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Stromtrassen müssen instand gehalten werden. Das zahlen auch die Verbraucher:innen. Imago Images

Strompreise steigen

Strom wird immer teurer

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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In kaum einem anderen Land der Welt zahlen Privathaushalte so viel für elektrische Energie wie in Deutschland. Jahr für Jahr steigen die Preise weiter, auch 2020 und 2021

Die Stromnetzgebühren steigen im nächsten Jahr auf ein Rekordniveau. Viele Haushalte müssen deshalb mit höheren Ausgaben für die elektrische Energie rechnen. Die Aufschläge fallen besonders heftig in Berlin und im Südwesten der Republik aus. Dies geht aus Berechnungen des Vergleichsportals Verivox hervor, die dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) vorliegen. Ein Haushalt, der pro Jahr 4000 Kilowattstunden verbraucht, muss demnach 2021 durchschnittlich 292 Euro netto (ohne Mehrwertsteuer) für die Durchleitung des Stroms bezahlen. Das sind noch einmal etwa drei Euro mehr als in diesem Jahr. Zuletzt wurde heftig über das hohe Niveau der hiesigen Strompreise diskutiert.

Regional sind die Unterschiede stark. Die größte Verteuerung mit neun Prozent wird es in der Hauptstadt geben. Sieben und fünf Prozent mehr schlagen im Saarland und in Rheinland-Pfalz für die Verbraucher zu Buche – Verivox hat die Entgelte auf Grundlage der aktuellen Veröffentlichungen der Netzbetreiber berechnet. In Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hessen würden die Entgelte leicht sinken; dabei handelt es sich allerdings jeweils um Durchschnittswerte. Es kann also auch dort Erhöhungen geben.

Die zulässigen Gebühren werden von der Bundesnetzagentur für jeden der mehr als 800 regionalen Netzbetreiber separat genehmigt. Maßgeblich sind Kosten, die die Unternehmen – zumeist Stadtwerke – für die Unterhaltung und den Ausbau der Infrastruktur aufwenden müssen. In jeder Region gibt es immer nur einen Betreiber.

Das Niveau der Entgelte ist im Norden der Republik besonders hoch. Spitzenreiter ist laut Verivox auch 2021 wieder Schleswig-Holstein mit jährlichen Kosten von rund 383 Euro bei einem Verbrauch von 4000 Kilowattstunden. Dies hat auch damit zu tun, dass wegen des Ausbaus der Windenergie hohe Investitionen in die Netze notwendig waren.

In diesem Jahr sind die Netzentgelte im Bundesdurchschnitt bereits um sechs Prozent gestiegen. Der geringere Aufschlag für 2021 sei deshalb zwar eine gute Nachricht, so der Verivox-Energieexperte Thorsten Storck. „Dennoch kostet das Stromnetz die privaten Verbraucher mehr als jemals zuvor“, fügt er hinzu. Seit 2010 sind die Entgelte in jedem Jahr geklettert. Der Anstieg liege insgesamt bei 30 Prozent.

Zack und es ist dunkel

Stromausfälle sind in Deutschland seltener geworden. Wie die Bundesnetzagentur am Donnerstag in Bonn mitteilte, bekam 2019 jeder Haushalt und jede Firma im Durchschnitt 12,2 Minuten keinen Strom wegen Versorgungsunterbrechungen. Der bundesweite Durchschnittsausfall war damit 1,71 Minuten kürzer als 2018. Als die Regulierungsbehörde mit der Publikation der Statistik im Jahr 2006 begann, dauerte es im Durchschnitt 21,53 Minuten, also fast doppelt so lang wie zuletzt, bis das Licht wieder brannte. Die Situation war in den Bundesländern unterschiedlich – in Berlin lag der Durchschnittswert im vergangenen Jahr bei rund 34 Minuten und im Saarland nur bei 7. Der Negativ-Spitzenwert der Bundeshauptstadt liegt an einem Vorfall im Februar 2019 im Stadtteil Köpenick, wo bei Bauarbeiten Leitungen durchtrennt wurden und daraufhin mehr als 30 000 Haushalte und 2000 Betriebe etwa 30 Stunden ohne Licht, Heizung und Festnetztelefon auskommen mussten. Außer solchen Unfällen sind auch Blitzeinschläge in Umspannwerken ein Grund für Stromausfälle. Netzagenturchef Jochen Homann zeigte sich zufrieden mit der Entwicklung. „Die Stromversorgung in Deutschland war auch 2019 sehr zuverlässig“, erklärte er. „Die Energiewende und der steigende Anteil dezentraler Erzeugungsleistung haben weiterhin keine negativen Auswirkungen auf die Versorgungsqualität.“ dpa

