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Steueroasen: Paradiesische Profite für viele Unternehmen - Verlierer sind europäische Steuerländer

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Von: Stephan Kaufmann

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Sieht so eine Oase aus? Zuidas ist das Bankenviertel von Amsterdam. Hier haben viele Konzerne ihre europäische Zentrale. Die Niederlande lockten lange mit Steuervorteilen.
Sieht so eine Oase aus? Zuidas ist das Bankenviertel von Amsterdam. Hier haben viele Konzerne ihre europäische Zentrale. Die Niederlande lockten lange mit Steuervorteilen. © Imago

Viele multinationale Konzerne verschieben ihre Gewinne in Steueroasen. Wie groß der Verlust für Industriestaaten wie Deutschland ist, zeigt eine neue Studie.

Frankfurt - Globale Finanzkrise, Eurokrise, Corona-Krise, Ukrainekrise – der Bedarf an staatlichen Finanzhilfen hat in den vergangenen Jahren die öffentlichen Ausgaben und Schulden steigen lassen. Auf der Suche nach neuen Einnahmequellen sind die Steuerparadiese in den Fokus der Politik gerückt.

Mit einer globalen Mindeststeuer soll verhindert werden, dass multinationale Konzerne ihre Gewinne in Niedrigsteuerländer verschieben und der heimische Fiskus leer ausgeht. Eine neue Studie hat nun berechnet, wie viel gerade die Industrieländer durch diese Gewinnverschiebung verlieren. Besonders erfolgreich bei der Steuervermeidung sind offensichtlich die Unternehmen in Deutschland.

Vor einem Jahr einigten sich knapp 140 Staaten der Welt auf die Einführung einer globalen Mindeststeuer für international agierende Unternehmen in Höhe von 15 Prozent. Damit sollen erstens Steueroasen ausgetrocknet werden. Zweitens wird dem internationalen Steuersenkungswettlauf eine Untergrenze gesetzt – schließlich haben sich die Gewinnsteuersätze global zwischen 1985 und 2018 auf rund 24 Prozent halbiert. Die Idee der Mindeststeuer ist beliebt, allerdings verzögert sich ihre Umsetzung laufend. Zuletzt hieß es, die sie komme nicht vor 2024.

Steuerflucht in Steueroasen: Wie Konzerne ihre Gewinne verlagern

Die neue Studie beleuchtet nun das Ausmaß, in dem multinationale Unternehmen ihre Gewinne in Steuerparadiese verlagern. Thomas Tørsløv von der Dänischen Zentralbank, Ludvig Wier vom dänischen Finanzministerium und der US-Ökonom Gabriel Zucman gehen bei ihrer Rechnung von einem auffälligen Fakt aus: Ausländische Unternehmen in Steuerparadiesen sind deutlich profitabler als die dort heimischen Unternehmen. Beispiel Irland: Hier liegt das Verhältnis von Vorsteuergewinnen zu Löhnen bei eins zu acht, was bedeutet: Für jeden Dollar Lohnzahlung buchen die Auslandsunternehmen acht Dollar an Profit. Üblicherweise liegt dieses Verhältnis bei eins zu 0,2 bis 0,4.

Durch Gewinnverschiebung entgangene Steuereinnahmen.
Durch Gewinnverschiebung entgangene Steuereinnahmen. © FR/Zucman et al.

Die Überprofitabilität der Auslandsfirmen gegenüber lokalen Firmen in Steuerparadiesen könnte zwar ökonomischen Faktoren geschuldet sein: höhere Kapitalintensität, höherer Forschungsaufwand, Unternehmensgröße oder -sektor. Diese Faktoren spielen laut den Ökonomen zwar eine Rolle, sie erklären aber bei weitem nicht die Höhe der Profite ausländischer Unternehmen in Niedrigsteuerländern.

Steuerparadise: Gewinne wandern um die Welt

Anhand der Übergewinne schätzen die Studienautoren das Ausmaß der globalen Gewinnwanderung. Insgesamt, so die Autoren, würden weltweit 36 Prozent aller multinationalen Gewinne – also der Gewinne, die Konzerne außerhalb ihres Heimatstandorts machen – in Steuerparadiese verschoben. Dies gilt für das Jahr 2015, neuere Daten sind noch nicht verfügbar. Besonders aktiv seien hier die Unternehmen aus den USA: Etwa die Hälfte aller in Steuerparadiese verschobenen Überschüsse gingen auf ihr Konto. Für über 25 Prozent seien Unternehmen aus Europa verantwortlich.

Hauptverlierer dieser Kapitalbewegungen seien die europäischen Hochsteuerländer, denen durch die Gewinnverschiebung hohe Einnahmen entgingen. Nach einem üblichen Muster, so die Autoren, wanderten Gewinne oftmals US-amerikanischer Multis aus EU-Hochsteuerländern zunächst in europäische Steuerparadiese wie Luxemburg oder die Niederlande und flössen von dort zu außereuropäischen Offshorefinanzplätzen wie den Bermudas. Insgesamt schätzen sie, dass fast die Hälfte – 46 Prozent – der aus europäischen Ländern verlagerten Profite am Ende außerhalb der EU landen. Die Steuerparadiese profitierten davon, weil bei ihnen trotz niedriger Steuersätze das Verhältnis von Steuereinnahmen zur Wirtschaftsleistung besonders hoch sei.

Kapitalbewegung in Steueroasen: Europa entgegen hohe Einnahmen

Zudem legen die Autoren Schätzungen darüber vor, wie sich für die einzelnen Länder die Summe der Unternehmensgewinne verändern würde, wenn man die verschobenen Gewinne wieder ihren Heimatländern zuordnen würde. In europäischen Hochsteuerländern würde die Summe der Gewinne um rund 20 Prozent steigen, in den USA noch um zehn Prozent und in den Entwicklungsländern um fünf Prozent. Im Gegenzug fielen die Unternehmensgewinne in den Steuerparadiesen um 55 Prozent. „Für die Politik sind unsere Zahlen von höchster Relevanz“, schreiben die Autoren. Denn sie ermöglichten es, die Erträge aus der Einführung einer globalen Mindeststeuer für jedes Land zu schätzen. (Stephan Kaufmann)

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