In den Cockpits der Formel E sitzen inzwischen einige prominente ehemalige Formel-1-Fahrer.
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In den Cockpits der Formel E sitzen inzwischen einige prominente ehemalige Formel-1-Fahrer.

Motorsport

Stille Raserei

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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In der Formel E gibt es kein Motorendröhnen, dafür hochmoderne Elektro-Autos. An dem Rennen beteiligen sich immer mehr Autobauer und bekannte Sponsoren.

Der Tag vor dem Rennen: Ein Mechaniker schleppt Reifen. Ein anderer bringt Frontflügel zum Audi-Zelt. Ein Techniker schraubt an der Bremsanlage eines aufgebockten Boliden, der noch keine Räder hat. Im Fahrerlager liegt ein sprachliches Gemisch aus Englisch, Französisch und Italienisch in der Luft. Echte Rennsportatmosphäre auf dem ehemaligen Tempelhofer Flughafen. Doch etwas fehlt: Das Röhren der Motoren und Geruch von verbranntem Benzin. Denn in Berlin findet am Samstag die Raserei mit E-Autos statt. Formel E heißt die Rennserie. 

Sie entwickelt sich zur großen Marketingmaschinerie der Elektromobilität. Mit Audi, Renault, Jaguar und der französischen PSA-Marke DS sind schon in dieser Saison, die bis Juli läuft, vier große Konzerne in der Startaufstellung. Das Rennen in der Hauptstadt wird am Samstag um 18 Uhr gestartet und live in der ARD übertragen – eine Premiere für das deutsche Fernsehen.

Auch BMW macht mit. Die Münchner sind bislang aber nur als „technischer Partner“ des Andretti-Teams aktiv. In der Saison 2018/2019, die im Dezember beginnt, kommt BMW aber als eigenständiges Werksteam hinzu. Ein Jahr später dann auch Porsche und Mercedes. Die beiden Marken ziehen sich aus anderen Motorsport-Veranstaltungen zugunsten der Formel E zurück. Und damit treten erstmals überhaupt alle vier deutschen Premiumhersteller in einer Rennserie gegeneinander an. Hinzu kommen viele bekannte Fahrer. Dazu zählt der Ex-Formel 1-Pilot Nick Heidfeld. In der nächsten Saison wird zudem Filipe Massa mitmachen, der jahrelang für Ferrari in der Königsklasse des Motorsports aktiv war. 

Alle ursprünglichen Erwartungen, die man sich zu Beginn vor vier Jahren gemacht habe, seien weit übertroffen worden, sagt Alejandro Agag, Chef der Formel E, die unter dem Dach der FIA, der Fédération Internationale de l’Automobile, ebenso wie die Formel 1 organisiert wird. Der Aufschwung der Rennserie ist kein Zufall. 2019 wird das Jahr, in dem die großen Hersteller viele neue E-Auto-Modelle auf die Straße bringen wollen. 

Es gehe darum, für die E-Mobilität zu werben und vor allem die emotionale Seite des Fahrens mit den E-Autos zu demonstrieren, sagt ein BMW-Sprecher. Die Münchner wollen ihr Motto von der Freude am Fahren auf die Stromer übertragen. Dies auch bei eingefleischten Motorsportfans zu erreichen, ist gar nicht so einfach. Denn das Dröhnen der Motoren ist da ein essentielles Merkmal. Auf der Tempelhofer Rundstrecke ist aber nur ein hochfrequentes Surren zu hören, das an Spielzeug-Rennwagen erinnert. Tatsächlich wurde von Formel-E-Machern einst darüber nachgedacht, die Autos mit Motorsound-Systemen auszustatten. Es wurde verworfen, wohl weil man nicht als Imitat der Verbrenner im Kreis herumfahren wollte. 

Gleichwohl kehrt der Motorsport mit der Formel E auch an seine Wurzel zurück. Vor mehr als 100 Jahren wurden die Rennen erfunden, um die Zeitgenossen von den Qualitäten des Automobils gegenüber der Kutsche zu überzeugen. Neuen Pioniergeist kann man im Tempelhofer Fahrerlager spüren. Die Boxen der Teams sind keine hochsterilen, abgeschirmten Hightechlabore wie in der Formel 1. Die Teams müssen in Zelten zurechtkommen. Den Technikern konnte man am Freitagvormittag beim Schrauben zuschauen. 

