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Der Große Äthiopische Renaissance-Staudamm soll 2020 fertiggestellt werden.

Staudammprojekt in Äthiopien

„Eine Frage der Existenz“

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Wer bekommt das Wasser? Äthiopien baut am Nil einen gigantischen Staudamm, Ägypten und der Sudan sind besorgt. Nun ist sogar von Krieg die Rede.

Die Rede schlug in Kairo ein wie eine Bombe. „Keine Macht der Erde wird uns hindern, den Damm fertig zu bauen“, erklärte der äthiopische Regierungschef Abiy Ahmed und fügte hinzu: „Sollte es Krieg geben, können wir Millionen mobilisieren“. Ägypten reagierte schockiert und nannte die Äußerungen des frisch gebackenen Friedensnobelpreisträgers „inakzeptabel“. Daraufhin beeilte sich der Attackierte zu versichern, eine Einigung durch Gespräche sei selbstverständlich vorzuziehen.

Doch danach sieht es nach wie vor nicht aus. Seit Jahren drehen sich die Verhandlungen über den Großen Äthiopischen Renaissance-Damm (GERD) im Kreis. Es geht um den Zugang zu der umkämpften Ressource Wasser. Wann und wie darf Äthiopien den Staudamm befüllen? Was wird dies für die anderen Nil-Länder bedeuten?

Mittlerweile drängt die Zeit, denn das 2011 begonnene Mammut-Bauwerk wird im kommenden Jahr fertig. Die eskalierende Krise sollen nun die USA entschärfen. Am Mittwoch trafen sich die Außen- und Wasserminister von Äthiopien, Sudan und Ägypten in Washington. Moderiert wurde das Treffen vom Präsidenten der Weltbank, David Malpass, zusammen mit US-Finanzminister Steven Mnuchin. Nach dem Treffen teilten die drei Außenminister der betroffenen Staaten mit, sie würden sich zu weiteren Gesprächen treffen, angestrebt sei eine Lösung des Konflikts bis zum 15. Januar.

Im Oktober am Rande des russischen Afrikagipfels in Sotschi hatte sich zunächst Wladimir Putin als Vermittler versucht. Mehr als eine Geste des guten Willens kam dabei nicht heraus. Immerhin vereinbarten Ägyptens Abdel Fattah al-Sisi und Äthiopiens Abiy Ahmed in ihrem 45-Minuten-Treffen, das dornige Thema noch einmal zurück an die Experten zu geben.

Nach dieser Erfahrung setzt Sisi nun ganz auf Donald Trump, der ihn kürzlich zu seinem „Lieblingsdiktator“ erkor. Der starke Mann in Kairo weiß, was dem Chef des Oval Office gefällt. Im Vorfeld der US-Nilmission umschmeichelte Sisi ihn daher mit den Worten, Trump habe „eine einmalige Fähigkeit, mit Konflikten umzugehen und Lösungen für sie zu finden.“

Denn keiner der zentralen Streitpunkte ist entschärft – das Tempo, mit dem das 73-Milliarden-Kubikmeter-Staubecken gefüllt werden soll, das jährliche Durchlassvolumen bei Normalbetrieb und das garantierte Mindestvolumen bei Dürre. Geht es nach den Vorstellungen Äthiopiens, werden dem Nil im kommenden Jahr 2020 zunächst drei Milliarden Kubikmeter Wasser entzogen, um die beiden ersten Turbinen zu testen. 2021 folgen dann weitere zwölf Milliarden Kubikmeter, so dass sich sämtliche 16 Turbinen in Betrieb nehmen lassen.

Von 2022 an soll das 4,3 Milliarden Euro teure Becken dann in vier bis fünf Jahren zur Gänze gefüllt werden, um möglichst rasch mit dem Stromexport nach Afrika beginnen zu können. Vor allem diese dritte Phase nach 2022 fürchtet Ägypten und verlangt eine Füllzeit von mindestens acht bis zehn Jahren. Ähnlich weit auseinander liegen die Vorstellungen bei den jährlichen Durchlaufmengen – sei es im Normalbetrieb oder in Dürrezeiten.

Bereits im 5. Jahrhundert vor Christus schrieb der griechische Historiker Herodot, Ägypten sei ein Geschenk des Nils. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Land der Pharaonen regnet es praktisch nie, seinen Wasserbedarf deckt die Nation zu 90 Prozent aus dem weltberühmten Strom. Eine Verknappung würde Landwirtschaft, Industrie und Millionen Haushalte gleichermaßen treffen. Auch neue Riesenprojekte, wie die geplante Fünf-Millionen-Verwaltungshauptstadt, hängen völlig von den Fluten des 6800 Kilometer langen Flusses ab.

Nach internationalem Standard leben bereits heute die 98 Millionen Ägypter in Wasserarmut. Und so ließ Staatschef Sisi im September vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen keinen Zweifel daran, dass er Äthiopien niemals erlauben werde, den Damm ohne eine Übereinkunft zu füllen. „Denn das ist für Ägypten eine Frage der Existenz.“

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