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Große Kampagnenerfahrung: Detlef Wetzel.
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Große Kampagnenerfahrung: Detlef Wetzel.

Detlef Wetzel

Die Stimme des neuen Prekariats

  • VonEva Roth
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Detlef Wetzel ist neuer Chef der Gewerkschaft IG Metall. Wetzel ist bekannt dafür, sich in besonderem Maß für Leiharbeiter und Beschäftigte mit Werkverträgen einzusetzen.

Detlef Wetzel ist neuer Chef der Gewerkschaft IG Metall. Wetzel ist bekannt dafür, sich in besonderem Maß für Leiharbeiter und Beschäftigte mit Werkverträgen einzusetzen.

Ihre Lohnpolitik wird weltweit beachtet, ihr Einfluss auf die Politik ist beträchtlich, ihr Vorsitzender prägt das Image der Gewerkschaften: Die IG Metall ist die größte und mächtigste Arbeitnehmer-Organisation Europas. Heute hat sie einen neuen Chef gewählt: Detlef Wetzel. Wetzel erhielt am Montag auf dem außerordentlichen Gewerkschaftstag in Frankfurt 75,5 Prozent der Stimmen.

Berthold Huber tritt ab. Der zierliche Schwabe hat mit seinem nachdenklichen Auftreten Gewerkschaftskritiker besänftigt und dafür gesorgt, dass die IG Metall als pragmatische, vernünftige Organisation gilt. Wie tickt der Neue, und was ist von ihm zu erwarten?

Die Entdeckung des Prekariats

Über Jahre lautete ein Standardvorwurf an die IG Metall: Die Gewerkschaft kümmert sich doch nur um Facharbeiter, die sowieso einen sicheren und gut bezahlten Job haben! Das kann man ihr heute nicht mehr vorwerfen. Das ist auch Detlef Wetzels Verdienst. Er hat zäh darum gekämpft, dass prekär Beschäftigte besser bezahlt und behandelt werden, besonders die Zeitarbeiter.

Vor sechs Jahren startete er eine Leiharbeiter-Kampagne, prangerte die schlechte Bezahlung an, machte der Politik Druck und initiierte betriebliche Aktionen. Mit Erfolg: Zunächst setzte die IG Metall in 1200 Firmen durch, dass Leiharbeiter mehr Geld erhalten, dann erzielte sie einen Tarifabschluss für die kleine Stahlindustrie und schließlich auch für die große Metall- und Elektroindustrie. Seit einem Jahr erhalten Zeitkräfte, die dort arbeiten, Branchenzuschläge, die nach neun Monaten auf 50 Prozent ihrer Grundvergütung steigen.

Die Metall-Arbeitgeber zollen Wetzel für diese Erfolge Respekt: „Er ist ein hervorragender Organisator mit großer Kampagnenerfahrung“, sagt Gesamtmetall-Chef Rainer Dulger, und schiebt dann doch eine spitze Bemerkung hinterher: „Das war schon beeindruckend, wie er die Zeitarbeit in der Metall- und Elektroindustrie zum Thema gemacht hat, obwohl die größten Probleme objektiv in ganz anderen Branchen lagen.“ Darüber lässt sich streiten. Ein Großteil der Leiharbeiter ist in der Produktion – und damit in der Industrie – im Einsatz.

Rund eine Million Leiharbeiter

Wetzel wird jedenfalls weitermachen, prekäre Beschäftigung bleibt ein Top-Thema. Derzeit kämpft die IG Metall gegen Lohndumping und schlechte Arbeitsbedingungen durch Werkverträge. „Es kann nicht angehen, dass die Metall- und Elektroindustrie ihre Wettbewerbsfähigkeit über niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen sichert“, sagt Wetzel der FR. Seine Gewerkschaft hat Betriebsräte befragt und schätzt, dass in der Vorzeige-Branche Deutschlands rund eine Millionen Leiharbeiter und Werkvertrag-Arbeitnehmer tätig sind.

