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Die Margarethe Krupp-Stiftung für Wohnungsfürsorge hat die Gartenstadt Margarethenhöhe in Essen von 1909 an gebaut.
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Die Margarethe Krupp-Stiftung für Wohnungsfürsorge hat die Gartenstadt Margarethenhöhe in Essen von 1909 an gebaut.

Stiftungen

„Stiftungen sind wichtige Akteure“

  • Nina Luttmer
    VonNina Luttmer
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Kirsten Hommelhoff, Generalsekretärin des Bundesverbands Deutscher Stiftungen, über Erfolge ihres Verbands, Unterschiede zwischen Ost und West und fehlende Stifterinnen.

Am Freitag war der europaweite Tag der Stiftungen, der jedes Jahr am 1. Oktober stattfindet. Viele Stiftungen geben der Öffentlichkeit an diesem Tag Einblick in ihre Arbeit. „Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung weiß, was Stiftungen über Jahrhunderte hinweg für die Gesellschaft leisten. Das wollen wir ändern“, sagt Kirsten Hommelhoff, Generalsekretärin des Bundesverbands Deutscher Stiftungen. Der Tag der Stiftungen verleihe dem Engagement der Organisationen Sichtbarkeit und erhöhe die Reichweite ihres Tuns. Im Interview spricht Hommelhoff über die aktuellen Herausforderungen für Stiftungen und die kürzlich verabschiedete Reform des Stiftungsrechts.

Frau Hommelhoff, mit dem Begriff Stiftung verbinden viele Menschen die großen, kapitalstarken Organisationen wie die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach- oder die Bertelsmann-Stiftung. Dabei haben laut Angaben Ihres Verbands etwa 63 Prozent der deutschen Stiftungen weniger als eine Million Euro Stiftungskapital. Ist in den Köpfen der Leute also eine falsche Vorstellung dieser Einrichtungen verankert?

Ja, das stimmt. Die meisten Menschen denken wohl erst einmal an die großen Stiftungen. Dabei ist das Tolle am deutschen Stiftungssektor ja die große Heterogenität: Bei der Größe, der Rechtsform, der Ausrichtung. Ende vergangenen Jahres gab es hierzulande fast 24 000 Stiftungen, die Zahl hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren mehr als verdoppelt, auch im Corona-Jahr 2020 ist sie weiter gestiegen. Tatsache ist aber auch, dass viele kleine Stiftungen insbesondere wegen der dauerhaft niedrigen Zinsen vor großen Herausforderungen stehen. Die Großen stecken das insgesamt besser weg.

Wo liegen die besonderen Probleme der Kleinen?

Kleine Stiftungen haben einen anderen Zugang zum Kapitalmarkt und somit weniger Anlagemöglichkeiten. Nach einer Erhebung unseres Verbands im Frühjahr gaben fast 17 Prozent der Stiftungen an, weniger als 5000 Euro im Jahr für Projekte zur Verfügung zu haben, weitere gut elf Prozent haben 5000 bis 10 000 Euro. Auch die Inflation belastet die Stiftungen.

Müssen Stiftungen auch Strafzinsen, sogenannte Verwahrentgelte, bei den Banken zahlen?

Wir wissen, dass Stiftungen davon nicht grundsätzlich ausgenommen sind. Genaue Zahlen liegen uns bisher aber nicht vor. Wir sind aber auch Mitglied im Bündnis für Gemeinnützigkeit. Und da hören wir schon von einzelnen gemeinnützigen Organisationen, dass die Banken auch von ihnen Minuszinsen verlangen.

Bundestag und Bundesrat haben im Juli eine Reform des Stiftungsrechts beschlossen, sie tritt im Sommer 2023 in Kraft. Was sind die für Sie wichtigsten Punkte?

Die Stiftungsrechtsreform gibt gerade finanzschwachen Einrichtungen neue Möglichkeiten. Die Zusammenlegung verschiedener Stiftungen wird klarer geregelt und dadurch erleichtert. Bislang war das sehr schwierig. Das könnte besonders kleineren Organisationen helfen, sich zusammenzuschließen und ihre Ziele dadurch besser zu verwirklichen. Außerdem können Stiftungen, die ja normalerweise auf Ewigkeit angelegt sind, nun leichter in eine Verbrauchsstiftung umgewandelt werden – das Stifterkapital darf also aufgebraucht werden, danach wird die Stiftung geschlossen. Auch das hilft kleineren Stiftungen, die zu niedrige Erträge erwirtschaften, um ihre Ziele gut erfüllen zu können. Darüber hinaus gibt es nun bundeseinheitliche Vorschriften für Stiftungen – bislang gibt es 16 Landesstiftungsgesetze mit teilweise unterschiedlichen Regelungen. Das machte es bislang oft schon schwierig, wenn eine Stiftung auch nur ihren Sitz von einem Bundesland in ein anderes verlegen wollte. Und was vielen Stiftungen auch ein großes Anliegen war: Es wurde festgelegt, dass Stiftungsorgane wie der Vorstand nicht für eine Fehlentscheidung – etwa eine im Nachhinein verlustträchtige Geldanlage - haften, wenn sie sorgfältig gehandelt und geltende Gesetze und die Stiftungssatzung beachtet haben. Das war bislang sehr unklar und hat gerade die oft ehrenamtlich arbeitenden Gremien kleiner Stiftungen sehr belastet.

