Gastwirtschaft

Strategisch scheinheilig

Wir wünschen uns, dass skandalträchtige Unternehmen aufrichtiger werden. Aber können sie das überhaupt?

Von Marcel Schütz

.Egal ob Bank oder Supermarkt: In Personalangelegenheiten erregen routiniert skandalöse Firmen schnell Empörung. Für eine reine Weste tragen sie deshalb immer dicker auf. In Hochglanzbroschüren zeigen sie strahlende Gesichter und ausgerechnet jene Firmen, die mit großen Imagedefiziten zu kämpfen haben, stellen sich in stoischer Gelassenheit trotzdem offensiv positiv dar.

Sie haben es auch nötig, denn von Bagatellkündigungen wegen Bleistift-, Frikadellen- und Pfandbonverlust über Bespitzelung bis hin zu Lohndumping gibt es stets reichlich Ärger.

Solche Fassadenhaftigkeit brüskiert. Statt Schein und Sein werden Transparenz und Moral gefordert. Im Vorwurf der Fassaden liegt die treffende Beschreibung der Außenseite „problematischer“ Firmen. Der schwedische Organisationsforscher Nils Brunsson (The Organization of Hypocrisy, 1989) hat in puncto Imagepflege auf den Nutzen von Heuchelei hingewiesen. Schließlich werden mit der Betriebsgröße soziale Ansprüche vielseitiger: perfekte Arbeitsbedingungen, Umwelt schützen, Investoren füttern, Gemeinnütziges fördern, bester Kundenservice zum kleinen Preis. Wachsende Zielkonflikte führen zu Heuchelei.

Für das Problem der Heuchelei gibt es keine einfachen Antworten. In die Enge getrieben, errichten Großbetriebe neue Fassaden, die die Brüchigkeit der alten glätten. Das nützt, solange die medialen Scheinwerfer auf die Beklagten Verhältnisse gerichtet sind – ein meist kurzfristiger Zustand.

Zwar könnten reduzierte Ansprüche helfen, Heuchelei zu dämpfen. Dazu gehörte dann aber auch die Einsicht, dass die Kunden und die Beschäftigten Heuchelei selbst fördern und von ihr profitieren, weil alle Scheinheiligkeit sie nicht davon abhält, als Käufer oder Bewerber morgen wieder da aufzukreuzen, wo sie gestern noch Lug und Trug monierten.

Auch Skandal-Firmen täten gut daran, sich ab und an die Frage zu stellen, ob man sich mit Hochglanzlächeln nicht eigentlich zum Affen macht. Da lauert nur schon der nächste Konflikt, wollen doch auch die innerbetrieblichen Putzkolonnen sich nützlich machen, was ihnen am besten bei der Fassadenreinigung für neue Kunden und Kollegen gelingt. Und die Umworbenen wollen auch nicht immer so ganz genau wissen, was sich hinter manch hübscher Fassade so alles verbirgt.

Der Autor ist Organisationsforscher an der Universität Oldenburg.

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