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Stifte von Staedtler sind bundesweit in so gut wie jedem Schreibwarenhandel zu bekommen und daher vielen bekannt.

Staedtler

"Staedtler darf nicht stiften gehen"

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Der Schreibgerätehersteller Staedtler will aus dem Tarifverbund austreten. Beschäftigte befürchten Einschnitte.

Nürnberg und Umgebung ist nicht nur für Lebkuchen bekannt. Nirgendwo weltweit ist das Geschäft mit Blei- und Buntstiften so auf engem Raum konzentriert wie dort. Zusammengeschlossen hat sich die kleine Branche in der Tarifgemeinschaft „Deutsche Bleistiftindustrie“ im Industrieverband Schreib- und Zeichengeräte (ISZ), der nur aus vier Firmen besteht. Das sind Faber-Castell, Schwan Stabilo, Lyra und Staedtler. Letzterer sorgt nun für Aufruhr, weshalb diese Woche erstmals überhaupt 300 Beschäftigte, vor allem von Staedtler, aber auch der anderen drei Firmen zu einer Demonstration auf die Straße gegangen sind. „Staedtler darf nicht stiften gehen“, forderten die Demonstranten. Die IG Metall fürchtet das Ende des Tarifverbunds. Denn Staedtler tritt dort aus.

Zum Ende des Jahres will das 1835 gegründete Unternehmen ausscheiden. Beschäftigte und Gewerkschafter fürchten als Folge geringere Löhne, längere Arbeitszeiten und schlechtere Arbeitsbedingungen. „Die Entscheidung hat keinen Kostenaspekt“, betont dagegen Staedtler-Geschäftsführer Mischa Franz, ergeht sich darüber hinaus aber nur in Andeutungen. Ein Haustarifvertrag würde für Staedtler besser passen. Das Quartett der vier Bleistifthersteller habe sich auseinanderentwickelt. Was Staedtler gerne neu geregelt sehen will, verschweigt das Unternehmen hartnäckig. Sowohl IG Metall als auch die Konkurrenz tappen im Dunkeln. „Wir sind völlig verblüfft vom Ausstieg Staedtlers und wissen nicht, was die antreibt“, heißt es von örtlichen Wettbewerbern.

Wirtschaftlich schlecht geht es jedenfalls weder Staedtler noch der kleinen Branche als solcher mit ihren insgesamt knapp 5000 Beschäftigten allein in Deutschland. Verschiedene Wege gegangen ist das Bleistift-Quartett aber zuletzt in der Tat. Schwan Stabilo fertigt mittlerweile vor allem Kosmetikstifte und ist dort Weltmarktführer. Zudem wurde ein Outdoorbereich mit Marken wie Deuter und Ortovox zugekauft, was im vergangenen Geschäftsjahr insgesamt 685 Millionen Euro Umsatz gebracht hat. Kosmetik hat auch Faber-Castell mit zuletzt 667 Millionen Euro Jahresumsatz im Angebot. Lyra ist seit zehn Jahren ein kleiner Teil der italienischen Fila-Gruppe.

Konzentration auf Bleistifte und Malgerät

Staedtler dagegen ist mit 336 Millionen Euro Jahresumsatz noch am stärksten auf Bleistifte und anderes Malgerät konzentriert. Dazu kommen Modelliermassen. Produziert wird zu über 80 Prozent in Deutschland an drei fränkischen Standorten mit 1200 Beschäftigten. Das passt angeblich nicht mehr zur Tarifgemeinschaft.

Ein Kenner der örtlichen Verhältnisse weiß mehr und spricht. Demnach ist der Ausstieg Staedtlers dem Konkurrenten Schwan Stabilo geschuldet und zwar in Person des dortigen geschäftsführenden Gesellschafters Sebastian Schwanhäußer. Der habe sich bei Tarifgesprächen der kleinen Zunft zuletzt immer wieder als Bremser erwiesen und vor allem auf Staedtler-Seite Unmut erzeugt. Die würde nun die Konsequenzen ziehen.

Seitens Schwan Stabilo will man dagegen nichts von einem Zerwürfnis wissen. Man bleibe auch selbst der Tarifgemeinschaft treu. Zu Letzterem bekennt sich auch Faber-Castell, will aber sonst nichts zum Zoff vor Ort sagen. 

Zwei Szenarien werden befürchtet

Beschäftigte und Gewerkschafter fürchten nun zwei Szenarien: Entweder, dass die Beteuerungen von Schwan Stabilo und Faber-Castell keine lange Halbwertszeit haben und die Tarifgemeinschaft trotzdem zerbrechen könnte. Oder dass Schwanhäußer sich ohne das Gewicht von Staedtler bei künftigen Tarifverhandlungen zum Schaden von Beschäftigten durchsetzen könnte. Die erfreuen sich derzeit einer 36-Stunden-Woche, Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie Feiertagszuschlägen. 

Die IG Metall will die Tarifgemeinschaft deshalb mit aller Macht zusammenhalten und droht Staedtler. Der Betriebsfrieden sei in Gefahr, warnt Bayerns neuer IG Metall-Chef Johann Horn. „Wir sind auch zu Streit bereit“, erklärte er. Der Ausstieg aus der Tarifbindung sei ein sozialer Sündenfall, der einen Unterbietungswettbewerb auf dem Rücken in der Branche Beschäftigter provoziere. Eskalierender Protest dagegen könne bis hin zu Streiks gehen, ergänzt ein anderer Gewerkschafter. Auf eine friedliche Vorweihnachtszeit steuert die fränkische Bleistiftindustrie wohl nicht hin. 

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