Das hört sich nach einem großen Erfolg für Ihren Verband an?

Ja, wir haben viele Jahre darauf hingearbeitet. Das war nicht immer leicht. Stiftungen sind eher ein Orchideen-Thema. Wir sind froh, dass es endlich eine Reform gibt – auch wenn nicht alle unsere Forderungen erfüllt wurden.

Wo gibt es Ihrer Meinung nach denn noch dringenden Handlungsbedarf?

Wir hätten uns gewünscht, dass es Erleichterungen für noch lebende Stifterinnen und Stifter gibt, den Zweck der Stiftung nochmal zu ändern oder zu erweitern. Wir haben das beispielsweise in der Flüchtlingskrise gemerkt – viele Stifterinnen und Stifter hätten damals gerne etwas getan, um den Menschen kurzfristig zu helfen. Aber sie durften es nicht, weil es nicht im Stiftungszweck stand. Dabei muss man wissen: Mehr als 80 Prozent der Stiftungen entstehen inzwischen zu Lebzeiten der Stiftenden; diese Zahl wächst seit Jahren. Zudem hatten wir die Politik dazu aufgerufen, Stiftungen auf Zeit zu ermöglichen – die also für einen festgelegten Zeitraum errichtet werden und danach wieder geschlossen, ohne dass aber wie bei einer Verbrauchsstiftung das Kapital ganz verschwindet. Damit konnten wir uns leider nicht durchsetzen.

In der Pressemitteilung zur Reform hat Ihr Verband auch hervorgehoben, dass auf Ihr Drängen hin der Bundestag der Bundesregierung nun den Auftrag erteilt hat, bis zum 1. Juli 2022 zu prüfen, ob Altstiftungen, die während der NS-Zeit und in der DDR zu Unrecht aufgelöst wurden, wiederbelebt oder entschädigt werden können. Mein erster Gedanke dazu war: „Wie, erst jetzt?“...

Ja, da haben Sie Recht, das ist in der Tat erstaunlich. Wir sind hier im Austausch mit dem Zentralrat der Juden und der Vereinigung der Opfer der Kommunistischen Gewaltherrschaft. Es gibt bislang überhaupt keine gesicherte Zahlenbasis, wie viele Stiftungen in diesen Zeiten unrechtmäßig aufgelöst wurden. Jetzt liegt es in der Hand der Bundesregierung, da eine Datenbasis zu schaffen und die Möglichkeiten zu prüfen. Der Zeitraum dafür ist knapp bemessen. Wir sind selbst gespannt, was dabei rauskommt.

Knapp 90 Prozent der Stiftungen haben ihren Sitz in Westdeutschland. Woher kommt es, dass in Ostdeutschland so wenige Stiftungen sind?

Ich denke, das hat viel mit der Geschichte zu tun. Auch abgesehen von den eben angesprochenen Auflösungen waren Stiftungen in der DDR nicht erwünscht. Zudem entstehen viele Stiftungen aus mittelständischen Unternehmen heraus entstehen, die damit ihre Nachfolge regeln – und davon gibt es einfach mehr in Westdeutschland. Aber auch in Ostdeutschland gibt es viel zivilgesellschaftliches Engagement, das Stiftungswachstum dort ist hoch. Die deutsche Stiftungshochburg, gemessen an der Zahl der Stiftungen je 100 000 Einwohner, ist übrigens Darmstadt, gefolgt von Würzburg, Oldenburg und Frankfurt am Main – Städte, auf die man im ersten Moment vielleicht nicht tippen würde.

Wie sieht es denn mit Frauen als Stifterinnen aus?

Nur 23,5 Prozent der Stiftungen werden ausschließlich von Frauen gegründet – das war schon mal mehr. In den neunziger Jahren waren es immerhin schon mal 27 Prozent. Woher der Rückgang kommt, können wir uns auch nicht erklären. Es dauert wohl einfach eine Zeit, bis Frauen, die ja immer häufiger berufstätig und erfolgreich sind, in einer vergleichbaren finanziellen Situation sind, wie die Männer und die Vermögensunterschiede geringer werden. Auch in den Stiftungsgremien liegt der Frauenanteil noch unter 30 Prozent. Aber wir sehen schon, dass insbesondere große Stiftungen immer mehr auf Diversität achten und sich dort langsam etwas ändert.

Wie bewerten Sie die wirtschaftliche Bedeutung von Stiftungen für Deutschland?

Sie geben jährlich geschätzte 5,4 Milliarden Euro für gemeinnützige Zwecke aus, diese Zahl spricht für sich. Die Stiftungen sind wichtige Akteure der Zivilgesellschaft in diesem Land. Dabei ergänzen sie das Handeln des Staates und bereichern die Vielfalt der Gesellschaft, indem sie zusätzliche Impulse geben und innovative Ansätze ausprobieren. So entfalten die eingesetzten Summen eine Hebelwirkung.

Interview: Nina Luttmer

Starkes Wachstum
Viele mittelgroße Spieler
Kirsten Hommelhoff ist seit Herbst 2020 Generalsekretärin des Bundesverbands Deutscher Stiftungen. Privat

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