1000 gramm gold bars
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Investoren haben ihre Samthandschuhe längst abgelegt: Gold gilt mal wieder als die Krisenwährung.

Goldpreis

Glänzendes Geschäft

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Der Goldpreis ist auf Rekordkurs – Anleger suchen Sicherheit in der Krise. Trügt der Schein?

Es schimmert und glänzt. Es steht für Schönheit und Seltenheit, für etwas, das nie vergeht. Gold ist aber auch eine schnöde Geldanlage, die gegenwärtig so beliebt ist wie niemals zuvor. Die Feinunze (31,1 Gramm) kostete am Freitagnachmittag mit rund 1903 Dollar (1642 Euro) an der Londoner Börse so viel wie seit September 2011 nicht mehr. Analysten erwarten aber, dass der Allzeit-Rekord von damals mit 1921 Dollar demnächst überschritten wird.

Die Voraussetzungen dafür sind jedenfalls gegeben. Gold gilt seit Jahrhunderten als das „ultimative Zahlungsmittel“, das auch dann werthaltig bleibt, wenn es mit allem anderen den Bach runtergeht. Und aktuell verdüstert es sich heftig. Analysten verwiesen am Freitag vor allem auf die neue Eskalation im Streit zwischen den USA und China. Zunächst ließ Präsident Donald Trump das chinesische Konsulat in Houston (Texas) schließen. Der Vorwurf lautet auf Spionage, Details wurden nicht genannt. Die Chinesen reagierten postwendend empört – mit der Schließung des US-Konsulats in Chengdu im Süden des Landes.

Dazu kommen wachsende Befürchtungen über die globale Ausweitung der Corona-Pandemie, die die weltweite Wirtschaft noch tiefer in eine Krise reißen könnte als bislang geglaubt. Gold übernimmt wieder einmal die Funktion eines sogenannten sicheren Hafens. Am international maßgeblichen Handelsplatz, dem Londoner Bullion Market, ging es nun schon in der siebten Woche nach oben. Das ist die längste Spanne seit 2011. Mit dem Gold legte der „kleine Bruder“, das Silber, ebenfalls kräftig zu. Es hat in der zurückliegenden Woche laut Finanznachrichtenagentur Bloomberg die stärksten Zuwächse seit 1980 verzeichnet. Und während im kurzfristigen Handel das Edelmetall am Freitag noch knapp unter dem Höchstwert lag, mussten Anleger, die Termingeschäfte machen, einen deutlichen Aufschlag akzeptieren. Wer eine Lieferung für Dezember vereinbarte, musste schon 1927 Dollar pro Feinunze zahlen. Das heißt, Investoren wetten auf einen weiter steigenden Preis.

Enorme Reserven

Bereits 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung holten die Ägypter das gelbliche Metall aus dem Erdreich. Etwa drei Viertel der Förderung wird heutzutage zu Schmuck verarbeitet. Es wird auch für elektronische Geräte oder in der Zahntechnik benötigt. Die weltweiten Vorräte sind derzeit so hoch wie noch nie. Das hat damit zu tun, das Gold nicht zerstört werden kann und nur vergleichbar geringe Mengen – etwa im Elektroschrott – verloren gehen. Die Zentralbanken horten nach wie vor große Mengen. Die USA und Deutschland, aber auch der Internationale Währungsfonds und Frankreich haben enorme Reserven von jeweils mehreren Tausend Tonnen angelegt.

Die Aufwärtsbewegung in Gold befinde sich in einer entscheidenden Phase, schreiben die Experten der Citibank in einer aktuellen Analyse. Sie erwarten eine „Rallyebeschleunigung“: „Ein Anstieg in Richtung 2000 bis 2050 Dollar wäre möglich.“ Mittelfristig könne das Edelmetall sogar auf 2175 Dollar klettern. Die Schweizer UBS-Bank rechnet mit 2000 Dollar pro Unze für Ende September.