Damit seien nicht Handwerker gemeint, die über einen Werkvertrag Büros renovieren, so Wetzel. Vielmehr gehe es um Tätigkeiten, die ausgelagert wurden, um Personalkosten zu sparen und Jobs ohne Einschränkung auf- und abbauen zu können: etwa die Vormontage von Autoteilen, die Wartung von Maschinen oder Ingenieurs-Dienstleistungen. Den Vorwurf der Unternehmer, das sei Schwarzmalerei, kontert er: „Die deutschen Arbeitgeber wollen sich ihr Geschäftsmodell nicht kaputt machen lassen, jederzeit gut bezahlte durch schlecht bezahlte Arbeit ersetzen zu können.“

Unterstützung fordert Wetzel von der neuen Bundesregierung: „Die Politik muss den Missbrauch von Leiharbeit beenden.“ So sollten Betriebsräte bereits vor der Einstellung von Werkvertrag-Arbeitnehmern beteiligt werden und widersprechen können. Außerdem sollten Betriebsräte bei Outsourcing mitreden können. Zudem müsse es einfacher werden, Tarifverträge für allgemeinverbindlich zu erklären. Für Firmen wäre es damit schwieriger, sich Wettbewerbsvorteile über niedrige Löhne zu verschaffen, weil alle Unternehmen einer Branche nach Tarif zahlen müssten.

Moderate Lohnpolitik fürs Stammpersonal

Wetzel geht die Arbeitgeber schon mal scharf an, er formuliert deftiger als Berthold Huber, der es differenziert mag. Doch die Arbeitgeber nehmen es gelassen. „Ich kenne ihn seit langer Zeit“, sagt Horst Werner Maier-Hunke, Chef der Metall-Arbeitgeber in Nordrhein-Westfalen. Wetzel war zunächst IG-Metall-Chef in Siegen und später Bezirksleiter in NRW und hat mit Maier-Hunke Tarifverhandlungen geführt. Er habe Wetzel in den Gesprächen als „sehr sachlich und vertrauenswürdig“ erlebt, sagt der Unternehmer.

Trotz aller starken Worte – die Lohnpolitik der IG Metall ist viel moderater als es manchmal scheint. So sind die Tariflöhne der Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie seit der Jahrtausendwende pro Jahr im Durchschnitt um 2,6 Prozent gestiegen. Das ist weniger als viele vermuten, schließlich liegen die Tarifabschlüsse oft über drei Prozent. Der Trick: Die Tarifverträge laufen häufig länger als ein Jahr, was die jährliche Tarifsteigerung senkt. An diesem moderaten Kurs dürfte die Gewerkschaft festhalten. Für die Tarifpolitik zuständig ist künftig vermutlich Jörg Hofmann, der als Vize-Chef nominiert ist. Er ist bislang IG-Metall-Chef in Baden-Württemberg und ein erfahrener Tarifpolitiker.

Der große Umbau

Die IG Metall leidet wie viele Gewerkschaften unter Mitgliederschwund. Diesem Trend muss sie sich entgegenstemmen. Denn nur mit vielen Mitgliedern bleibt sie stark und mächtig. Damit dies gelingt, muss die Organisation umgebaut und effizienter werden. Mit diesen Zielen ist Wetzel 2007 als IG-Metall-Vize angetreten und hat sich anschließend ans Werk gemacht. Die Zentrale in Frankfurt wurde verkleinert, jetzt gibt es dort noch 435 Stellen. Insgesamt wurden rund 150 Stellen in der Vorstandsverwaltung abgebaut.

Die frei gewordenen Mittel wurden nicht eingespart, sondern in einen Fördertopf umgeleitet: 20 Millionen Euro stehen nun jährlich zur Verfügung, um Projekte und Verwaltungsstellen zu finanzieren. In Ulm hat sich beispielsweise ein Funktionär über Jahre ausschließlich darum gekümmert, Belegschaften bei der Betriebsrats-Gründung zu unterstützen. In acht Firmen ist dies gelungen. Künftig betreut er die Betriebsräte. Andere Projekte versuchen gezielt, Ingenieure oder Frauen als Mitglieder zu gewinnen. Die Projekt-Mitarbeiter haben in der Regel eine feste Stelle, heißt es bei der IG Metall, ihre Aufgabe ist befristet, nicht ihr Job.

Sein Ziel hat Wetzel erreicht: Die IG Metall hat 2011 und 2012 erstmals seit vielen Jahren wieder einen Mitgliederzuwachs verbucht. (mit rtr)

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