompreise“, betonte Müller.

Mit der EEG-Umlage werden Solaranlagen, Windräder und andere erneuerbare Energien gefördert. Diese Abgabe macht derzeit 6,4 Cent pro Kilowattstunde aus. 2018 waren es sogar noch fast 6,8 Cent. Die Netzentgelte werden von der Aufsichtsbehörde, der Bundesnetzagentur, für jeden Betreiber eines regionalen Verteilnetzes einzeln berechnet. Sie hängen unter anderem davon ab, wie viel die Unternehmen in ihre Infrastruktur investieren müssen, um die Stromversorgung sicherzustellen.

Für VZBV-Vorstand Müller steht indes fest: „Die Bundesregierung muss endlich handeln und eine Strompreisreform angehen.“ Als einen der Kernpunkte macht er sich für eine „weitgehende Abschaffung der Stromsteuer“ stark. Diese Forderung wurde auch schon vielfach von Umweltschützern und Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) vorgetragen. Derzeit macht dieser Posten in der Stromrechnung 2,05 Cent pro Kilowattstunde aus. Die Steuer wurde 1999 eingeführt, um die Verbraucher zum sparsameren Umgang mit der elektrischen Energie zu bringen. Die Einnahmen sollten dazu verwendet werden, die Lohnnebenkosten zu drücken. Das Öko-Institut und viele andere Umweltorganisationen vertreten mittlerweile die Position, dass sich die Stromsteuer überlebt habe. BDEW-Hauptgeschäftsführer Stefan Kapferer appelliert an Finanzminister Olaf Scholz (SPD) zu prüfen, ob der Satz auf das in der EU zulässige Minimum von 0,1 Cent pro Kilowattstunde gesenkt werden kann. Dies würde Verbraucher und Firmen um 5,5 Milliarden Euro jährlich entlasten. Der Fiskus könne sich dies angesichts der komfortablen Haushaltslage erlauben.

Müller geht indes noch einen Schritt weiter und verlangt „die Streichung der Industrieausnahmen bei den Netzentgelten“. Viele Unternehmen mit hohem Energiebedarf werden von den Gebühren für die Netznutzung weitgehend befreit. Das soll helfen, die Abwanderung von Firmen ins Ausland, wo Strom teils erheblich billiger ist, zu verhindern. Stahlwerke, Zementfabriken oder Aluminiumhütten profitieren außerdem davon, dass sie von der EEG-Umlage befreit werden können. Hier fordert der VZBV-Vorstand die Finanzierung der Entlastung auf mehr Schultern zu verteilen. Bislang wird das von den privaten Haushalten und den Unternehmen getragen, die die EEG-Umlage in vollem Umfang zahlen müssen. Künftig müsse dies mit „Steuermitteln“ geschehen.

Die höheren Großhandelspreise beim Strom haben vor allem damit zu tun, dass fossile Energieträger (Öl, Gas, Kohle) in den vergangenen Monaten teurer geworden sind. Allerdings hat sich das Preisniveau zuletzt dem Vorjahresniveau wieder deutlich genähert. Mit diesen Schwankungen müssen vor allem die Betreiber von Steinkohle- und Gaskraftwerken zurechtkommen, die zusammen etwa ein Fünftel des gesamten Strombedarfs hierzulande decken. Hinzu kommt, dass die Betreiber von Kraftwerken, die fossile Brennstoffen einsetzen, für CO2-Emissionszertifikate heute deutlich tiefer in die Tasche greifen müssen als vor einem Jahr. Die aktuellen Preise für die Verschmutzungsrechte sind binnen zwölf Monaten um gut 50 Prozent gestiegen.

Ferner sind nach Einschätzung von Experten die Spätfolgen des europäischen Hitzesommers noch immer zu spüren. So kann unter anderem in den Alpen weniger Strom mit Wasserkraft erzeugt werden. Das hat das Angebot an elektrischer Energie insgesamt verknappt. Hier hat sich die Lage zwar im Lauf des Winters entspannt. Laut BDEW lagen im Februar aber die Großhandelspreise gleichwohl um gut ein Drittel höher als im Vorjahresmonat.

Allerdings muss bei all dem beachtet werden, dass Stadtwerke und andere Versorger in der Regel Stromlieferverträge abschließen, die über mehrere Jahre laufen. Kurzfristige Entwicklungen schlagen also nicht immer unmittelbar durch. Deshalb ist es auch möglich, dass einzelne Anbieter die Strompreise senken können.

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