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TO GO WITH AFP STORY BY NATHALIE OLOF-ORS
(FILES) This file photo taken on October 15, 2010 shows miners celebrating after a giant drilling machine completed the world's longest tunnel beneath the Swiss Alps.
Switzerland is preparing to celebrate the inauguration of the new Saint-Gothard (Gotthard) rail tunnel, the world's longest (57 km), which will streamline and increase traffic between northern and southern Europe. / AFP PHOTO / FABRICE COFFRINI
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TO GO WITH AFP STORY BY NATHALIE OLOF-ORS (FILES) This file photo taken on October 15, 2010 shows miners celebrating after a giant drilling machine completed the world's longest tunnel beneath the Swiss Alps. Switzerland is preparing to celebrate the inauguration of the new Saint-Gothard (Gotthard) rail tunnel, the world's longest (57 km), which will streamline and increase traffic between northern and southern Europe. / AFP PHOTO / FABRICE COFFRINI

Gotthard-Tunnel

Staunen über die Schweizer Präzision

  • Thorsten Knuf
    VonThorsten Knuf
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Der neu eröffnete Gotthard-Tunnel wird Europas Straßen enorm entlasten. Es ist der längste Eisenbahntunnel der Welt. Die Deutschen blicken neidvoll zum Nachbarn.

In der Schweiz sind sie bereits in Feierlaune. An mehreren Bahnhöfen im ganzen Land sind große Partys geplant. Aber die wichtigsten finden natürlich in der Nähe des Wunderwerks selbst statt: am Nordportal des neuen Gotthard-Basistunnels bei Erstfeld im Kanton Uri und am südlichen Ausgang bei Bodio im Kanton Tessin. Dazwischen liegen zwei Röhren à 57 Kilometer. Es handelt sich um den längsten Eisenbahntunnel der Welt. Er soll den fast 134 Jahre alten, ineffizienten Gotthard-Scheiteltunnel ablösen und die Fahrzeiten zwischen Nord- und Südeuropa deutlich verkürzen.

Viel Prominenz aus dem In- und Ausland hat sich an diesem Mittwoch zur Eröffnung und Jungfernfahrt angekündigt. Zu den internationalen Gästen zählen die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der französische Staatspräsident François Hollande und der italienische Premier Matteo Renzi. Das zeigt: Hier feiert nicht nur die kleine Schweiz, sondern ganz Europa.

Für den Kontinent sei der neue Basistunnel ein „Geschenk des Himmels“, sagt EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc. Das ist natürlich maßlos übertrieben. Denn selbstverständlich ist der Tunnel Menschenwerk.

17 Jahre dauerten die Arbeiten. Tausende Beschäftigte waren auf der Baustelle im Einsatz, neun von ihnen ließen dort ihr Leben. Mit einigem Stolz verweisen die Schweizer darauf, dass die Baukosten mit umgerechnet elf Milliarden Euro nur unwesentlich höher ausfielen als ursprünglich veranschlagt. Und der Bau dauerte am Ende sogar ein Jahr weniger als geplant. In Deutschland, dem Land vermaledeiter Großprojekte wie dem Berliner Hauptstadtflughafen BER oder der Hamburger Elb-Philharmonie, kann man über die Schweizer Präzision nur stauen.

In den Regelbetrieb geht der Gotthard-Basistunnel jetzt freilich noch nicht. Das soll erst im Dezember mit dem europaweiten Fahrplanwechsel der Fall sein. Bis dahin sind noch etliche Tests auf der Strecke geplant.

In wenigen Monaten aber wird der Tunnel den Alpentransit für Reisende und Güter deutlich erleichtern: Mit bis zu 250 Kilometern in der Stunde können dann Hochgeschwindigkeitszüge durch die Röhren sausen. Die Fahrzeit von Zürich in die norditalienische Metropole Mailand soll sich zunächst um rund eine halbe Stunde verkürzen. Davon werden auch viele Reisende aus Deutschland profitieren.

Ab 2020, wenn auch der dahinterliegende Ceneri-Basistunnel zwischen Bellinzona und Lugano fertig ist, soll Norditalien von Süddeutschland und der deutschsprachigen Schweiz sogar rund eine Stunde schneller erreichbar sein. Derzeit dauert die Zugfahrt von Zürich nach Mailand rund vier Stunden.

Mindestens ebenso wichtig wie der Personenverkehr wird aber der Gütertransit sein. Auch hier geht es um europäische Dimensionen: Der Tunnel bildet ein wichtiges Teilstück auf der Eisenbahnachse, die die Nordseehäfen Rotterdam und Antwerpen mit Genua an der Adria verbindet.

Pro Tag sollen künftig bis zu 260 Güterzüge unter dem Gotthard-Massiv verkehren. Bislang sind es maximal 180. Die Hoffnung ist, dass noch mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene verlagert werden kann.

Denn die Schweiz leidet genau wie ihr Nachbar Österreich unter dem immer stärker werdenden Transitverkehr zwischen Nord- und Südeuropa. Mit jedem Lastwagen, der sich nicht über die Autobahnen oder durch enge Täler quält, steigt die Lebensqualität der Anwohner. Der Bauherr Alptransit Gotthard, eine Tochter der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), bezeichnet die neue Strecke deshalb als „eines der größten Umweltschutzprojekte Europas“.

Der Gütertransport durch den Basistunnel wird sich viel leichter bewerkstelligen lassen als durch den alten, nur 15 Kilometer langen Gotthard-Scheiteltunnel. Die neuen Röhren sind deutlich länger als die alten. Und sie kommen weitgehend ohne enge Kurven und Steigungen aus. Die Strecke befindet sich auf maximal 550 Meter über dem Meeresspiegel. Über dem neuen Tunnel türmen sich bis zu 2300 Meter Gebirgsmasse, beim alten sind es nur 1100 Meter. Die Alpen können nun nahezu ebenerdig unterquert werden. Um einen Güterzug über die alte Strecke zu ziehen, sind zwei Loks notwendig. Das ist beim neuen Basistunnel nicht mehr der Fall.

Deutsche Eisenbahn-Experten blicken voller Neid zu den Nachbarn. Der neue Tunnel sei eine „verkehrspolitische Großtat“, jubelte am Dienstag die Allianz pro Schiene. „Unsere Nachbarn machen es vor: Der Gotthard-Basistunnel ist ein Meilenstein für Umwelt und Wirtschaft“, sagte Geschäftsführer Dirk Flege. „Er ist eingebettet in ein weitsichtiges, von den Bürgern mitgetragenes Verlagerungskonzept, das inzwischen fast 70 Prozent der alpenquerenden Güter auf die Schiene geholt hat.“

Bei der Jungfernfahrt durch den neuen Gotthard-Basistunnel an diesem Mittwoch freilich werden erst einmal keine Güter, sondern Personen durch die Röhren befördert. Genau genommen gibt es zwei Fahrten: Im ersten Zug werden ganz normale Bürger sitzen, die Schweiz ist schließlich das Land der direkten Demokratie. Die Tickets wurden verlost. Erst im zweiten Zug dürfen dann die Ehrengäste aus dem In- und Ausland durch den Tunnel rauschen. Und dort ihre Party feiern.

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