Bei Wirecard liegt weiterhin vieles im Dunkeln. 
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Bei Wirecard liegt weiterhin vieles im Dunkeln.  

Keine Ruhe in Aschheim

Staatsanwälte bei Wirecard

  • Thomas Magenheim-Hörmann
    vonThomas Magenheim-Hörmann
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Erneut Razzien in der Firmen-Zentrale und in weiteren Objekten.

Die Justiz intensiviert die Enträtselung des Wirecard-Skandals. Den ganzen Mittwoch über haben zwölf Staatsanwälte, 33 Polizisten und weitere IT-Experten die Firmenzentrale von Wirecard in Aschheim durchsucht, teilte Oberstaatsanwältin Anne Leiding in München mit. Razzien habe man zudem in vier weiteren Objekten durchgeführt und dabei umfangreiche Dateien kopiert, die nun ausgewertet werden müssen. Jeweils zwei dieser Objekte lägen in Deutschland und Österreich, wo die dortige Justiz auf dem Wege der Amtshilfe mit von der Partie war. Es soll sich dabei um private Anwesen gehandelt haben, was Leiding aber nicht bestätigt. Damit liegt der Verdacht nahe, dass die Wohnungen von Markus Braun und Jan Marsalek durchsucht wurden.

Braun ist der zurückgetretene ehemalige Wirecard-Chef. Ex-Vorstandskollege Marsalek wurde vom Unternehmen jüngst gefeuert und galt über ein Jahrzehnt als rechte Hand Brauns. Er ist mutmaßlich auf der Flucht und wird dem Vernehmen nach mit internationalem Haftbefehl gesucht. Beide Manager hatten sowohl in München als auch in Österreich jeweils private Wohnsitze.

Eine Razzia am Wirecard-Firmensitz hatte die Münchner Staatsanwaltschaft bereits Anfang Juni durchgeführt. Vor Monatsfrist war es strafrechtlich um falsche Darstellungen in zwei Wirecard-Pflichtmitteilungen an die Börse gegangen. „Mittlerweile haben sich die Vorwürfe ausgeweitet“, erklärte Leiding. Im Raum steht nun der Vorwurf der Marktmanipulation, der mehrere Wirecard-Geschäftsjahre und wesentliche Teile des angeblichen Geschäfts betreffen könnte. Daraus könnten Betrugsvorwürfe resultieren, was bei nachgewiesenen Vergehen mehrere Jahre Gefängnis nach sich ziehen kann.

Braun wurde wegen der Vorwürfe per Haftbefehl gesucht, hat sich aber der Justiz gestellt und kam nach kurzer Untersuchungshaft gegen Zahlung von fünf Millionen Euro Kaution wieder frei. Marsalek, der für operative Geschäfte zuständig war und damit im Zentrum aller Vorwürfe steht, wird auf der Flucht vermutet. Er soll sich über die Philippinen nach China abgesetzt haben.

Während die Justiz an der Aufklärung des Skandals arbeitet, bei dem auch 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten verschwunden sind, versucht der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffe das Unternehmen und seine 5800 Arbeitsplätze zu retten. Gegenüber dem Gläubigerausschuss hat der 57-jährige Jurist nun eine erste, teils positive Zwischenbilanz gezogen.

„Es haben sich bereits eine Vielzahl von Investoren aus aller Welt gemeldet, die Interesse am Erwerb des Kerngeschäfts beziehungsweise der davon unabhängigen und eigenständig erfolgreich am Markt agierenden Geschäftsbereiche haben“, sagte Jaffe. Kern von Wirecard ist die Technik, die bargeldlose Zahlungsströme im Internet oder über Kartengeräte in stationären Läden zwischen Kunden sowie Händlern aller Art leitet und dabei analysiert.

Wirecard kooperiert weltweit mit rund 300 000 Händlern. Auch diese Kundendatei dürfte auf Interesse stoßen. Dazu hat der tief gefallene Dax-Konzern eine für viele Länder gültige Banklizenz. Tochterfirmen wie die Wirecard Bank sind von der Pleite bislang nicht betroffen. Es ist aber nicht sicher, ob das so bleibt. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass auch Insolvenzanträge für Tochtergesellschaften gestellt werden müssen, stellte Jaffe klar.

Ein Hauptziel sei es nun, die Geschäfte so weit wie möglich am Laufen zu halten. Dazu muss Jaffe Kunden und Handelspartner in aller Welt aber auch Kreditkartenkonzerne bei der Stange halten. Einige Handelspartner wollen nicht mehr mit Wirecard arbeiten, weil sie fürchten, dass weitere Teile des Kartenhauses kollabieren und dann der eigene Zahlungsverkehr blockiert wird.

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