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Mitarbeiter von Siemens Healthineers arbeiten an einem CAT-Scan-Gerät.

Medizin

Auf den Spuren von Roche

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Die Siemens-Medizintechnik-Tochter Healthineers will mit innovativer Digitaltechnik im Krankenhaus am Weltmarktführer vorbeiziehen.

Bernd Montag ist glücklich. Defizite im eigenen Haus kann der Chef der Siemens-Medizintechniktochter Healthineers jedenfalls nicht erkennen, bei der ersten Bilanzvorlage des Unternehmens nach seinem Börsengang im März. Mit dem Kapitalmarkt im Rücken könnte man nun zwar einfacher zukaufen, müsse das aber nicht. "Wir haben keinen Trend verschlafen", betont der Manager und reklamiert die weltweite Innovationsführerschaft in seiner Branche für Siemens Healthineers. Als Schrittmacher sieht er Digitaltechnik und künstliche Intelligenz (KI). Mit gut 500 Patenten allein in diesem Bereich und 40 schon verkäuflichen KI-Produkten stehe sein Konzern so gut da wie kein Wettbewerber. Die Bilanz spiegelt das auf den ersten Blick nur bedingt wider.

Der Jahresüberschuss ist im Geschäftsjahr 2017/18 (zum 30. September) von 1,4 auf 1,3 Milliarden Euro geschrumpft und die immer noch sehr vorzeigbare operative Gewinnmarge von 18 auf 17,2 Prozent zurückgegangen. Das geht aber auf die gut 100 Millionen Euro umfassenden Kosten des Börsengangs und auch negative Währungseffekte zurück. Aktionäre werden mit 70 Cent Dividende beglückt, was sich auf 700 Millionen Euro summiert. 85 Prozent davon entfallen auf den Mutterkonzern Siemens, für den die Medizintechnik damit eine Hauptgewinnquelle bleibt.

Das Geschäft, das 2017

/18 auf bereinigter Basis um knapp vier Prozent auf 13,4 Milliarden Euro gestiegen ist, wurde dabei vor allem von bildgebenden Geräten wie Computertomographen getrieben. Hier war das Wachstum doppelt so stark wie bei Diagnostik als zweiter tragender Säule des Geschäfts. Bei Letzterem und hier speziell dem Laboranalysesystem Atellica ruhen aber die größten Hoffnungen. "Blut kann damit in acht Minuten analysiert werden", betont Montag. Das sei viermal schneller als bisher und vor allem für Herzinfarktpatienten ein entscheidender Zeitgewinn. Mit anderer Digitaltechnik will Siemens Healthineers im Krankenhaus die Zeit von der Einlieferung bis zur Behandlung eines Patienten mit Schlaganfall von im Schnitt 90 auf 20 Minuten verkürzen. Das kann den Unterschied zwischen Genesung und lebenslangem Pflegefall ausmachen.

Zwei Drittel aller Umsätze habe sein Konzern mit innovativen Produkten gemacht, die nicht älter als drei Jahre sind, schwärmt Montag. Vom Hoffnungsträger Atellica seien allein im Schlussquartal von Juli bis September knapp 1.000 Analysesysteme ausgeliefert worden. Im laufenden Geschäftsjahr sollen davon bis zu 3.500 Stück verkauft werden und im Jahr darauf doppelt so viele. Damit könnte Siemens Healthineers dann auch in der Diagnosesparte zum bisherigen Weltmarktführer Roche aufschließen. Bei bildgebenden Geräten sind die Erlanger schon die globale Nummer eins.

Geschwindigkeit bei der Diagnostik ist dabei nur ein Trend, der die Medizintechnik treibt. Ein anderer ist die Auswertung der global riesigen Mengen an Patientendaten mittels KI. Auch hier wähnt sich das seit September im MDax notierte Unternehmen mit seinen konzernweit 50.000 Beschäftigten - davon rund ein Viertel hier zu Lande - in einer weltweiten Spitzenposition. KI made by Siemens Healthineers begutachtet dabei zum Beispiel Aufnahmen von  Computertomographen und macht Radiologen selbständig auf Befunde aufmerksam. Von Technik vollständig ersetzt werden sollen solche Spezialisten aus Fleisch und Blut aber nicht, betonen die Erlanger.

1,3 Milliarden Euro und damit ein Zehntel der Umsätze haben sie voriges Geschäftsjahr in Forschung und Entwicklung gesteckt. Das soll dafür sorgen, dass es künftig beschleunigt aufwärts geht. Die Umsätze sollen im laufenden Geschäftsjahr jedenfalls um vier bis fünf Prozent zulegen und auch die operative Umsatzrendite wieder auf 17,5 bis 18,5 Prozent wachsen. "Wir legen die Messlatte ein Stück höher", kündigte Montag an. Kommt es so, steigt voraussichtlich auch der Weltmarktanteil. "Der Starke wird stärker", sagt er dem eigenen Konzern voraus.

In die Prognose eingeplant sind dabei bereits dämpfende Effekte durch die von US-Präsident Donald Trump ausgelösten Handelskriege. So kosten 2018/19 neue Zölle auf medizintechnische Produkte 30 bis 40 Millionen Euro Gewinn. Auch im Iran, den die USA mit Sanktionen in die Knie zwingen wollen, kann Siemens Healthineers nur noch auf gedämpftem Niveau Geschäft machen, räumte Montag ein. Mit Blick auf den 2019 bevorstehenden Brexit arbeite man zudem an logistischen Notfallplänen für auf den britischen Inseln gefertigte Medizintechnik. Echte Sorgenfalten beschert Montag aber auch das nicht.

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