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Arbeitsmarkt

Stiefmütterlich betreute Ältere

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Der Sozialverband Deutschland fordert eine Neuausrichtung der Arbeitsmarktpolitik, weil viele ältere Arbeitslose nicht vom Beschäftigungsausbau profitieren. Die Bundesagentur für Arbeit brauche mehr Geld für eine aktive Arbeitsförderung, die Unternehmen sollten mehr soziale Verantwortung zeigen.

Weil viele ältere Arbeitslose nicht vom kräftigen Beschäftigungsaufbau in Deutschland profitieren, verlangt der Sozialverband Deutschland (SOVD) eine Neuausrichtung der Arbeitsmarktpolitik. Es brauche „einen grundlegenden Kurswechsel“, sagte SOVD-Präsident Adolf Bauer der FR. Dieser müsse gekennzeichnet sein durch den Vorrang aktiver Beschäftigungspolitik und durch eine bessere Förderung von benachteiligten Gruppen am Arbeitsmarkt. Die Bundesagentur für Arbeit müsse mit mehr Geld für eine aktive Arbeitsförderung ausgestattet werden. Zudem sollten die Unternehmen mehr soziale Verantwortung zeigen.

Zum Jahresbeginn hatten sich die Zugangschancen von benachteiligten Gruppen in den Arbeitsmarkt verschlechtert, wie aus dem FR-Arbeitsmarktindex (FRAX) der Frankfurter Rundschau und des Darmstädter Wirtschaftsforschungsinstituts Wifor hervorgeht. Eine Ursache dafür war, dass die Arbeitslosigkeit der über 55-Jährigen nur halb so schnell zurückging wie die Arbeitslosigkeit insgesamt.

Kritik an Arbeitgebern

„Es zeigt sich deutlich, dass die Klagen über Fachkräftemangel von der Wirtschaft nur vorgeschoben sind, um die Rente ab 63 zu torpedieren“, sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft IG Bau, Robert Feiger. Andernfalls würden sie mehr ältere Arbeitslose einstellen, um ihren Personalbedarf zu decken. „In Wahrheit haben Arbeitgeber aber kein großes Interesse an Älteren“, so Feiger. Er verweist auf eine Umfrage der Gewerkschaft unter Bau-Betriebsräten, wonach rund neun von zehn Baubetrieben nichts dafür tun, dass ihre Mitarbeiter länger arbeiten können.

Dabei haben gerade Bauarbeiter einen dieser Berufe, in denen es besonders schwierig ist, bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter zu arbeiten. Sie scheiden in der Regel vor dem 60. Geburtstag aus dem Beruf aus und gehen dann entweder aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand oder versuchen, auf einen anderen Beruf umzusatteln. Über alle Berufe hinweg hat laut einer Studie der Uni Duisburg-Essen im Alter von etwa 61 Jahren bereits die Hälfte den gelernten Beruf aufgegeben. Der Versuch, in einen anderen Beruf zu wechseln, endet aber häufig in Arbeitslosigkeit.

SOVD-Präsident Bauer sieht aber noch eine andere Ursache dafür, dass ältere Arbeitslose heute schwierig einen neuen Arbeitsplatz finden. Das liege auch an der „jahrelangen mangelnden Förderung der Gruppe der Langzeitarbeitslosen, in der es einen hohen Anteil älterer Arbeitssuchender gibt“, so Bauer. „Insbesondere fehlte es in den letzten Jahren an Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen, die die speziellen Problemlagen älterer Arbeitsloser berücksichtigen.“ Zuvor hatte bereits die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen, Brigitte Pothmer, in der FR kritisiert, dass ältere Arbeitslose „von der Bundesregierung  mehr als stiefmütterlich behandelt“ würden. Die Chancen auf Förderung hätten sich zuletzt sogar noch verschlechtert.

Fokus auf Junge

Dafür, dass ältere Arbeitslose auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind, gibt es aus Sicht des Arbeitsmarktforschers Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln mehrere mögliche Gründe. „Auf Seiten der Arbeitsuchenden mag von Bedeutung sein, dass Ältere in der Regel örtlich weniger mobil sind und möglicherweise auch hinsichtlich des Lohns und der Arbeitsbedingungen weniger flexibel sind“, so Schäfer. Auf Seiten der Betriebe spiele womöglich eine Rolle, „dass sich bei Jüngeren Investitionen in Humankapital über einen längeren Zeitraum amortisieren können“. Das heißt, die Einarbeitung und Fortbildung von älteren Arbeitnehmern ist für die Firmen weniger attraktiv. Der Arbeitsmarktforscher Alexander Herzog-Stein vom Forschungsinstitut IMK beobachtet zudem, dass die Unternehmen immer noch sehr stark auf die Suche nach jungen Mitarbeitern fokussiert sind.

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