Zugleich wird mit Hightech hantiert. Die Wagen in dieser Saison sind aerodynamisch den Formel-1-Boliden verwandt. Allerdings bewegt sich die Leistung der E-Motoren mit rund 270 PS in einer straßentauglichen Dimension. Kernkomponente ist eine 230 Kilogramm schwere Batterie. Ihre Ladekapazität von 28 Kilowattstunden macht es nötig, zur Hälfte des einstündigen Rennens den Wagen zu wechseln. Die Boliden schaffen es auf eine Spitzengeschwindigkeit von gut 220 Stundenkilometern. 

Doch Top-Speed sei auch gar nicht so entscheidend. In der Formel E würden Rennen ausgetragen, bei denen es um Effizienz und das beste Energiemanagement gehe, sagt Max Viessmann, Chef des gleichnamigen Heizungsherstellers, der in dieser Saison als neuer Sponsor der Formel E eingestiegen ist. Auch bei den Viessmann-Heizungen gehe es um Energieeffizienz. Auf ähnliche Formen des Imagetransfers hoffen auch die anderen Sponsoren der Formel E: Der schweizerisch-schwedische Anlagenbaukonzern ABB ist auch einer der weltgrößten Betreiber von Ladesäulen für E-Autos. 

Die Manager setzen auf ein neues lukratives Geschäftsfeld, die Formel E soll es anschieben. Ähnlich dürfte die Motivationslage beim italienischen Energiegiganten Enel sein, der verstärkt auf Erneuerbare setzt. DHL, der Paketdienst der Deutschen Post, will nachhaltige Konzepte bei der Zustellung umsetzen – vor dem E-Rennen in Berlin hatte Nick Heidfeld einen Fototermin mit einem DHL-Streetscooter. Das ist ein elektrischer Lieferwagen, den DHL im großen Stil einsetzen will. Aber auch Qualcomm, weltgrößter Hersteller von Chips für Smartphones, der Modekonzern Boss und die Allianz setzen darauf, mit der modernen Form der Autorennen in Verbindung gebracht zu werden. 

Die Formel E als Motorsport des 21. Jahrhunderts? Auf der offiziellen Seite kann man viel über Nachhaltigkeit und verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen lesen. Dazu zählt unter anderem auch, dass die Rennen in Metropolen stattfinden. Der Fan kann mit Bussen und Bahnen zur Rennstrecke kommen. In dieser Saison wurde unter anderem in Paris und Rom gefahren. Es folgen noch Zürich und New York.

Der Strom für die Autos wird in einem speziellen Verfahren erzeugt. Er kommt von der britischen Firma Aquafuel. Die karrt umgebaute Dieselgeneratoren an jede Rennstrecke. Diese funktionieren mit Glyzerin. Das ist ein Nebenprodukt der Erzeugung von Biodiesel. Das Glyzerin ist hochrein, verbrennt ohne Rauch und mit extrem wenig Abgasen. 

„Uns war wichtig, dass das gesamte Konzept stimmig ist“, sagt der BMW-Sprecher. Deshalb habe man sich nun zum verstärkten Engagement entschlossen. Zum Konzept für die nächste Saison zählt auch, dass mit ganz neuen Autos gefahren wird. Sie sollen sich designtechnisch von allem Bekannten aus dem Autorennsport abheben. Die Fahrzeuge werden mit deutlich stärkeren Batterien ausgestattet. Das erlaubt Höchstgeschwindigkeiten von maximal 280 Stundenkilometern. Autowechsel auf halber Strecke sind nicht mehr nötig. Das sei wichtig, so der BMW-Sprecher. Man wolle auch zeigen, dass die Elektro-Fahrzeuge über eine ausreichende Reichweite verfügen. 

Für BMW ist die Verknüpfung mit den Autos der i-Serie für die Straße wichtig – deren Modellpalette soll in den nächsten Jahren ausgebaut werden. Deshalb kehrt der Sprecher des Autobauers auch das Thema Technologietransfer hervor: Der Antriebsstrang für die Formel E und Antriebsstränge für BMW i würden in der gleichen Abteilung entwickelt. „Davon profitiert die Serienentwicklung der nächsten BMW-i-Modelle.“ Rennfahrerei als Entwicklungslabor für den Alltagsbetrieb: Damit wurde schon vor 100 Jahren der Motorsport gerechtfertigt. 

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