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Demonstrantinnen vor einer Filiale in der Bremer Innenstadt.

Fast-Food-Kette will umziehen

Streik bei „Nordsee“: Belegschaft wehrt sich gegen Umzug in andere Stadt

  • vonEckhard Stengel
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Beschäftigte der Fischrestaurantkette fürchten um den traditionellen Standort Bremerhaven. Seit über einem Jahr lässt das Unternehmen sie im Unklaren, ob die Zentrale in eine andere Stadt verlegt wird.

  • Belegschaft tritt wegen möglicher Verlegung von „Nordsee“ in den Streik.
  • Konzern sucht nach einem zentraleren Standort wie Hamburg – die Angestellten müssten dann über zwei Stunden fahren.
  • Noch diesen Oktober soll die Entscheidung fallen.

Bremerhaven - „Wir sind Fisch“: So heißt der Slogan der traditionsreichen Fisch-Schnellrestaurantkette „Nordsee“. Aus Sicht der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) müsste der Spruch eigentlich anders lauten: „Wir sind fies“. Denn seit über einem Jahr lässt das Unternehmen die über hundert Beschäftigten der Bremerhavener Hauptverwaltung im Unklaren darüber, ob die Zentrale womöglich in eine andere Stadt verlegt wird.

Aus Protest gegen den drohenden Umzug ist ein Teil der Belegschaft am letzten Septembermontag in den Streik getreten, vorerst unbefristet. Nach vier kürzeren Warnstreiks ist das bereits die fünfte und längste Arbeitsniederlegung seit Februar. Am Montag ging der Ausstand bereits in die dritte Woche.

Streik bei „Nordsee“: Die Entscheidung über den Umzug soll noch im Oktober fallen

Noch 2015 hatte ein damaliger „Nordsee“-Geschäftsführer in einem Interview versichert: „Wir werden mit unserer Zentrale definitiv in Bremerhaven bleiben.“ Das leuchtete ein, denn bald danach bezog die Hauptverwaltung sogar einen eigenen Neubau. Eigentümer des Fischbräters war damals eine gemeinsame Firma des Milchfabrikanten Theo Müller und des Ex-Großbäckers Heiner Kamps. Doch 2018 übernahm der Schweizer Investor Kharis Capital das 1896 gegründete Traditionsunternehmen. Seitdem scheint Standorttreue keine Rolle mehr zu spielen.

Ein möglicher Umzug kam erstmals im Herbst 2019 ins Gespräch. Denn die Filialkette wollte sich nicht länger zwei Verwaltungsstandorte leisten: den angestammten Sitz in Bremerhaven und einen weiteren, kleineren in Düsseldorf. Beide sollten zusammengelegt werden, wo auch immer. Tatsächlich wurde Ende Juni die Verwaltung am Rhein aufgelöst und ihr Aufgabengebiet an die Weser verlegt.

Streik bei „Nordsee“: Belegschaft fordert Sozialtarifvertrag

Doch der Stammsitz ist damit noch nicht aus dem Schneider. Denn der Konzern prüft weiterhin einen Umzug an einen zentraleren Ort, vorzugsweise Hamburg, wie Sprecher Torsten Rössing auf Anfrage der FR bestätigt. Nach den „verheerenden“ Umsatzeinbrüchen durch die Corona-Krise müsse das Unternehmen jetzt „zukunftsfest“ gemacht werden, und dazu gehöre womöglich auch ein Standort, an dem leichter Digital-Spezialisten zu finden seien und wo es einen Flughafen gebe. Insgesamt seien etwa 20 Faktoren zu bedenken. Die Entscheidung falle wohl noch im Oktober.

Bei einer Verlegung nach Hamburg müssten die Angestellten mehr als zwei Stunden pro Richtung pendeln oder sich eine neue Wohnung suchen oder ganz aussteigen – alles keine angenehmen Aussichten. Deshalb streiken einige von ihnen jetzt für ihren Stammsitz, aber vorsichtshalber auch für Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag, mit dem sich die Folgen einer Verlegung abmildern ließen, etwa durch hohe Abfindungen.

„Nordsee“-Belegschaft streikt: Geschäftsleitung will Gespräche mit Betriebsrat

Das sei „wie ein Sicherheitsgurt“, erläutert Gewerkschaftssekretär Moritz Steinberger. Bei anderen Firmen, etwa beim Brauereikonzern AB Inbev, gebe es auch einen solchen Vertrag, der immer dann greife, wenn es zu Eingriffen in die Personalstruktur komme.

Die Geschäftsleitung spricht zwar mit dem Betriebsrat und bietet auch der NGG Gespräche an, will aber nicht über einen vorsorglichen Vertrag „für alle Fälle“ verhandeln. Erst wenn tatsächlich ein Wegzug feststehe, „werden wir einen Sozialtarifvertrag erwägen“, so Rössing. Dann allerdings könnte es schon zu spät sein, um für die Belegschaft erträgliche Bedingungen herauszuholen, fürchtet Eckard Tants, Chef des Betriebsrats der Hauptverwaltung. Deshalb der Streik.

„Nordsee“: Firmenleitung zeigt wenig Verständnis für den Streik

Bei der Firmenleitung stößt der Arbeitskampf auf Unverständnis: „Statt aktiv an dem Entscheidungsprozess mitzuwirken, lehnt die NGG unser Gesprächsangebot weiter ab und zieht den Kampf vor.“ Gewerkschafter Steinberger wiederum hält das Vorgehen des Konzerns für einen „neoliberalen Albtraum“, wie er im Gespräch mit der FR sagt.

Laut Rössing sind 102 Angestellte in der Zentrale beschäftigt; aus verschiedenen Gründen seien derzeit aber nur rund 70 vor Ort. Etwa 20 von ihnen hätten die Arbeit niedergelegt. Betriebsrat Tants spricht von 20 bis 25. Andere würden gerne auch mitmachen, glaubt Tants, „aber sie trauen sich nicht“.

Auch Mitarbeiter*innen aus dem öffentlichen Dienst in Frankfurt streiken. Die Gewerkschaft Verdi fordert für die 2,3 Millionen Beschäftigten des öffentlichen Dienstes von Bund und Kommunen unter anderem eine Anhebung der Einkommen um 4,8 Prozent

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