Die Netzgebühren sind seit geraumer Zeit hochumstritten. Experten haben der Bundesnetzagentur immer wieder Intransparenz bei der Festsetzung der zulässigen Entgelte vorgeworfen. Sie sind inzwischen zum größten Einzelposten der Stromrechnung geworden.

Nach aktuellen Erhebungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) machten sie im ersten Halbjahr 2020 im Schnitt rund 28 Prozent des Strompreises aus, der für private Haushalte bei knapp 32 Cent je Kilowattstunde lag, das waren 6,8 Prozent mehr als im zweiten Semester 2019. Die Strompreise für Haushalte zählen zu den höchsten weltweit. Wobei für die Energieerzeugung und den Vertrieb nur 6,6 Cent anfallen. Steuern, Abgaben und Umlagen machen hingegen stolze 16,4 Cent aus.

Wie sich die Strompreise im nächsten Jahr im Detail verändern, ist derzeit noch nicht klar. Stadtwerke und andere Versorger haben noch bis Mitte November Zeit, um ihre Kunden über die neuen Preise zu informieren. Verivox-Experte Storck rechnet damit, dass in Gebieten mit stark steigenden Netzgebühren die Endpreise ebenfalls in die Höhe gehen. Anderswo würden die Tarife „voraussichtlich auf hohem Niveau stagnieren“.

Hintergrund: Die Bundesregierung hat im Zuge ihrer Konjunkturprogramme beschlossen, einen anderen wichtigen Posten fürs nächste Jahr einzufrieren: Die EEG-Umlage, die den Ausbau der Erneuerbaren Energien finanziert, wird 6,5 Cent pro Kilowattstunde betragen. Das sind 0,25 Cent weniger als in diesem Jahr.

Für die Kalkulationen der örtlichen Versorger kommen aber noch eine Reihe weiterer Faktoren ins Spiel. Ein Element ist die Beschaffungsstrategie der Unternehmen. In der Regel kaufen sie den Strom mit gestaffelten Lieferverträgen ein. Ein Teil des Bedarfs wird mit langfristigen Kontrakten gedeckt. Ein anderer Teil wird kurzfristig an den Börsen eingekauft. Aber auch die Konkurrenzsituation und die Kundenstruktur spielen eine große Rolle: Stromkunden haben bei Preiserhöhungen zwar immer ein Sonderkündigungsrecht. Ältere Menschen sind beim Wechsel des Stromanbieters aber eher vorsichtig. Hinzu kommt, dass Stadtwerke vielfach hohe Einnahmen im Stromgeschäft benötigen, um andere Angebote wie etwa den öffentlichen Personennahverkehr zu subventionieren.

Klimaschützer und Energieunternehmen fordern, Strom von den hohen Steuern und Abgaben zu entlasten, um ihn deutlich billiger machen zu können. Das soll dabei helfen, den Einsatz von Benzin und Diesel, Heizöl und Gas zurückzudrängen und Elektroautos und Wärmepumpen attraktiver zu machen. Die Denkfabrik Agora Energiewende hat am Donnerstag eine Studie vorgelegt, derzufolge 2030 rund 14 Millionen E-Pkw auf den Straßen unterwegs sein müssten und die Zahl der installierten Wärmepumpen auf sechs Millionen (2018: eine Million) steigen müsse, um die Klimaziele in zehn Jahren zu erreichen.

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