Dafür entscheidend ist, dass in Anbetracht einer Verschärfung der Pandemie weitere Schritte zur Stabilisierung der Wirtschaft sowohl von Regierungen als auch Notenbanken kommen könnten. Mit Argusaugen werden die Akteure an den Finanzmärkten deshalb in der nächsten Woche auf die US-Notenbank Federal Reserve schauen. In der Sitzung am Mittwoch soll entschieden werden, ob weitere Lockerungen der Geldpolitik nötig werden. In den USA macht sich Corona immer weiter breit. Trump hat betont, es werde schlimmer, bevor es besser werden könne.

Die Leitzinsen liegen in den USA und auch in Europa schon lange nahe null. Entsprechend niedrig ist das gesamte Zinsniveau. Das ist ein wichtiges Argument für eine Investition in das Edelmetall. Denn dass mit dem Metall keine laufenden Erträge möglich sind, tritt damit in den Hintergrund. Einerseits falle das Manko wegen fehlender Zinserträge weg und anderseits werde der Goldpreis in dem Maß steigen, wie die Unsicherheiten am Finanzmarkt zunehmen, sagte der bekannte Investor Mark Moebius zu Bloomberg TV. Er rät, beim Gold jetzt zuzuschlagen und damit in nächster Zeit auch fortzufahren. Analysten, die diese Meinung teilen, machen auch auf das gigantische, 750 Milliarden Euro starke Rettungsprogramm aufmerksam, das die Staats- und Regierungschefs in dieser Woche auf den Weg gebracht haben. Um diesen Kraftakt zu bewältigen, müsse mehr Geld gedruckt werden. Und auch mit noch einmal erweiterten Anleihe-Kaufprogrammen der Notenbanken werde womöglich schon bald mehr Liquidität in die Wirtschaft gepumpt, was Gold noch wertvoller machen könnte.

Dahinter steckt folgendes Szenario: Mit einer steigenden Menge Geld, die vor allem in den USA und in Europa in Umlauf gebracht wird, entsteht „Überschussliquidität“, da die Wirtschaftsleistung nicht im gleichen Maß wächst. Es gibt namhafte Volkswirte, die davon ausgehen, dass dies die Wirtschaft zwar kurzfristig beleben, Arbeitslosigkeit senken, Aktienkurse steigen lassen kann, aber früher oder später zwangsläufig in Inflation und Währungskrisen münden muss. So weist der Goldhändler Degussa in seinem Marktreport für Juli darauf hin, dass im Juni 2020 rechnerisch 85 Prozent weniger Gold aufgewendet werden musste, um einen Euro zu erwerben als im Januar 1999.

Allerdings gibt es keinen Automatismus mit steigenden Goldpreisen. Nach dem 1925-Dollar-Hoch während der Finanz- und Wirtschaftskrise im September 2011 halbierte sich der Preis zwischenzeitlich fast. Auch verharrt die Inflation in Europa und in den USA trotz lockerer Geldpolitik seit geraumer Zeit auf niedrigem Niveau. Einiges spricht dafür, dass der Goldboom derzeit auch durch spekulative Käufe in größerem Stil befeuert wird. So warnt denn auch die Citibank, dass der aktuelle Anstieg „eine Übertreibung“ darstellen könnte. Immer wieder macht das komplexe Zusammenspiel vieler Faktoren am Finanzmarkt den Preis für das Edelmetall zu einer wackeligen Angelegenheit. Das jüngste Beispiel: Als zu Beginn der Corona-Krise die Aktienkurse in den Keller rauschten, fiel auch der Goldpreis innerhalb kurzer Zeit um rund zwölf Prozent. Der Grund: Anleger hatten sich, um für alle Fälle zahlungsfähig zu bleiben, kurzfristig mit so viel Liquidität wie möglich eingedeckt. Dafür verkauften sie kurzerhand größere Teile ihrer Goldschätze.

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