1. Startseite
  2. Wirtschaft

Ein Staat in Geiselhaft

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Johannes Dieterich

Kommentare

Protest gegen hohe Strompreise: Der staatliche Stromkonzern Eskom schustert der Gupta-Familie lukrative Aufträge zu.
Protest gegen hohe Strompreise: Der staatliche Stromkonzern Eskom schustert der Gupta-Familie lukrative Aufträge zu. © rtr

Drei Brüder haben es geschafft, den südafrikanischen Staat zu unterwandern. Sie kontrollieren den Präsidenten und viele Entscheidungen der Regierung.

Es gibt Skandale, die wie ein Sprengsatz explodieren und anderntags aus dem Weg geräumt sind, oder Skandale, die langsam aber sicher auf ihre Klimax zustreben und zu ihrer Entsorgung einigen Aufwand erfordern. Schließlich gibt es Skandale, die sich wie ein Pilzgeflecht über Jahre hinweg unter dem Waldboden ausbreiten und deren giftige Folgen kaum zu beheben sind.

Zu Letzteren zählen die Machenschaften der indischen Gupta-Familie, die einen ganzen Staat, nämlich den südafrikanischen, unterwandert hat. Innerhalb von zwei Jahrzehnten vermochten die drei Gupta-Brüder am Kap der Guten Hoffnung nicht nur ein Firmenimperium aufzubauen – mit Minenunternehmen, Computerproduktion, einer Fernsehgesellschaft und einer Tageszeitung. In ihrem Anwesen in Johannesburg wird auch über Ministerposten und den Wirtschaftskurs der Regierung entschieden. Der Grund dafür: Präsident Jacob Zuma und seine umfangreiche Familie (insgesamt sechs Frauen und mindestens 21 Kinder) haben ihr wirtschaftliches Wohlergehen ganz auf die Guptas ausgerichtet.

Dass Zuma mit der Größe seiner Familie und der Leere seines Geldbeutels chronische Probleme hat, wurde bereits vier Jahre vor seiner Bestallung zum Staatspräsidenten deutlich – als sein einstiger „Finanzberater“, der Geschäftsmann Schabir Shaik, wegen eines „korrupten Verhältnisses“ mit dem damaligen Vizepräsidenten zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde. Zuma wurde auch selbst angeklagt: Doch der inzwischen zum ANC-Präsidenten gekürte Politiker vermochte das Verfahren durch politischen Druck zu stoppen. Shaiks Gefängnisstrafe zwang ihn allerdings, sich nach neuen Sponsoren umzuschauen. Seine Wahl fiel auf die drei Gupta-Brüder, die kurz vor der südafrikanischen Wende 1994 ans Kap der Guten Hoffnung gekommen waren und zur Expansion ihrer Geschäfte die Nähe zur Politik suchten. Zuma hatte ohnehin enge Beziehungen zur indischen Community: Er stammt aus der Provinz Kwa-Zulu/Natal, der Hochburg südafrikanischer Inder.

Den ersten Hinweis, dass die Gupta-Brüder dem Staatspräsidenten höchst nahe standen, lieferte die „Waterkloof“-Affäre vor drei Jahren. Damals landete eine aus Indien kommende Chartermaschine auf dem Waterkloof-Militärflughafen bei Pretoria: Deren Insassen wurden mit einer Polizei-Eskorte zu einer Hochzeit der Gupta-Familie im nahegelegenen Vergnügungseldorado „Sun City“ gebracht. Die Frage, wer der Maschine die Landung erlaubt hatte, führte zu einem Reigen an Abwiegelungen und Beschuldigungen, dem schließlich Protokollchef Bruce Koloane zum „Opfer“ fiel: Er wurde mit einem Botschafterposten in Holland „bestraft“.

