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Eine Bahn-Mitarbeiterin umringt von Reisenden mit etlichen Fragen.

Streik bei der Bahn

Stille Helden im Chaos

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    Oliver Teutsch
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Wenn die Eisenbahngewerkschaft streikt, müssen die Service-Mitarbeiter der Bahn die Wut der Reisenden abfangen.

Es ist nicht einfach an diesem Morgen, von der Konstablerwache zum Frankfurter Hauptbahnhof zu kommen. Auf dem S-Bahnsteig drängen sich die Menschen, doch nur wenige Züge fahren. Die S4 nach Kronberg, die schließlich hält, hat 23 Minuten Verspätung. Die Leute stürmen die Bahn. Kollektives Aufstöhnen. Es ist der Morgen des Bahnstreiks.

Die riesige Anzeigetafel hat an diesem Morgen wenig zu bieten. Wo sonst Abfahrtszeiten und Destinationen über die Anzeige flirren, steht nur eine einzige Botschaft: „Streik, kein Zugverkehr voraussichtlich bis 9 Uhr“. Unten vor dem Servicepoint hat sich eine Schlange gebildet, die bis zu den Gleisen zurückreicht.

Die stillen Helden dieses Morgens sind die Service-Mitarbeiter der Bahn. Sie müssen sich einem Ansturm besorgter, wütender, genervter Reisender stellen, sie verteilen Stapel von vorgedruckten Verspätungsbescheinigungen. „Für den Arbeitgeber“, sagt einer von ihnen knapp. Fragen prasseln auf die Männer in den blauen Uniformen ein: „Wann bin ich in Gießen?“, oder, als Aufschrei: „Ich muss nach Stuttgart!“

Ein älteres Paar, elegant gekleidet, ist stinksauer. „Ich habe keinerlei Verständnis für den Streik, 7,5 Prozent ist eine horrende Forderung“, sagt der Mann genervt. Die beiden wollen nach München, zur abendlichen Opern-Aufführung von „Otello“. Doch der Zug, in dem sie Plätze reserviert hatten, fällt aus. Das Mittagessen, das die beiden in einem Restaurant in der Innenstadt fest gebucht hatten, können sie vergessen. „Wird mir die Gewerkschaft das jetzt bezahlen?“, fragt die Frau empört.

Warnstreik der EVG sorgt für Chaos

Unter den Reisenden, die anstehen, ist auch ein junger Mann in einer gelben Streikweste der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). In seiner Hosentasche steckt eine blaue Plastiktröte. „Nein, ich arbeite nicht für die EVG“, sagt Yannic Fux. Er habe sich nur unter die Streikenden eingereiht und sich die Weste angezogen. Die Laune des 19-Jährigen ist gut, schließlich hat ihm der Ausstand einen freien Tag beschert. Der Berufsschüler hätte eigentlich um sieben Uhr in Gelnhausen sein müssen, aber das war nicht zu schaffen. Vier Mal hat er angerufen, bis ihm die Schulleitung schließlich freigab. Seine Schulkameradin Sharon hat weniger Glück. Sie muss noch nach Gelnhausen, braucht aber erst mal die Bescheinigung der Deutschen Bahn, dass gestreikt wurde.

Birgit Heimes hat ihren Anschlusszug nach Nordrhein-Westfalen verpasst, ihr beruflicher Termin fällt aus. „Ich finde das jetzt echt bescheiden“, seufzt sie. Doch sie hat auch Verständnis für den Streik. „Die Bahn hat in der Vergangenheit vieles versäumt, es wurde zu wenig investiert.“

Die Berufsschüler Marcel Steinebach und Sebastian Ruppert haben sehr lange gebraucht, um wenigstens den Hauptbahnhof zu erreichen. „Ich saß drei Stunden in der Regionalbahn, aber die fuhr nicht ab“, erzählt Steinebach. „In Bad Vilbel ging gar nichts mehr“, sagt Ruppert.

Um kurz vor neun Uhr gibt es Bewegung auf der Anzeigetafel. Die kommenden Zugverbindungen werden angezeigt. Einige Züge fallen aus, die anderen haben große Verspätung. Spitzenreiter ist der ICE 571 nach Stuttgart mit 110 Minuten. Das ist deutlich mehr als die eigentliche Fahrtzeit. Noch sind keine Züge zu sehen, aber es wird jetzt etwas hektischer im Hauptbahnhof. Es gibt wieder Züge zu erwischen und zu verpassen. Berufsschülerin Sharon hat ihre Bescheinigung bekommen. „Ein Warnstreik der EVG von 5 – 9 Uhr am 10.12. führt zu Verspätungen und Ausfällen in der ganzen Region“, steht darauf. Dazu ein Stempel der Deutschen Bahn, fertig ist die Entschuldigung für den Arbeitgeber oder die Schule.

Eva Fahle-Clouth hat ganz andere Sorgen. Sie will nach Brüssel, um von dort den Eurostar nach London zu nehmen. Ihr Zug um 6.27 Uhr fiel aus. „Ich habe von dem Streik gestern Abend erfahren, aber ich wusste nicht, welche Auswirkungen er hat.“ Das wusste die Deutsche Bahn wohl selbst nicht so genau. Denn Fahle-Clouth saß um kurz vor sieben Uhr schon in einem anderen IC Richtung Köln. „Dann kam die Ansage, dass bis neun Uhr gar kein Zug fahren würde, und wir mussten wieder aussteigen.“

Die Bahn ist da, nur der Lokführer nicht

Ein Stockwerk tiefer, wo die S-Bahnen verkehren, ist der Ton schon etwas rauer. Ein Mann in oranger Weste zetert. Seine Schirmmütze weist ihn als Fan des FSV Frankfurt aus, ein Fan der Deutschen Bahn ist er nicht. „Der faule Sack geht jetzt heim“, schimpft er über einen Triebwagenfahrer. Im Gleis 103 steht eine S9 nach Wiesbaden. Das Problem: Es ist kein Lokführer drin. Der habe mit Hinweis auf seine Fahrtzeit, die überschritten sei, den Dienst quittiert und die S-Bahn einfach im Hauptbahnhof stehen lassen. Der FSV-Fan versucht seit 6.45 Uhr, nach Kelsterbach zu kommen, wo er in einer Spedition arbeitet. „Ich hätte um neun Uhr in Gießen sein müssen, jetzt ist es halb zehn und ich habe noch nicht mal geladen“, schimpft der Lastwagenfahrer und legt nach: „Man müsste mal drei Monate kein Ticket kaufen, dann würde der Laden laufen.“

Immerhin findet sich dann doch noch jemand, der die verwaiste S9 aus dem Tunnel fährt. Allerdings leer. Auf Durchsagen warten die Reisenden auf den Gleisen im Tiefbahnhof vergebens. Immerhin fahren ab halb zehn wieder auf allen Gleisen die Züge. Eine Lautsprecherdurchsage hallt über den S-Bahnsteig: „Der Streik wurde beendet – leider kommt es noch zu Einschränkungen im Betrieb der Deutschen Bahn.“ Hohngelächter in der Menge.

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