Protest gegen die Olympischen Spiele bei Shinzo Abes Besuch.
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Protest gegen die Olympischen Spiele bei Shinzo Abes Besuch.

Fukushima

Strahlende Olympiafackel?

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Greenpeace misst radioaktive Hotspots in dekontaminierten Zonen um Fukushima.

Alles im Griff in Fukushima und Umgebung - diesen Eindruck möchte Japans Regierung erwecken. Schließlich sollen unter anderem auch in der Region des Super-GAU-Reaktors in diesem Sommer Wettbewerbe der Olympischen Spiele ausgetragen werden. Die Umweltorganisation Greenpeace allerdings hat nun Strahlenmesswerte veröffentlicht, die diesem Eindruck widersprechen. Die Atomkatastrophe fand nach einem Tsunami am 11. März 2011 statt, vor genau neun Jahren.

Greenpeace stellte nach eigenen Angaben „Hotspots“ von Radioaktivität auch in Gebieten fest, die schon vor Jahren wieder für die Besiedelung freigegeben wurden. Sogar auf dem früheren Trainingszentrum des japanischen Fußballverbands, von dem Ende März der traditionelle Fackellauf mit dem olympischen Feuer starten soll, sei sehr hohe Strahlung gemessen worden. In dem Zentrum waren nach dem Super-GAU Arbeiter untergebracht, die in dem Kraftwerk Aufräumarbeiten durchführten.

Durch den von einem Seebeben ausgelösten Tsunami kamen 2011 mehr als 18 500Menschen ums Leben. Die dadurch ebenfalls ausgelöste Kernschmelze im Kraftwerk Fukushima Daiichi forderte keine unmittelbaren Todesopfer. Nach offiziellen Angaben starben in der Folge des Super-GAU jedoch über 3700 Menschen aus der Region an Krankheiten, die auf das Unglück zurückgeführt wurden. Mehr als 100 000 Menschen wurden aus der verstrahlten Region evakuiert.

In dem Bezirk wurden nach 2011 große Flächen mit kontaminiertem Erdreich abgetragen, um sie bewohnbar zu machen. Dass die Strahlenwerte dort nach den Greenpeace-Messungen teils wieder deutlich angestiegen sind, führt die Organisation auf die Folgen von Taifun Hagibis zurück, der im Oktober 2019 Japan traf. Starkregen habe radioaktives Cäsium aus den nicht dekontaminierten Wäldern in der Region auf gereinigte Flächen gespült. Stellenweise lägen die Messwerte dort zigfach über dem gesundheitlich unbedenklichen Wert. Greenpeace forderte neue Messungen der Behörden.

Andere Strahlenexperten sehen die Situation weniger dramatisch. Obwohl die Werte in den Hotspots hoch seien, bestehe generell „kein Risiko für gesundheitliche Auswirkungen“, sagte Koichi Tanigawa, Krankenhaus-Direktor in Fukushima. Strahlung sei nicht harmlos, aber es komme auf die Expositionsdosis an.

Das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz gab unterdessen Entwarnung für Besucher der Olympischen Spiele und bezog sich dabei auf „internationale Angaben“, denen zufolge „die Strahlenbelastung in der Region deutlich gesunken ist“. Bei einem einwöchigen Aufenthalt in Fukushima City sei man beispielsweise einer Belastung ausgesetzt, die einem Flug Frankfurt-Tokio entspreche. Zudem befänden sich die meisten Spielstätten im Raum Tokio, also fernab der Sperrzone. Auch der Verzehr von in Fukushima erzeugten Nahrungsmitteln trage „kaum noch zu zusätzlicher Strahlenbelastung bei“.

Japans Premierminister Shinzo Abe besuchte am vorigen Wochenende die Fukushima-Region, um der Opfer des Tsunami und der Atomkatastrophe zu gedenken. Die Regierung in Tokio will die Zuwanderung in die Region anreizen und zu diesem Zweck Subventionen erhöhen, wie der Sender NHK berichtete.

Tatsächlich misstrauen viele frühere Bewohner des Bezirks den offiziellen Angaben über geringe Strahlenbelastung. Die meisten Evakuierten wollen bisher nicht in ihre Heimatorte zurück. Viele haben in der Zwischenzeit in anderen Regionen ein neues Zuhause gefunden oder sie fürchten weiterhin die Strahlung am früheren Wohnort.

Ein Ende der Arbeiten in der Ruine des Kraftwerks ist unterdessen nicht absehbar. Derzeit wird stark strahlender Brennstoff aus einem der drei Reaktoren geholt und beseitigt, in denen es zur Kernschmelze gekommen war. Für die beiden anderen Anlagen wurde der Start dieser Operation wegen technischer Probleme auf 2024/2026 respektive 2027/28 verschoben. Ein Abschluss der „Sanierung“ wird nicht vor 2050 erwartet.

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