Mit Zumas Hilfe

Mit Zumas Hilfe machten sich die Gupta-Brüder Ajay, Atul und Rajesh sowie deren Neffen Varun im lukrativsten südafrikanischen Sektor, der Minenindustrie, breit und gründeten zum Dank den TV-Sender ANN-7 sowie die Zeitung „New Age“, um den Zuma-kritischen Medien etwas „Positives“ gegenüber zu stellen. Kommerziell sind beide Organe kein Erfolg: Sie werden von Regierungswerbung über Wasser gehalten, die zuweilen sogar der Präsident persönlich in die Wege leitet. Als Finanzminister Pravin Gordhan Anfang dieses Jahres den Fehdehandschuh gegen Zuma aufnahm, weigerte er sich unter anderem bei einer Frühstücks-Veranstaltung von „New Age“ aufzutreten, die sich die Zeitung mit Sponsoring von Staatsbetrieben wie dem Stromkonzern Eskom, der Eisenbahngesellschaft Prasa oder Telkom vergolden lässt.

Die Guptas verdanken den Staatsbetrieben ihren astronomischen Aufstieg. Eskom schustert den Kohleminen der Firma lukrative Aufträge zu, der Rüstungskonzern Denel zieht die Gupta-Firma VR Laser traditionellen Geschäftspartnern vor und Prasa lässt Beraterverträge auf die Gupta nahe Trillian Capital Partners umschreiben. Sowohl in der Gupta-Minengesellschaft Tegeta wie in VR Laser sitzt Zuma-Sohn Duduzane als Direktor. Im Zentrum der langfristigen Strategie der Guptas steht eine Uran-Mine, die Zuma junior und der jüngste Gupta-Bruder Rajesh für einen Apfel und ein Ei (37,3 Millionen Dollar) erworben haben. Sie setzen auf ein Nuklearprogramm der Regierung, mit dem der chronischen Stromknappheit des Landes begegnet werden soll. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit soll Präsident Zuma bereits einen Vorvertrag mit dem russischen Atomkonzern Rosatom zum Bau von acht Kernkraftwerken im Wert von zehn Milliarden Dollar unterzeichnet haben – ein Megaprojekt, das im von Sonne und Wind verwöhnten Südafrika absurd erscheint. Der damalige Finanzminister Nhlanhla Nene lehnte das Megaprogramm auch aus finanziellen Gründen ab – und wurde daraufhin Ende des Jahres von Zuma seines Amtes enthoben.

Nenes Absetzung löste ein Beben aus. Der Präsident sah sich gezwungen den völlig unbekannten David van Rooyen wieder abzuberufen und durch den einstigen Finanzminister Pravin Gordhan zu ersetzen. Während der Affäre kam zum Vorschein, dass der Vizefinanzminister von den Guptas gefragt worden war, ob er nicht Nenes Nachfolge antreten wolle: Ein Verfahren, das offensichtlich Gang und Gäbe war. Eine ANC-Politikerin gab bekannt, ihr sei von den Guptas das Ministerium für Staatsbetriebe angeboten worden – aber nur für den Fall, dass sie dem Flugunternehmen der Familie die Verbindung zwischen Südafrika und Indien zukommen lasse. Alles deutete darauf hin, dass die Guptas an der Regierungsführung direkt beteiligt sind.

Finanzminister Gordhan, selbst indischer Abstammung, kämpft derzeit gegen die Tentakel der Familie in die Staatsbetriebe – und riskiert so sein Amt. Eine von Zuma eingesetzte Polizeieinheit will den in der Wirtschaft angesehenen Minister wegen läppisch erscheinender Vergehen während seiner Zeit als Chef der Steuerbehörde vor den Kadi bringen: Passiert das, wird die ohnehin schwer angeschlagene Wirtschaft des Landes einen Sturzflug erleben.

Langsam regt sich auch innerhalb des ANC Unmut: Am Montag zogen Hunderte von ANC-Mitglieder vor die Parteizentrale in Johannesburg, um Zumas Ablösung zu fordern. Überraschend kündigten die Guptas vor Tagen ihren Rückzug aus Südafrika und Umzug nach Dubai an: Experten glauben, dass es sich um ein Ablenkungsmanöver handelt.

Auch interessant

Kommentare